Contemporary Music

Alexander Fehling: Bitte nicht geil finden!

Machen wir uns nichts vor: Schauspieler sind vor allem eitel und egoistisch. Alexander Fehling streitet das auch gar nicht ab. Trotzdem will er eins auf keinen Fall: dass man ihn geil findet.

Vielleicht, wenn er sich nicht am schwarzen Brett in einem kleinen Kulturladen in Berlin-Pankow seine erste Theaterrolle gesucht hätte – vielleicht wäre aus Alexander Fehling dann einer der WM-Helden von Südafrika geworden. Denn der 29-Jährige hatte hauptsächlich Fußball gespielt, bevor er das Spielen auf einer Bühne für sich entdeckte. So aber ergatterte der Zwölfjährige die Rolle des Esels in „Die Bremer Stadtmusikanten“, tourte durch Kindergärten, wechselte später ins Off-Theater und wurde schließlich Schauspieler. Heute muss der Berliner nicht mehr wie das Maultier im Märchen der Brüder Grimm ganz unten stehen – er bekommt Hauptrollen, spielt in dem aufwändigen und wunderbaren „Goethe!“ den Dichterfürsten, der todunglücklich in die schöne Lotte verliebt ist und deswegen seinen legendären „Werther“ schreibt. Fehling hat es geschafft. Er steht ganz oben.

Jetzt, beim Interviewtermin im durchdesignten Hotelzimmer im Soho House Nähe Alexanderplatz, muss er erst einmal Telefondienst machen. Neben einem der beiden Flachbildschirme und unweit der freistehenden Badewanne mit Löwentatzenfüßen klingelt ein alter Apparat. Fehling nimmt ab, sagt: „Ja, aber dafür bin ich nicht zuständig!“ und legt wieder auf. „Das passiert schon den ganzen Tag“, erklärt er, ohne zu erklären, was er damit genau meint und wer dran war. Er fragt, ob er das Fenster schließen könne – an der Ecke Torstraße/Prenzlauer Allee ist ein Höllenlärm an diesem schwülen Spätsommermittag – und setzt sich auf einen Retrodesignstuhl. Das Soho House ist die Art von Hotel, das aus Klasse und Stil vergangener Epochen mit ein paar modernen High-End-Ergänzungen einen neuen Style kreieren will; ein Ort, an dem solariumgebräunte Agenturdamen im Fahrstuhl ihre Kolleginnen mit „Darling“ begrüßen und erzählen, wer für ein Shooting auf dem rooftop ist – und doch auch ein Ort, der Schönheit und Kultur verströmt.

 

Ein Frauen- und Modeltyp – doch Fehling ist auch zuvorkommend, unsicher, zweifelnd

 

Alexander Fehling passt in diese Mischung aus Oberfläche und Tiefgang gut hinein. Er sieht auf eine Art gut aus, die ihm den Neid seiner männlichen Mitmenschen garantiert: 1, 83 Meter groß, schlank, strahlend blaue Augen im markant geschnittenen Gesicht, wuschelige blonde Haare, dazu heute ein nonchalantes graues Hemd und eine schwarze Stoffhose. Ein Frauen- und Modeltyp, ein Typ, dem alles steht und dem alles gelingt – und sei es durch sein Aussehen. Doch Fehling ist auch zuvorkommend, unsicher, zweifelnd, ehrlich und formuliert geschliffene Sätze, die wieder einmal das Klischee widerlegen, dass der Intellekt der Preis für gutes Aussehen sei.

Fehling war der Zivi in Auschwitz in „Am Ende kommen Touristen“, er spielte in „Buddenbrooks“ die große Liebe von Jessica Schwarz, gefiel als feierbegeisterter Student in „13 Semester“ und wurde in „Inglourious Basterds“ als Nazisoldat beim „Wer bin ich?“-Spielen erschossen – zusammen mit Til Schweiger. Alles Meriten. Doch Fehling ist noch zu entdecken, und zwar zwingend. „Goethe!“ könnte, nein, sollte, nein, wird sein Durchbruch sein: So sympathisch und schwungvoll hat schon lange kein deutscher Schauspieler mehr die Leinwand zu seinem Spielplatz gemacht.

