Foto Melt! - SO WAR'S WIRKLICH
Foto: Katrin BPunkt
> Melt!

SO WAR'S WIRKLICH

Vorab haben wir unsere Festivalhighlights definiert. Aber wer hat die Vorschusslorbeeren denn nun verdient?

Carsten Schrader

[*Melanie Melancholie*]
[/Vorher/]: Kenne ich noch nicht, aber der Name sagt mir, dass ich mit ihnen in einer Baggerschaufel sitzen möchte. Mit ganz vielen Kippen und lauwarmen Bier aus Plastikflaschen. Und ich werde ihnen erfolgreich vortäuschen, ich wäre schwindelfrei.

[/Nachher/]: Bei einem Slot am Sonntag um 15 Uhr war ja eigentlich klar, dass ich Melanie Melancholie verpasse. Dabei hätte man sich wirklich rechtzeitig ins Wachsein quälen können, haben doch direkt danach Kings Of Convenience gespielt, deren Konzerte im Halbschlaf eh am besten kommen. Was ganz und gar nicht als Kritik gemeint ist - auch wenn Erlend Oye durch seine Ansagen immer wieder beweist, dass er vermutlich deutlich unsympathischer ist als seine Musik und diese Tatsache weder mit aufgesetzten Witzchen noch durch Mitmachspielchen verschleiern kann. Ich hoffe sehr, die Melanie und ich bekommen im nächsten Jahr eine neue Chance ...

[*1000 Robota*]
[/Vorher/]: Weil die mit "Ufo" ein ganz fantastisches zweites Album vorstellen werden. Und ich mir bis fünf Minuten nach ihrem Auftritt überlegen kann, welches mein Lieblingszitat für diesen Sommer wird: "Es ist doch nicht erlaubt, und trotzdem wird geraucht" vs "Ich bin ein alter Mann, ich rauch nicht mehr so viel".

[/Nachher/]: 1000 Robota habe ich auch verpasst - aber anders. Ich zünde mir ja selbst im stickigsten Club mit großer Euphorie eine Kippe an, doch im Introzelt musste ich kapitulieren. Schon vor 1000 Robota haben da Ja, Panik und Yeasayer grandiose Konzerte gespielt, aber nach jeweils anderthalb Songs war ich ganzkörperdurchgeachselt und konnte dann nur noch von außen erahnen, dass es auch ohne mich so grandios weitergeht. Egal, 1000 Robota gehen ja jetzt mit "Ufo" auf Tour. Und Ja, Panik schnappe ich mir beim Dockville. Also, liebes Dockville, baut bloß kein Zelt auf. Schließlich scheint ja sogar in Hamburg manchmal die Sonne.


Foto: Marten Lorenzen

[*Broken Bells*]
[/Vorher/]: Weil ich keinem verpassten Konzert so sehr nachweine wie diesem Shins-Konzert vor gefühlten 20 Jahren in Hamburg. Und weil ich bei der Kippe danach so wunderbar ungefragt erzählen kann, welche Shins-Songs mich als Zugabe zum Weinen gebracht hätten.

[/Nachher/]: Broken Bells haben für mich auch ohne die Shins funktioniert. Inzwischen ist ihr die Debüt meine Sommerplatte 2010. Hach, und der Auftritt beim Melt hat längst überwunden geglaubte Hippiegefühle wieder hochgespült. Musikalisch war das weltklasse, und dass nicht viel Action auf der Bühne passiert, ist schnurzpiep, weil man davon gebannt ist, dass da gerade die Helden Mercer und Burton ungelenk rumstehen.

Aber mal ehrlich: So richtige Überfliegermomente hat es nicht gegeben. Foals, Kele, Tocotronic: Sie alle haben gute Konzerte gespielt - auch wenn ich sie in den letzten Monaten alle mit besseren Clubshows gesehen habe. Aber es gab auch eben fast keine Tiefpunkte. Drei Tage gute Konzerte soll dem Melt erstmal ein anderes Festival nachmachen. Drei Tage Höhepunkte.

Broken Bells - The Ghost Inside OFFICIAL VIDEO (Protein Exclusive) from Protein® on Vimeo.



Katharina Behrendsen

[*Chris Cunningham*]
[/Vorher/]: Ich weiß zwar nicht, was ich erwarte vom Kultmusikvideoregisseur schlechthin - aber bei "Come to Daddy" läuft mir heute noch ein Schauer über den Rücken. Vermutlich nicht weniger als visuelle Überwältigung.

[/Nachher/]: Mit Voraussagen musikalischer Höhepunkte ist es wie mit dem Wetterbericht: Muss nicht immer stimmen.
Chris Cunningham war eher Down- als Highlight. Dass er geniale Videos drehen kann, wissen wir. Dass er diese wild um- und ineinanderschneiden kann und dazu Elektro macht: passt. Als Bühnenshow allerdings zu lang, zu arty und - sorry für meine niederen Instinkte - zu untanzbar. Was Herr Cunningham selbst auf der stockdusteren Bühne gemacht hat, blieb desweiteren unklar. Darf ich im Nachhinein gegen die Friendly Fires, WhoMadeWho, oder die mir vorher völlig unbekannten Slagmalsklubben tauschen?



