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Adam Szymczyk und Elena Filipovic: Der Scheue und die Schöne

Adam Szymczyk und Elena Filipovic helfen der Berlin Biennale beim Erwachsenwerden. Eigentlich schade – richtig spannend an der Kunstschau fanden wir bislang vor allem das jugendlich Rabiate.

Nein, Adam Szymczyk und Elena Filipovic sind nicht zu sprechen. Nein, bis morgen sind die Kuratoren in Warschau, vielleicht am Montag? Nein, Montag geht doch nicht, es gibt Probleme mit dem Katalog, Szymczyk und Filipovic müssen deswegen dringend nach Basel. Und danach direkt weiter nach New York. Ja, und von New York aus direkt nach London.“ Meike Cruse steht unter Strom. Die Pressesprecherin der Berlin Biennale ist massiv damit beschäftigt, den Kuratoren der Kunstausstellung den Rücken frei zu halten. Allerdings: Basel, New York, London, das ist mehr als Rückenfreihalten. Das klingt auch so, als ob die Ausstellung mit voller Wucht im internationalen Kunst-Jet-Set angekommen sei. Als ob die Ausstellung erwachsen geworden sei.

Der Job von Adam Szymczyk und Elena Filipovic besteht darin, dieses Erwachsenwerden in eine Form zu bringen. Die Ironie dabei ist, dass der gebürtige Pole (Jahrgang 1970) und die US-Amerikanerin (Jahrgang 72) die jüngsten Kuratoren in der Geschichte der Biennale sind. Und sie sind rein optisch das genaue Gegenteil zum gestylten Kunstexpertentum: Er erinnert mit Chucks und Seitenscheitel ein wenig an einen scheuen Langzeitstudenten, sie an eine Vertreterin der digitalen Boheme, die in melancholischer Schönheit überlegt, welche unterbezahlten Projekte dem prekären Dasein ein wenig Stil verschaffen könnten. Zwei Berlin-Mitte-Figuren, so schön und so klischeehaft, dass man in der Außendarstellung von Szymczyk und Filipovic eine Strategie vermuten darf.

Aber man sollte sich nicht von szenigen Äußerlichkeiten täuschen lassen. Adam Szymczyk ist längst ein alter Hase im Kunstzirkus, seit 2003 leitet er mit der Kunsthalle Basel nicht den größten, aber einen der innovativsten Ausstellungsorte in der Schweizer Kunstmetropole. Hier zeigte Szymczyk die deutsche Malerin Tomma Abts, kurz bevor sie den renommierten Turner-Preis erhielt und zum internationalen Star avancierte – so geht Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Und hier zeigte Szymczyk „Supershow“ von der dänischen Performancegruppe Superflex: leere Ausstellungshallen, nach deren Besichtigung (bei freiem Eintritt) jeder Besucher zwei Schweizer Franken erhielt. „Wir wollten zeigen, wie die Kunsthalle als Institution funktioniert“, beschrieb Szymczyk damals seinen Ansatz. Es ging darum, mit Kunst einen Mehrwert für die Stadtbevölkerung zu schaffen, die Ausstellung brachte diese trockene These mit einem sinnlichen, humorvollen Aha-Effekt auf den Punkt – so geht Museumstheorie, die Spaß macht.

In Berlin werden Szymczyk und Filipovic als erstes den Radius der Biennale erweitern. Bei den Vorgängern konzentrierte sich alles um das Galerienviertel Augustraße in Berlin-Mitte, 2008 werden davon nur noch die KunstWerke als zentraler Ausstellungsort übrig bleiben. Dazu gibt es eine als „Skulpturenpark Berlin_Zentrum“ bezeichnete Brachfläche am Rande Kreuzbergs und – die Neue Nationalgalerie. Den Mittelpunkt der Westberliner Kunstbourgeoisie, etabliert, staatstragend, ein wenig uncool. Und damit die Antithese zum halbfertigen, jugendlichen und prekären Mitte, für das die Auguststraße steht. So etwas kann Szymczyk: Mit einer kleinen, gerade mal symbolischen Entscheidung das Hirn in Bewegung setzen. Wir stellen nur die Frage nach einem Veranstaltungsort und sind doch schon längst in einer Diskussion darüber, was Kunst soll, in welchem sozialen Rahmen sie sich bewegt.

Bloß keine Bauruinen mehr

Mit dem Vorhaben, sich selbst in einen Rahmen zu setzen, hatte die Berlin Biennale seit ihrer Gründung 1998 Probleme. Ihre Meriten lagen ohnehin woanders: Die Ausstellungsreihe war uns als jugendlich-unkompliziert ans Herz gewachsen, trashig, größenwahnsinnig, wütend, leicht zugänglich. Das Schmuddelkind unter den großen Ausstellungen, von dem die Altkritiker entsprechend entsetzt waren. Wieso eigentlich „Biennale“ – die ersten Ausgaben liefen doch im Dreijahresrhythmus? Und was wurde da eigentlich gezeigt? Trendy Trashkunst, nichts für die Ewigkeit, nur was für den schnellen Kunstmarkt. Sowie für Berlintouristen, deren Erwartungen von einer abgefuckten, kaputten Kunstboheme hier aufs trefflichste bedient wurden. Und selbst wohlmeinende Besucher mussten zugeben: Vollkommen Unrecht hatten die Kritiker nicht.

