Foto Mode - KLAMOTTENKREISLAUF
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KLAMOTTENKREISLAUF

Stopp: Alte Kleider gehören doch nicht in den Container! uMag hat die besten Recyclingideen gesammelt - Tipps zwischen tauschen, verticken und umdesignen.

Von Nadine Valencic

In meinem Schlafzimmer stehen zwei Kleiderschränke. Sie sind voll. Mit Geliebtem, zu Großem, zu Kleinem, fatalen Fehlkäufen und vermeintlichen Evergreens. Und im Keller warten fünf blaue Müllsäcke mit aussortierter Kleidung auf eine Entscheidung. Was tun mit ausrangierten Klamotten im Jahr 2010, mitten drin im Spannungsfeld aus Modebegeisterung, Krisenzeiten und nachhaltigem Denken?

Laut Statistik gab eine Durchschnittsfrau 2007 rund 600 Euro für neue Kleidung aus, Männer beschränkten sich auf 336 Euro. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich wesentlich höher. Demgegenüber steht die gigantische Zahl von 750 000 Tonnen Textilien, die im selben Jahr in deutschen Kleidersammlungen gelandet sind. Aussortiert und weggeworfen, obwohl fast die Hälfte davon noch tragbar und als Second Hand Mode weiterverkäuflich war (Quelle: fairwertung.de). Schnelles, kopfloses Entsorgen im Altkleidercontainer ist heute schlicht out - egal, ob aus Geldsorge oder wegen des viel zitierten nachhaltigen Denkens. Flohmarkt, Klamotten-Tausch-Partys, Do-it-yourself-Aktionen oder professionelles Upcycling gebrauchter Kleidung: Es gibt so viele Möglichkeiten, dass es durchaus schlau ist, sich strategisch mit der textilen Übermacht in Kleiderschrank und Keller auseinanderzusetzen.

In gebrauchter Kleidung steckt viel Persönlichkeit, und oft sind sie sogar verbunden mit Erlebnissen, Orten oder anderen Menschen. Spürbar wird dies vor allem dann, wenn man in die Kleidung anderer schlüpft. Die Designerinnen des Berliner Modelabels Schmidttakahasi haben die Wertschätzung aussortierter Kleidung und deren Wiederbelebung 2009 sogar zum Thema ihrer Diplomarbeit gemacht. In speziellen Containern wurden Altkleider gesammelt, die allesamt mit Identifikationsnummern versehen und in eine Datenbank eingespeist wurden. Jedes entstandene neue Kleidungsstück hat einen eingenähten elektromagnetischen Chip, anhand dessen man nachvollziehen kann, aus welchen Einzelstücken es besteht. Jeder Spender bekommt eine Artikelnummer und kann so genau sehen, was aus seinem abgelegten Textil geworden ist. Ab diesem Sommer werden Schmidttakahashi sich mit ihrem Konzept selbständig machen und planen einen wandernden Altkleidercontainer als Ausgangspunkt für ihre Kollektionen.



Auch für Designerin Cecilia Palmer ist der Rohstoff Kleidung Essenz ihrer Arbeit. Die Gründerin des Labels Pamoyo sieht in überquellenden Kleiderschränken eine große Chance: ökologisch sinnvoll zu handeln, aktiv zu werden und zudem die eigene Kreativität zu nutzen. "Stil kommt nie aus der Mode. Mit Designs oder Kleidung, die nur zweimal im Leben getragen werden, stimmt etwas nicht", findet sie. "Ressourcen sind immer limitiert, und wir können auch keine Baumwolle auf dem Balkon ziehen. Unsere Quelle sind all die vergessenen Teile." Ihre Aktion Fashion Reloaded in Berlin ist eine Mischung aus Swap-Party, Do-it-yourself-Event und Inspirationsveranstaltung für junge Designer. Die Gäste können tauschen, alte Shirts selbst bedrucken oder besticken oder die Teile den Profis überlassen, die am Ende jeder Fashion-Reloaded-Aktion eine komplette Vintage Kollektion präsentieren.

Wer handwerklich keine Leuchte ist, seine lieb gewonnenen Stücke oder Muster aber gerne in neuer Form sehen und tragen möchte, kann auch Kristina Krömer von Stoffmassaker den Auftrag zum "Upcycling" erteilen. "Die Kunden müssen aber schon ein bisschen Mut und Vertrauen mitbringen, denn das Ergebnis ist auf jeden Fall eine Überraschung", sagt die Dresdenerin. "Getragene Kleidung gelungen zu transformieren ist eine große Herausforderung, denn die Formen, Flecken, Löcher und andere Zeichen der Vergangenheit haben Einfluss auf das Design und die Verarbeitung." Das Upcyling hat Kristina für sich entdeckt als ihre Oma starb und ihr einen Schrank voller Seidenblusen, Lodenmäntel, Polyesterkleider aus den 70ern und Pullis mit herrlich hässlichen Mustern hinterließ. Aus diesem riesigen Fundus qualitativ guter, aber farblich problematischer Kleider schöpft sie immer noch. Darüber nutzt sie alte Arbeitskleidung aus einer stillgelegten Schlachterei. Die Besonderheit in ihrer Arbeit ist die Thematisierung sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hintergründe und der Bruch mit konventionellen Stereotypen. Tarnkleidung wird entmilitarisiert, Schlipse werden zu Kleidern.


