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AUFLEGEN ODER AUFREGEN?

Platten, die man zum Jahreswechsel hören muss - oder eben nicht.

Die uMag-Autoren Carsten Schrader, Lasse Nehren und Mitja Steffens haben sich wie stets Unterstützung von außen geholt, um aktuelle Releases zu diskutieren. Zum Jahreswechsel mit mit von der Partie:

CLARA ZINK
hat sich die meisten Chatalben verkatert auf einer sonntäglichen Zugfahrt gegeben. Respekt. Mag Hamburg, wo sie derzeit die Musikredaktion als Praktikantin unterstützt, jetzt schon gern, muss aber im März zurück nach Göttingen, um weiter Sozialwissenschaften zu studieren. Wie sie zu Bommelmützen steht, ist bislang unbekannt.



TEAM ME
TITEL
Blind as Night

30. 1.

Clara: Die Idee, sich bei "Riding my Bicycle" vom heimatlichen Schulchor unterstützen zu lassen, find ich super; klingt ein bisschen nach Tim-Burton-Filmsoundtrack. Ab und an kippt das Ganze dann leider in Richtung "Starlight Express". Wann hat Frontsänger Marius Drogsås Hagen bloß diesen nasalen Teeniebandgesang für sich entdeckt?
Lasse: Weiß nicht ... als Teenie? Insgesamt beweisen die Norweger aber, dass sie nicht nur Rasselbandenhippietum, sondern auch verstiegenere, sogar elektronische Kompositionen können. "Blind as Night" könnte eine Art Rolltreppenplatte auf dem Weg an neue musikalische Orte sein. Jetzt bin ich vor allem gespannt auf die nächste Platte.
Mitja: Mir versalzen hier zu viele Köche die Suppe. Als elektronisches Maschinistensextett feuern sie aus allen Instrumentenrohren mit Sounds - und obendrein auch noch der Schulchor! Hätten sie mir doch bloß mit mehr zurückhaltenden Songs wie "Steven" einen meiner beiden Synthinfarkte dieses Chats - neben Man Without Country - verhindert!
Carsten: Ich bin da ganz bei Lasse: Ambitionierter hätten sie die schwierige zweite Platte nicht hinbekommen können. Da bereue ich fast, dass ich keine Rasselbandenpopvergangenheit mit ihnen habe.



ANTEMASQUE
TITEL
Antemasque

bereits erschienen

Clara: Die raue Nuschelstimme von Cedric Bixler-Zavala gefällt mir ganz gut. Trotzdem stressen mich die Aggression, die Unruhe, die schiefen bis nicht vorhandenen Melodien. Vielleicht bin ich aber auch gerade ein bisschen zu schläfrig für so viel Punk.
Carsten: Ich hatte große Angst, dass Bixler-Zavala und Omar Rodiguez-Lopez bei Mars Volta ansetzen und sich durch minutenlange Progsoli knödeln. Tatsächlich ist Antemasque aber näher an At The Drive-In. Das ist zwar schön, aber eine Anbindung an mein derzeitiges Leben finde ich trotzdem nicht.
Lasse: Mein guter Freund B. empfahl mir mal eine Mars-Volta-Platte, die seitdem ungehört bei mir daheim liegt - daran ändern Antemasque vorerst auch nichts. Obwohl sie den ein oder anderen plattgeklopften Rockismus hübsch aufschütteln, hätte ich mir tatsächlich eher ein bisschen weniger Durchstrukturierung gewünscht. Und weniger Pathos.
Mitja: Mars Volta haben mich nie viel beschäftigt, aber Antemasque scheint mir nicht allzu weit von früheren Pfaden abgekommen, wenngleich einige Songs sicherlich kürzer und leichter zugänglich sind. Mars-Volta-Fans finden bestimmt Anschluss.



ALL WE ARE
TITEL
All we are

30. 1.

Clara: Ich vermute, dass die drei ihr Album unter Wasser aufgenommen haben - ein bisschen Vampire Weekend in blau und blubberig. Das ist halt nichts zum Ausrasten, die Töne tief brummig oder hoch und hauchig, alles ein bisschen säuselnd und verträumt. Doch, ich mag das.
Mitja: Hatte mit All We Are durchaus Genussmomente, aber insgesamt versiegen diese zu schnell. "Ebb/Flow" wäre fast mein Mitreißer geworden, aber dann blieb doch mehr Ebbe als Flut.
Lasse: Mein Problem mit dieser Platte: wenn die Stimmen der Boys so flachbrüstig in die Kopfstimme abdriften. Das hat mich schon bei Jungle oft gestört und macht mir auch hier die soundverliebte Instrumentierung kaputt. Obergeil aber: "Go". Vier Minuten Suche nach dem Superlativ.
Carsten: Leider hat es ihre Coverversion von Caribous "Can't do without you" nicht aufs Finalprodukt geschafft. Macht aber nichts, denn mit Songs wie "Feel safe" oder "I wear you" hat das multinationale Trio aus Liverpool durchaus gleichwertige Hits. Eine Jungle-Analogie habe ich allerdings auch: Am Stück ertrage ich dieses doch sehr eintönige Debüt nicht.