[*Miike Snow*]
[/Vorher/]: Waren der Melt!-Geheimtipp 2009 meines Nachbarn im letzten Jahr (An dieser Stelle: Dank an Frank!), später Wow-wow-wow-Album und sind 2010 sicherlich immer noch genau so klasse.
[/Nachher/]: Miike Snow hingegen haben nicht enttäuscht. Schon im Interview nebst spontanem Boys-Boys-Boys-Beutel-Bemalen für unsere Verlosung zeigte sich Songwriter Andrew Wyatt äußerst tageslichttauglich. Auf der Bühne bewies die Band dann, dass sie nicht nur im Club funktioniert. Der Club ist einfach dort, wo Miike Snow sind - auch ohne Lichteffekte.

[*Jamie Lidell*]
[/Vorher/]: Weil der anscheinend nie weiß, was er will und man dann am Ende genau das will. Eine Wohltat für alle, die schon mal im Supermarkt in Entscheidungsstarre gefallen sind und auf die Frage "was hörst'n du so?" nie spontan eine Antwort haben. Und eigentlich tausend.

[/Nachher/]: Jamie Lidell hatte es auf der Soundgeplagten Gemini-Stage nicht leicht, kam (unverschuldet) spät und blieb nicht so lang, wie man es sich gewünscht hatte. Aber dafür stimmte es auf Anhieb. Wer so die Soulsau raushängen lässt und die Indie-Elektro-Crowd in Minuten dazu bringt, lauthals "Another Day" mitzusingen, verdient R.E.S.P.E.C.T.!


Kathrin Kaufmann

[*Ja, Panik*]
[/Vorher/]: Österreicher in Deutschland, da muss man zusammenhalten. Außerdem habe ich das letzte Konzert verpasst und es ist es ewig her, dass ich ihre manischen Songs live performt gesehen habe (Danke, Grippe.)


Foto: Katrin BPunkt


[/Nachher/]: Diesmal war es nicht die Grippe, sondern Herr Tobias Jundt in Badehose beim Beutelbemalen, der mich von Ja, Panik fernhielt. Erst war ich den Tränen nahe, weniger später war ich froh, mein Fantum nicht im Siedekessel des Meltzeltes unter Beweis stellen zu müssen. Da war ein Interviewtermin doch die bessere Ausrede als die unerträgliche Hitze. Aber gut sollen sie trotz allem gewesen sein, die Jungs.

[*Foals*]
[/Vorher/]: Es ist ja unglaublich, wie man es schaffen kann, eine Band so toll zu finden wie die Foals, sie aber noch nie in einem Rutsch live gesehen zu haben. Einmal zu spät gekommen, einmal im Ausland gewesen. Diesmal hält mich nichts, wirklich gar nichts davon ab, den bärtigen Yannis und seine Mathrockkumpanen auf der Bühne stehen zu sehen. Ihr könnt schon mal zur Seite rücken.

[/Nachher/]: Ich war da! Ich war da! Und es war zu leise und um einiges lahmer als das halbe Clubkonzert, das ich in Erinnerung hatte. Zwar hat Yannis auf der Bühne sein Bestes gegeben, aber irgendwie funktionieren die Foals dann doch besser in vier engen Clubwänden als auf einer großen Open-Air-Bühne, wo die Luft viel vom genialen Sound verschluckt. Vielleicht hatte ich aber auch einfach noch Tinitus von Keles Auftritt im Zelt. Schön und gut war's dennoch.

jamaica3
Foto: Kathrin Kaufmann


[*Jamaica*]
[/Vorher/]: Man weiß es nicht, ob die elektrifizierten Gitarrensoli der beiden hübschen Franzosen face to face noch so cool rüberkommen, wie auf ihrem Debüt - aber gerade das macht es ja so spannend. Sonst kann ich sie immerhin noch auf Französisch beschimpfen.

[/Nachher/]: Ich muss gestehen: Hier bin ich zu keinem objektiven Urteil fähig. Französischer Akzent, lange, ins Gesicht gewirbelte Haare zu altgedienten Rockerposen und dann doch dieser herrlich leichte Pop dazwischengeworfen ... wie soll man da kritisch bleiben?? Zumal uns Antoine und Florent die einzig bunte Tasche gemalt und mir dabei noch ein Ständchen gesungen haben: "Boys Boys Boys" von Sabrina, nämlich. Der noch etwas spärlichen Nachmittagscrowd vor der Bühne hat es aber auch ohne diese Charmeoffensive gut gefallen.

Außerdem muss ich meinem Kollegen Carsten zustimmen: Es gab keine Enttäuschungen. Nicht eine! Im Gegenteil: Wer hätte gedacht, dass Massive Attack noch so spritzig sein können und einen Tanzekstase versetzen? Wie cool muss ein Festival sein, um den Mitternachtsslot der Hauptbühne mit einem weirden Videoprojekt von Chris Cunningham zu besetzen? Dessen Leistung lag übrigends vornehmlich in der sekundengenauen Synchronisation von Bild und Beat, und war allein deshalb faszinierend. Und wer das allerletzte Konzert des Melt, nämlich WhoMadeWho im Zelt verpasst hat, der kann einem nur leid tun. Wahn bis zum Abbruch, als die Band zum dritten Mal auf die Bühne zurückgejubelt wurde. Was für ein Abschluss eines gelungenen Festivals!



Von Melt!-Künstlern gestaltete Taschen von Boys Boys Boys gewinnen >>

Weitere Bericht zum Melt! auf uMagazine.de:
So sah's aus
Blümchen, Boots und Powerposen
Melt!Liebe
Melt!Liebe

Weitere Fotos zum Melt! findet ihr auf katrinb.com