 

„Im Leben trägt man Konsequenzen, die man in einem Film, in einer Rolle nicht trägt.“

 

 

Aber gehen wir erst einmal zurück an den Anfang, zum langweiligen informativen Teil: Warum ist Fehling Schauspieler geworden? Der Gefragte trinkt einen Schluck Orangensaft und zieht an seiner P&S. „Das ist keine langweilige Frage. Es ist eine sehr berechtigte, schwierige Frage, weil sie sehr persönlich ist.“ Fehling überlegt, das Telefon klingelt, aber im Zimmer nebenan. „Jeder sucht das, wo er sich am sichersten und wohlsten fühlt. Der eine schraubt den ganzen Tag an einem Auto rum und zergeht dabei vor Glück. Der Andere sagt: Finde ich toll, was du machst, aber ich könnte das nicht. Ich denke schon, dass ich mich auf eine bestimmte Weise zeigen möchte, und ich will darauf eine Reaktion kriegen.“ Es geht also um Bestätigung? „Natürlich.“ Fehling sitzt ruhig da, nur in seinem Kopf herrscht Bewegung. „Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es um Liebe geht. Vielleicht will ich zeigen, wer ich bin, weil ich das im Leben nicht die ganze Zeit in dieser Form tun kann – im Leben trägt man Konsequenzen, die man in einem Film, in einer Rolle nicht trägt. Und natürlich hoffe ich, das muss ich zugeben, dafür geliebt zu werden. Allerdings mit dem Filter der Figur. Es geht dabei nicht nur um mich. Es geht nicht darum, dass man mich geil finden soll. Liebe ist ja nicht nur die Befriedigung von Eitelkeit.“ Nein, Liebe hat auch viel zu tun mit … Unsicherheit? „Ja. Eine Rolle kann wie ein geschützter Raum sein, in dem man sich Dinge traut, von denen man sich sonst nur wünscht, dass man sie sich traute.“ Und mit … Abhängigkeit? Fehling streicht die Asche seiner Zigarette sorgfältig im Designeraschenbecher ab. „Die Gefahr besteht.“ Er blickt zur Decke. „Mich treibt an, dass meine Arbeit und mein privates Leben sich befruchten. Sie versetzen sich zwar auch mal gegenseitig Ohrfeigen, aber sie bestärken einander. Das Potenzial, das ich im Leben suche, suche ich auch in der Arbeit. Wenn ich es in der Arbeit nicht finde, merke ich, dass es mir auch im Leben fehlt. Und dann gehe ich woanders hin und suche da.“

Nach und nach schält sich heraus, warum genau Alexander Fehling Schauspieler geworden ist. Das, was er Potenzial nennt, heißt im Klartext: Spaß. Action. Aufregung.
„Ich will einfach was erleben“, sagt er. Und auf der Bühne und vor der Kamera erlebe er eben etwas. Er schlägt ein Bein über, lehnt sich vor. „Ich habe schon immer gerne gespielt, Fußball ist ja auch ein Spiel. Bei dieser Verdichtung einer Situation auf der Bühne oder im Film, wo das Leben viel länger braucht, bis sich etwas verändert – da erlebe ich etwas, und das macht mir Freude. Ich fühle dann etwas Intensives, ich fühle, dass ich am Leben bin. Dass ich da bin.“ Deswegen ist er auch nach den Dreharbeiten zu „Goethe!“ mit drei Freunden für vier Monate nach Afrika geflogen, um einen experimentellen Film ohne Drehbuch zu machen. Doch Fehlings Erlebnisurlaub hatte auch einen anderen, tieferen Sinn: Es geht ihm darum, als Künstler wach und aufmerksam zu bleiben. „In Afrika war ich raus aus allem, denn wichtig ist vor allem eins: seinen Blickwinkel zu verändern, sich eine Sache anzuschauen und zu sagen: Wie sieht das eigentlich von da aus? Jede Sache hat viele Seiten.“ Er gibt ein plastisches Beispiel: „Wenn jemand eine Hose anprobiert, sagt man ja auch: Dreh dich mal um, ich will wissen, wie die von hinten aussieht. Es geht darum, in Bewegung zu bleiben, und dazu muss man manchmal weit weg gehen, manchmal um die Ecke, und manchmal muss man nur mal die Augen schließen.“

Fehlings Energie dringt in diesem Moment durch wie gleißendes Licht durch eine transparente Hülle. Er hält den Blick, lächelt, vielleicht überrascht von der Pointiertheit seiner eigenen Formulierung, wirkt im selben Maße todesmutig und verletzlich. Genau die Mischung, die seinen Goethe zum Erlebnis macht. Und doch klingt da noch etwas anderes durch: Getriebenheit. Angst. Angst vor Stillstand. Fehling zögert zwei Sekunden, drei, verschränkt die Arme: „Angst vor Stillstand ist schon ein Thema. Aber man kann ja Angst vor dem Stillstand habe, ohne immer hyper drauf zu sein. Ich kann mich gut entspannen und bin gerne mal faul. Das hat aber seine Grenzen. Dann geht’s mir irgendwann schlecht, dann muss was passieren.“ Ein Schulterzucken. „Vielleicht ändert sich das irgendwann mal, vielleicht bleibt das so.“ Er raucht, lächelt.