Wobei der Anspruch der Berlin Biennale zumindest zu Beginn auch gar nicht höher lag: Hier sollte nicht die Zukunft der Ausstellungskultur skizziert werden, hier sollte ein Abbild der glühenden, jungen Kunstmetropole entstehen, die Berlin Ende der Neunziger war. Und diese Metropole hatte eben mehr mit besetzten Abbruchhäusern, lauter Musik und Wodka auf Ex zu tun als mit dem State of the Art der weltweiten Kunstschauen.

Zum Problem entwickelte sich das erst, als auch noch die vierte Berlin Biennale 2006 den Charme abplatzenden Putzes bemühte. Hier war eine Schiene entstanden, die Szymczyk und Filipovic dringend verlassen mussten. Bloß keine Bauruinen mehr, solange diese Bauruinen nicht ganz klar in einem bestimmten Kontext stehen! 2008 geht es erstmal ausschließlich darum, die Ausstellung in solchen Kontexten festzuzurren.

Kontexte festzurren: Dass Adam Szymczyk so etwas kann, hat er in Basel bewiesen. Und parallel dazu bastelt Elena Filipovic den theoretischen Überbau. Die US-Amerikanerin schließt gerade ihre Dissertation an der Princeton University ab, publiziert journalistisch wie wissenschaftlich, ist Gasttutorin für Ausstellungsgeschichte in Amsterdam. Erfahrung im Ausstellungsmachen hat sie zudem, zurzeit betreut sie die erste lateinamerikanische Retrospektive Marcel Duchamps in Buenos Aires und Sao Paulo. Vielleicht kann man die Aufgabenverteilung zwischen den beiden Kuratoren so beschreiben: Szymczyk arbeitet eher praktisch, Filipovic eher theoretisch, grundsätzlich geht es aber um Kommunikation auf Augenhöhe. „Was die Arbeit des Kurators so erfüllend macht, ist der Gedankenaustausch bei gemeinsamen Projekten“, beschreibt Szymczyk die Arbeit mit Blick auf seine Co-Kuratorin.

Gedankenaustausch, Streit, Gespräch. Was die Kuratoren an der Vorbereitung schätzen, soll auch den Zuschauer während der Biennale inspirieren. Die Kunstschau wird unterteilt, in einen Teil tagsüber, an dem die Bildende Kunst traditionell besichtigt wird, und einen nächtlichen Teil, der eine offene Form haben soll: Raum für Vorträge, Performances, Konzerte, Workshops, Filmscreenings. Tagsüber schaut man sich Kunst an, abends redet man über das Gesehene, schnell hat man rotweinschwere Kunstdiskussionen vor Augen und sieht die Berlin Biennale wieder als den Teil des Mitte-Nachtlebens, der schon die vorangegangenen Ausstellungen waren. Dabei geht es Szymczyk und Filipovic nicht nur darum, zur Ausstellung auch noch geselliges Beisammensein zu ermöglichen, die Nacht soll gleichberechtigt neben dem Kunstgenuss tagsüber stehen – keine Ergänzung sondern die zweite Hälfte des Biennalebesuchs. Wenn man vergisst, dass mit „100 Tage – 100 Gäste“ schon vor elf Jahren ein ganz ähnliches Programm auf der documenta initiiert wurde, mag man das recht originell finden.

Blut, Schweiß und Tränen

Aber es geht ja gar nicht darum, etwas besser zu machen als bei der documenta, in Venedig oder all den anderen großen Kunstausstellungen rund um die Welt. Es geht darum, Berlin auf der Landkarte der Kunst zu halten, auch im wirtschaftlichen Sinn. Die Berlin Biennale ist ja nicht nur eine große Ausstellung, sie ist auch ein Durchlauferhitzer für den Kunstmarkt, wer hier ausstellt, verkauft am nächsten Tag wie blöde. Basel, New York, London: Es ist kein Zufall, dass die Reiserouten von Adam Szymczyk und Elena Filipovic auf ähnlichen Bahnen verlaufen wie die Routen des Marktes. Erwachsen zu werden heißt auch, dass die Berlin Biennale ihr Verhältnis zum Kunstmarkt finden muss. Angesichts der Hochnäsigkeit, mit der beispielsweise die vergangene documenta dem Marktgeschehen gegenübertrat, erwarten wir bei diesem Vorhaben Blut, Schweiß und Tränen. Da ist es nicht schlecht, wenn die Berlin Biennale auf Konfrontationskurs geht: Der Gedankenaustausch, den sich Szymczyk wünscht, kann ja durchaus auch mal lauter werden. Und sei es bei einer nächtlichen Biennale. Dann darf auch die Wodkaflasche wieder auf den Tisch.

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