WAS WEISS DENN ICH?
Das Hamburger Festival Scienceville will Wissenschaft und Kunst verbinden. Klingt ehrgeizig - dabei ist die Leiterin Ebba Durstewitz schon froh, wenn man überhaupt mal miteinander redet.
Interview: Falk Schreiber
uMag: Ebba Durstewitz, ich kann mir etwas unter dem Dockville als Musikfestival vorstellen. Das Artville als Kunstfestival geht auch. Und auch das Lüttville als Kinderfreizeit. Aber Scienceville?
Ebba Durstewitz: Die Vorgabe war "Kunst und Wissenschaft", und mir war ziemlich schnell klar, was ich nicht machen möchte: ein Festival, wie es sie in Science Centern oder Museen gibt, bei dem es darum geht, was Kunst und Wissenschaft überhaupt miteinander zu tun haben. Das Thema ist ziemlich abgefrühstückt. Unser erstes Anliegen ist, wissenschaftliche Themen aus der Uni rauszuholen, und da passt das Motto "Nichtwissen, Nichtverstehen" ganz gut. Die Lehre vom Nichtwissen nennt sich Agnotologie, die Lehre vom Nichtverstehen nennt sich negative Hermeneutik - das ist einfach ein Perspektivenwechsel, der gerade in den Wissenschaften stattfindet, der aber noch nicht durch alle Feuilletons genudelt wurde.
uMag: Ihr zeigt unter anderem eine Ausstellung des Künstlers Joerg Zboralski, eine Lecture der Performancegruppe Superschool und einen Vortrag des Poptheoretikers Klaus Walter. Wenn du vom Nichtwissen sprichst, denke ich sofort an Kontrollverlust, an Ungeordnetes ... Das ist für mich der Anknüpfungspunkt an das Musikfestival Dockville: der Kontrollverlust.
Durstewitz: Unter das Nichtwissen fallen ja auch absichtliches Schüren von Nichtwissen, Geheimhaltung, pathologische Amnesie ... Schwierig bei dem Thema ist ja, dass wir das Nichtwissen und Nichtverstehen in den Vordergrund stellen, es aber eigentlich darum geht, das Nichtverstehen zu verstehen und über das Nichtwissen etwas zu wissen. Aber was meinst du mit Kontrollverlust?
uMag: Wenn ich etwas nicht weiß, dann verliere ich jede Sicherheit. Es ist ja auch ein bewusster Kontrollverlust, sich auf das Nichtwissen einzulassen.
Durstewitz: Auf jeden Fall. Wir zeigen zwei Filme, und in beiden Fällen handelt es sich um Making-ofs, obwohl die komplett unterschiedlich sind. Beide zeigen aber, wie wichtig das Akzeptieren von Zögern und Zaudern ist. Beim Kunstwerk ist es eine Frage, die ich auch immer ganz interessant finde: Man muss das Nichtverstehen aushalten.
uMag: Ich habe fünf Jahre lang studiert und wage nicht, zu behaupten, mein Thema vollständig durchdrungen zu haben. Wie soll man dann an einem Wochenende mehr machen als etwas anzureißen?
Durstewitz: Kannst du ja gar nicht. Aber das ist der Fehler, den viele in ihrer Perspektive auf Wissenschaft machen, dass sie vergessen: Für die Wissenschaft ist auch nur gültig, was in diesem Moment gültig ist. Morgen kann sich das geändert haben, weil eine neue Erkenntnis kommt. Das heißt: Ein Thema oder ein Themenfeld bei Scienceville komplett zu durchdringen, ist überhaupt nicht möglich. Was übrigens auch wieder was mit Nichtwissen zu tun hat. Beim Schlagwort von der "Wissensgesellschaft" vergisst man immer wieder, dass die Vermehrung von Wissen gleichzeitig die Vermehrung von Nichtwissen bedeutet.
uMag: Du hast in deinem Leben schon unheimlich viel gemacht, warst unter anderem Musikerin, Literaturwissenschaftlerin, Galeristin, Dramaturgin. Um das Gespräch zu schließen, finde ich das einen ganz schönen Gedanken ...
Durstewitz: Dass man etwas macht, obwohl man es nicht versteht und nichts davon weiß?
uMag: Ins kalte Wasser zu springen.
Durstewitz: Mein Wissenschaftsbegriff ist extrem altmodisch. Der hält sich an der antiken Beschreibung fest, dass drei Begriffe die Wissenschaft ausmachen: nämlich Eros, Ratio und Thaumazein. Thaumazein heißt "Sich wundern, staunen". Was dieses Thema extrem tricky macht, ist, dass man eigentlich immer darauf zurückkommen kann. In der Philosophie geht es immer um den Erkenntnisprozess, alles andere gilt als unproduktiv, belastend, verzögernd ... Aber wenn man anfängt, sich über Nichtwissen zu unterhalten, dann ist schon was gewonnen, so profan das erstmal klingen mag. Dann freu' ich mich schon.
Checkbrief
NAME Ebba Durstewitz
BERUF Wissenschaftlerin, Musikerin, Galeristin, Kuratorin
GEBOREN 1971 in Nordhorn
LEBT in Hamburg
LEHRT Portugiesische Literatur an der Universität Hamburg
SINGT und spielt bei der Band JaKönigJa
LEITET das Wissenschaftsfestival Scienceville im Vorfeld des Dockville-Festivals (11.13. 7., Hamburg-Wilhelmsburg)