 

 

 

Wenn etwas passieren muss: Wie passiert es? Wie geht er an eine Figur ran? Schreibt er seitenlange Biografien? Quält er sich im Militärcamp, wenn er einen Soldaten spielen soll? Fehling räuspert sich, relativiert. „Manchmal ist es gut, für die Rolle eines Wurstverkäufers sechs Wochen in die Currybude zu gehen. Manchmal reicht es, sich einfach nur daran zu erinnern, wie die letzte Currywurst geschmeckt hat. Vor ,Goethe!’ habe ich mich in eine Kammer eingemietet, weg von Radio und Fernsehen. Ich habe mich gefragt: Was passiert mit mir, wenn ich außerhalb der Zusammenhänge bin? So, wie es auch im 18. Jahrhundert war: Wie ist es, wenn es nachts immer dunkel ist? Wenn es keine Medien gibt? Da wird man ganz schnell auf sich zurückgeworfen.“ Hat ihn die Maßnahme näher an den Sturm-und-Drang-Johann, den Weltliteraten, den wichtigsten deutschen Dichter aller Zeiten herangeführt? Fehlings Augen leuchten, obwohl ihn die Frage vor Probleme stellt. „Das kann man schwer beschreiben, weil es so irrational ist. Ich saß ja nicht da und habe gedacht: Komisch, jetzt bin ich drei Tage hier und fühle mich immer noch nicht wie Goethe! Es hat mir einfach einen weiteren Blick gegeben, weil nicht andauernd so viele Dinge vor mir standen. Und es hat einen Raum in meinem Kopf geöffnet, aus dem ich viele Sachen verabschiedet habe und den ich während der Arbeit neu füllen konnte.“

Nein, Alexander Fehling klingt nicht wie ein Mann, der seine Nächte surfend vor dem Rechner verbringt. Dass handgeschriebene Liebesbriefe und selbstverfasste Prosa heute als altbacken empfunden werden, findet er schade und outet sich als Epigone einer vorindustriellen und voranalogen Zeit. „Da ich überhaupt nicht weiß, wie eine Facebookseite aussieht, kann ich das nicht beantworten“, gibt er zu, als die Frage aufkommt, was Goethe heute in einem sozialen Netzwerk so posten würde. „Vielleicht wäre er ja auch gar kein Dichter, sondern Musiker. Im Film sagt Lotte, dass sie ,Emilia Galotti’ von Lessing schon dreimal gelesen hat und das Stück unbedingt mal auf der Bühne sehen will. Das ist doch nichts anderes, als wenn man heute sagt: Mann, jetzt kommt diese coole Band, die will ich unbedingt mal live sehen. ,Die Leiden des jungen Werther’ war zu seiner Zeit praktisch eine popkulturelle Bewegung!“ Und wie bringt man diese 240 Jahre alte Popkultur einer Generation nahe, die mit „Grand Theft Auto“, Twitter und 3-D-Kino aufwächst? „Faust“ als Rapsong? Schillers „Bürgschaft“ als Actionfilm? „Woyzeck“ als Egoshooter? Fehling verzieht das Gesicht, er hält diese Idee nicht für sinnvoll. „Wer sich dafür interessiert, der guckt es sich auch an.“ Er ist eben Idealist. „Ich glaube, dass die Themen Liebe, Angst und Tod, die universellen Themen, die sich nie ändern werden und auf die alles zurückzuführen ist, auf Facebook genau dieselben sind. Genau wie die Suche nach Bestätigung, nach Menschen, die ähnlich empfinden wie man selbst.“

Dann schaut er einen wieder direkt an, ertränkt einen in seinen blauen Augen und schließt: „Ich sag dir, was man machen sollte: Man sollte einen Film machen wie ,Goethe!’, wo man viel über den Geist der Zeit und der Figuren erzählt, aber auch eine Brücke schlägt zum Heute. Dort holt man die Menschen ab und verführt sie dazu, für etwas offen zu sein, das sie eigentlich nicht interessiert – aber danach schon. So.“ Spricht’s und verlässt das Zimmer zum Mittagessen. „Ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein“, sagt Werther im „Werther“. Das könnte auch von Alexander Fehling sein. Selbst ein Esel würde das verstehen.

Checkbrief
Name Alexander Fehling
Beruf Schauspieler
geboren 29. März 1981
in Berlin
Studium 2003–2007 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin
Preise Förderpreis Deutscher Film, O.E. Hasse-Preis der Akademie der Künste für „Am Ende kommen Touristen“ (2007)
kann Klavier und Gitarre spielen

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