THE SMASHING PUMPKINS
TITEL
Monuments to an Elegy

5. 12.

Clara: Mir fehlt womöglich die nostalgische Bindung an die Pumpkins, um Herzflattern zu kriegen. Ist schon nett, da ist genug Abwechslung für mich drin, um zumindest dabeizubleiben. Wenn es nach mir geht, müssen die aber nicht ständig noch ein Album nachschieben.
Carsten: Ich hab da zwar nostalgische Gefühle, aber auch meinetwegen muss Billy Corgan keine Platten mehr machen. "Oceania" war zuletzt zwar noch mal eine positive Überraschung, aber alles, was die Pumpkins hier bieten, hatten wir früher schon mal in viel besser.
Mitja: Sollte eigentlich als Doppelalbum kommen, aber Billy Corgan hatte Bedenken, wie das "in der heutigen oberflächlichen Kultur konsumiert werden würde". Und damit gibt er es schon vor: Für mich ist "Monuments to an Elegy" nur noch an Konsuminteressen ausgerichtet. Langweilig.
Lasse: Ich habe zu denen ja auch nie eine Verbindung gehabt und weigere mich obendrein, eine Band zu akzeptieren, die sich grob an Kürbissen vergreift. Außerdem mag ich dieses zellophane Digitalflimmern nicht, das über der Platte liegt.



PAUL SMITH & PETER BREWIS
TITEL
Frozen by Sight

bereits erschienen

Clara: Leider trete ich gehaltvolle Songtexte allzu gern mit Füßen, indem ich lieber in Gedanken schwelge, anstatt zuzuhören. Hier wird eine Reise beschrieben, weshalb ich mich schnell an ein Hörspiel erinnert fühle. Eines, bei dem viel improvisiert wurde und bei dem man gut zuhören muss. Nichts für nebenbei, aber da steckt Liebe drin, glaub ich. Und feine Stimmen sowieso.
Lasse: Zwischen Stummfilmuntermalung, Barjazz und "Die Zauberflöte" wirkt "Frozen by Sight" leider auf schon ulkige Art überhöht. Bis auf Ausnahmen fällt es mir schwer, das ernstzunehmen.
Carsten: Befremden auch bei mir - und dabei bin ich mir fast sicher, dass es kaum einen spannenderen Reisepartner als Paul Smith gibt. Kann man wohl nur auf das behäbige Konzept schieben, ein Gefühl für das Alltägliche zu bekommen, indem man sich auf das romantische alte Ehepaar in Santa Monica oder einen Wanderer konzentriert.
Mitja: Max-mo Park gingen mir zuletzt mehr auf den Zeiger als ins Gehör, drum bin ich froh über Smiths neues Projekt. Mir gefällt die Produktionsweise, bei der trotz schwermütig anmutender Streicher viel Leichtfüßigkeit im Arrangement und Luft für Smiths Stimme bleibt, die er somit zurückhaltender und viel geschmeidiger als meist bei Max-mo Park einsetzen kann. Gute Reise!



MAN WITHOUT COUNTRY
TITEL
Maximum Entropy

16. 1.

Clara: Mir gefällt, wie futuristisch und hypnotisch das klingt. Manchmal aber auch ziemlich hart und aggressiv, da muss ich aufpassen, dass mich die Düsternis nicht runterzieht. Der Gesang nimmt dem Sound zwar einiges an Dunkelheit, mir ist das trotzdem ein bisschen zu anstrengend.
Mitja: Hoffentlich klingt das nicht futuristisch im wörtlichen Sinne: Ich möchte von der Sorte Man Without Country in Zukunft nicht zu viel hören müssen. Lieber andere Bands, die das angenehmer und ohne Synthüberdosis hinbekommen.
Carsten: Für mich die Schönheit der Chatrunde: Mit Wavebezügen holen mich die beiden Waliser in den 80ern ab, um dann sehr heutige, sehr intelligente Soundspielereien einzuarbeiten. Man könnte die brachialen Ausbrüche des Debüts "Foe" vermissen, hätten MWC nicht ihr Songwriting so rasant verbessert. Und bei der Coverversion von "Sweet Harmony" bin ich so nackt und glücklich wie damals alle in dem Beloved-Video.
Lasse: Und ich sehe mich schon Arm in Arm mit einem Ecuadorianer den Strand entlang hopsen - das Cover ist wirklich großartig. Die bittere, sich in tosenden Spiralen entladende Brutalität von "Foe" fehlt mir aber trotz - oder gerade wegen - des gereiften Songwritings.