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Das Gender-Verwirrspiel betreiben viele der sich gerade immer mehr etablierenden Upcycling-Designer. Labels wie Frau Wagner, Vilde Svaner oder Milch eco fashion nutzen Sportbekleidung, Uniformen oder alte Herrenhemden und -hosen für ihre hochwertigen Kollektionen. Cloed Priscilla Baumgartner, die Designer von Milch aus Wien möchte dem Wäscheberg nichts hinzufügen und rettet daher ausgemusterte Kleidung vom "Mistplatz", wie sie sagt. Sie nutzt die noch funktionstüchtigen Knöpfe, Taschen, Verschlüsse und hochwertigen Herrenanzugsstoffe und kreiert daraus unter dem Motto "Der Genuss des Wiedererkennens ist unvergleichlich" "Hosen-Kleider", "Hosen-Röcke" oder auch "Hosen-Kappen".

Einige Teile sind aber zu schade zum Zerschnippeln. Für sie sind Second-Hand-Läden oder Flohmärkte der richtige Ort. In München findet zum Beispiel zweimal im Jahr an wechselnden Locations der Mädelsflohmarkt statt. Den Organisatorinnen, Fotografin Renate Forster und Stylistin Maren Assmus, sind neben dem Verkauf neuer und alter Lieblingsstücke vor allem das sich Kennenlernen, Austauschen und Ratschen wichtig. Das Prinzip geht auf, der Andrang ist riesig. Und auch in Hamburg und Stuttgart gibt es solche auf Klamotten spezialisierte Mädelsflohmärkte. In Berlin sieht das Konzept ein bisschen andes aus: Der Sunday Extraordinaire im HBC ist Afterhour Party mit Minimal Sounds und Indoor Flohmarkt zugleich. Fakt ist, dass man hier einmal im Monat sonntags Klamotten, Schuhe und manchmal auch Instrumente oder Schallplatten loswerden und natürlich auch finden kann.


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Mit Teilen, bei denen es nicht um den Geld- sondern eher um den ideellen Wert geht, besucht man am besten Klamottentauschpartys, Termine gibt's auf der Plattform klamottentausch.net. In New York und London haben die Anhänger dieses Trends von der Presse auch gleich ein Etikett bekommen: Recessionistas, Modesüchtige in Zeiten der Krise. Denn zahlen muss bei Klamottentauschpartys keiner, auch nicht für Designerfummel. Stattdessen bekommt man für mitgebrachte Ware Jetons oder Gutscheine und kann diese dann für den "Eintausch" nutzen. Bewusster Konsum und aktives Sparen sind auch hier die Beweggründe. Ein Umrechnungszwang herrscht meist nicht, bei der vom Verein Gelegenheiten initiierten Party Troc in Berlin zum Beispiel darf man bringen, soviel man hat und nehmen, soviel man braucht. Was übrig bleibt, wird einer Kirche gespendet. Wer sich das Tupper-Party-Feeling sparen und zeitsparend online ausmisten möchte, der kann das bei kleiderkreisel.de tun. Die Plattform ist bis jetzt noch herrlich selbstbestimmt, überlässt ihren Usern, ob sie schenken, tauschen oder verkaufen möchten und wartet mit einer überraschend guten Auswahl an Kleidung auf.

Der Blick in meinen Kleiderschrank ist jetzt geschärfter, und aus fünf Altkleidersäcken sind dreieinhalb geworden. Es ist ein gutes Gefühl, seine Kleidung nicht als Sondermüll entsorgen zu müssen. Doch beeindruckt hat mich etwas anderes: Gemeinsamkeit aller Re- und Upcyclingideen ist nicht etwa nur die Modebegeisterung. Vielmehr scheint der Wunsch nach zwischenmenschlichem Austausch und Sinnhaftigkeit unser Handeln zu bestimmen. Auch bei vermeintlich so simplen Dingen wie dem Ausmisten von Kleidung.

Links


http://www.sundayextraordinaire.blogspot.com
http://www.klamottentausch.net
http://www.kleiderkreisel.de
http://www.gelegenheiten-berlin.de
http://www.fairwertung.de/index.html
http://www.maikitten.de

Check-Brief


WAS Mädelsflohmarkt
WER Renate Forster (33); Maren Assmus (31)
WO München
www.maedelsflohmarkt.de

WAS Schmidttakahashi
WER Eugenie Schmidt (31); Mariko Takahashi (36)
WO Berlin
www.schmidttakahashi.de

WAS Pamoyo / Fashion Reloaded
WER Cecilia Palmer (27)
WO Berlin
www.fashionreloaded.com

WAS Stoffmassaker
WER Kristina Krömer (29)
WO Dresden
www.stoffmassaker.de

WAS Milch eco fashion
WER Cloed Priscilla Baumgartner (38)
WO Wien
www.milch.mur.at