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"DAS INTERNET STEHT FÜR DEMOKRATISIERUNG"

Web und Widerstand - das passt, meint der Soziologe und Psychologe Rainer Winter im uMag-Statement.

Es gibt Entwicklungen im Internet, die kulturelle und gesellschaftliche Alternativen zur Politik in der realen Welt entwerfen. Spätestens seit den Protesten 1999 in Seattle gegen die neoliberalen Strategien der WTO (World Trade Organization) ist deutlich geworden, wie sich die Demonstranten in den Straßen wirksam mit virtuellen Aktionen verbinden können. Die erfolgreiche Blockade des Servers der WTO, an der fast eine halbe Million Menschen teilnahmen, wurde von den Elektrohippies koordiniert, einer kleinen Gruppe von Aktivisten. Die massenhafte Teilnahme schuf nach ihrem Selbstverständnis die ethische und demokratische Legitimation für ihren Cyberprotest. Das ist aber nur ein Beispiel für die vielfältigen Formen von elektronischem Ungehorsam im Internet, die nicht willkürlich motiviert oder destruktiv orientiert sind, sondern eine Welt schaffen wollen, die gerecht und demokratisch ist.

Im Internet finden sich viele Spuren eines demokratisch motivierten radikalen Widerstandes, die sich in alternativen Gegenöffentlichkeiten verdichten. Das Web stellt einen Raum des Experimentierens mit kulturellen und politischen Alternativen dar. Gegner der neoliberalen Globalisierung, von ökologischen und anti-konsumistischen Bewegungen oder die Befürworter eines Anti-Copyright nutzen es, um eigene offene Räume zu schaffen, welche die Grundlage für eine bessere Zukunft sein sollen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Independent Media Center (Indymedia/IMC): kollektive, egalitäre und nicht hierarchische Netzwerke von Aktivisten, die mit Berichten, Fotos und Filmen die Darstellungen der dominanten Medien in Frage stellen, kritisieren und alternative Perspektiven anbieten. Indymedia hat schon früh öffentliche Aufmerksamkeit auf die Folgen der globalen Erwärmung gelenkt, um Druck auf Konzerne, Regierungen und Politiker auszuüben.

Insbesondere das social web schafft die Bedingungen für neue digitale Taktiken, die für eine radikale Demokratisierung des Wissens und auf eine Pluralisierung von Stimmen, Perspektiven und Quellen zielen. So wird die Wirklichkeit auf vielfältige Weise neu und anders definiert und gerahmt. Verbunden mit der Hoffnung auf eine Demokratisierung der globalen Gesellschaft entsteht so ein neues, auf radikaler Partizipation basiertes Politikverständnis.

Check-Brief

Rainer Winter ist Soziologe und Psychologe und seit 2002 an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt Professor für Kultur- und Medientheorie. Seine neueste Veröffentlichung ist "Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit" (Bielefeld: transcript).