Foto Kele Okereke - LIEBER SOLO ALS ALLEIN
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LIEBER SOLO ALS ALLEIN

Kele Okereke, Sänger der gefeierten Indierocker Bloc Party, nutzt die Bandpause für ein Soloalbum. Nach langem Selbstfindungskampf will er damit vieles hinter sich lassen. Etwa auch seine Band ...?

Interview: Carsten Schrader

uMag: Kele, hast du wirklich geglaubt, du würdest ganz ohne Musik auskommen, in dem einen Jahr Pause, das ihr mit Bloc Party verabredet habt?
Kele Okereke: Ach was, schon bei dem Band-Gespräch habe ich von einer neuen Platte gesprochen, während die anderen gesagt haben, dass sie eine Pause bräuchten. Angesetzt war ein Jahr Pause von Bloc Party und nicht ein Jahr kompletter musikalischer Abstinenz. Auch die Jungs haben sich andere Beschäftigungen gesucht: Gitarrist Russell Lissack veröffentlicht zusammen mit Milena Mepris eine Platte als Pin Me Down und geht als Aushilfsgitarrist von Ash auf Tour. Auch Bassist Gordon Moakes hat eine neue Band. Alle außer unserem Schlagzeuger Matt Tong machen was - der sitzt nur Zuhause, schaut "Lost", spielt Computerspiele und wird fett. Was auch okay ist, schließlich haben wir viele Jahre verdammt hart gearbeitet.

uMag: Hat es dich enttäuscht, dass die anderen eine Auszeit von der Band wollten?
Okereke: Nein, denn zum Ende hin hat mir bei ihnen sowieso ein wenig Enthusiasmus gefehlt. Sie haben keinen meiner Vorschläge abgelehnt - und vermutlich hätte ich mir genau das gewünscht. Es hätte mir gezeigt, dass bei ihnen nicht nur eine große Gleichgültigkeit vorherrscht, wenn sie mit mir gestritten und gekämpft hätten.

uMag: Das ist aber nicht der Grund, warum du in letzter Zeit anscheinend verschärft ins Fitnessstudio gehst?
Okereke: Ich habe das in letzter Zeit schon forciert, aber ich will mich nicht aufpumpen. Wenn ich mich nur auf den Fahrradtrainer oder das Laufband konzentrieren muss, kann ich zu mir selbst finden.

uMag: Dafür hättest du aber nicht auch noch mit dem Kickboxen anfangen müssen.
Okereke: Man läuft aufrechter die Straße entlang, wenn man sich selbst verteidigen kann. In London ist es mittlerweile üblich, dass man auf der Straße angegriffen wird. Jedem, den ich kenne, ist das bereits passiert, und das hat mir einfach Angst gemacht. Das ist auch ein Grund, warum ich demnächst nach New York ziehen will.

uMag: Trotzdem ist es die härteste Kampfsportart, die du wählen konntest.
Okereke: Ich kann nicht so gut boxen, beim Treten bin ich besser. Es klingt vielleicht bescheuert, aber als Kind war ich ein großer Fan der Power Rangers. Ich bin immer rumgesprungen und habe deren Posen nachgestellt. So ist mir vermutlich das Treten in Fleisch und Blut übergegangen, während ich beim Boxen immer überlege, was ich als nächstes tun muss. Ich mag den Boxsport auch gar nicht besonders und würde mir niemals einen Boxkampf ansehen.


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uMag: Aber warum hast du dann dein Album "The Boxer" genannt?
Okereke: Das ist eher als Metapher für Entschlossenheit gemeint. Ein Boxer ist ein Stehaufmännchen. Mir gefällt die Vorstellung, dass man aus sich selbst heraus Kräfte mobilisiert, um ein Ziel zu erreichen. Ein Boxer wird niedergeschlagen, er muss immer wieder einstecken, aber bis zum Schluss versucht er, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Für mich ist diese Platte wie ein Boxkampf.

uMag: Hast du Angst davor, von vielen Fans wegen deines Wechsels zum elektronischen Pop attackiert zu werden?
Okereke: Warum sollte ich davor Angst haben? Ich bin jetzt 28, habe mit Bloc Party viel Geld verdient, besitze ein Haus in London und habe keinen materiellen Wunsch, den ich mir nicht erfüllen könnte. Ich wollte einfach Musik machen, mit der ich es ein Jahr lang auf Tour aushalte.

uMag: Verschanzt du dich auch hinter den Boxhandschuhen, weil du immer wieder genötigt wirst, über dein Privatleben zu sprechen?
Okereke: Da bin ich entspannter geworden. Ich habe mich jetzt ja auch ganz bewusst geoutet, weil ich meine Verantwortung als Identifikationsfigur für schwule Kids akzeptiere. Auch wenn Interviews nerven, weil ich seit fünf Jahren immer wieder über diese zwei Themen reden soll: der schwarze Sänger im von Weißen dominierten Indierock und der schwule Sänger in der heterozentrierten Musikwelt. Aber auf dieser Platte geht es ja gerade um den Prozeß, etwas Schwieriges hinter sich zu lassen. Man überwindet etwas, was einem schadet: Drogen, Beziehungen oder Jobs, die nicht gut tun.

uMag: Es wird für dich nicht leicht sein, nach der Alleinherrschaft zu Bloc Party zurückzukehren, oder?
Okereke: Könnte sein. Momentan habe ich noch überhaupt keine Ahnung, wie es mit Bloc Party weitergehen wird. Wir werden uns nach Ablauf des Pausenjahres treffen und dann wird sich zeigen, ob wir eine Perspektive sehen.

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Check-Brief

Kele Okereke wurde als Kind nigerianischer Eltern in Liverpool geboren, wuchs aber in London auf, wo er auch die anderen Bandmitglieder von Bloc Party kennenlernte. Gleich mit ihrem Debütalbum "Silent Alarm" und der Hitsingle "Banquet" konnten die Indierocker im Jahr 2005 vordere Plätze in den UK-Charts belegen. Bloc Party wurden neben Bands wie Maximo Park und Franz Ferdinand als Protagonisten eines neuen Brit-Band-Booms gefeiert. Die folgenden Alben "A Weekend in the City" und "Intimacy" waren nicht nur in Europa, sondern auch in Australien und den USA sehr erfolgreich. Im Oktober 2009 entschieden sich die vier Musiker zu seinem Jahr Bandpause, die Kele nutzte, um sein erstes Soloalbum aufzunehmen. "The Boxer" entstand mit Spank-Rock-Mitglied XXXchange als Produzenten in New York und ist ein elektronisches Dancealbum inklusive Ravesounds und stellenweise verzerrtem Gesang. Im Sommer ist Kele auf vielen Festivals live zu sehen.
www.iamkele.com