Foto Ligna - REIF FÜR DIE INSEL
Foto: Ellen Coenders
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REIF FÜR DIE INSEL

Auf eine Insel schicken uns Ole Frahm, Michael Hueners und Torsten Michaelsen auch ohne Urlaubsantrag: Die Performancegruppe Ligna zeigt im August ihre neue Produktion "Eiland" - ein Stück für einen einzelnen Zuschauer, mitten auf der Hamburger Alster. Im Kollektiv gibt Ligna eine Vorschau.

Interview: Anna Wicher

uMag: Folgendes Szenario: Ich gehe ins Theater, um mir eine Show anzusehen, und werde dort aufgefordert, selbst an der Show teilzunehmen. Ich habe Eintritt bezahlt, warum sollte ich das machen?
Ligna: Weil es eine interessante, einmalige Situation ist, in der mehr passiert als der Einzelne verstehen und einsehen kann. Zudem bereitet es Vergnügen.

uMag: Wie kommt das beim Publikum an?
Ligna: Schwer in toto zu beantworten, die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ausgesprochen viele freundliche, positive und sogar begeisterte Rückmeldungen auf der einen Seite, zweifelnde auf der anderen. Für uns sind alle Reaktionen interessant. Wir verstehen die Arbeiten nicht als Anweisungen, sondern als Konstruktion von Situationen.

uMag: Situationen wie das Radioballett, bei dem ihr allen Teilnehmern über unsichtbare Kopfhörer Anweisungen gegeben habt, die diese dann synchron ausgeführt haben. Im Grunde eine harmlose Konstruktion, dennoch waren Passanten befremdet oder fühlten sich sogar bedroht. Warum?
Ligna: Die Struktur des Radios, das Doppelgängerhafte der Stimme, wurde schon in den Zwanzigern als unheimlich wahrgenommen. Gerade diese Unheimlichkeit aber sucht die inzwischen privatisierten Orte öffentlichen Raums heim, in der Doppelgängerhaftigkeit der Gesten. Das Radioballett parodiert diese Wiederholung der Gesten, indem sie ihre alltägliche Asynchronizität synchronisiert und die Normierung des Raums ebenso sichtbar macht wie die Möglichkeit kollektiver Übertretung. Dies ist ein zweiter Grund, warum sich Unbeteiligte bedroht fühlen können - die kollektiven Handlungsmöglichkeiten können auch Angst machen.

uMag: In euren Arbeiten geht es unter anderem um Privatisierung von Öffentlichem Raum. Verfolgt Ihr ein politisches Ziel?
Ligna: In der momentanen Situation wäre es vermessen, zu glauben, dass sich durch künstlerische Praxis politische Ziele erreichen ließen. Wir wollen Kritik an herrschenden Verhältnissen präzisieren, nicht zuletzt Kritik an gängigen Formen der Kritik. Uns interessieren kollektive Handlungsmöglichkeiten, und die Privatisierung von Räumen schränkt diese ein.

uMag: Bei bisherigen Aktionen ging es meist um gemeinschaftliches Handeln, beim "Eiland" dagegen ist nur ein Zuhörer vorgesehen. Aus Platzgründen? Oder steckt noch mehr dahinter?
Ligna: Eine Minimaldefinition von Theater: Es braucht nur einen Zuschauer. Aber die Situation des Zuschauers ist auch Thema. Auf dem "Eiland" beschäftigen wir uns mit seiner Einsamkeit, die im Theater meist verdrängt wird. Allein auf der Insel ist der Zuschauer verbannt aus der Gemeinschaft der menschlichen Wahrnehmung und des Handelns, den Stimmen des Wassers ausgeliefert. Vielleicht sind es auch die Stimmen im eigenen Kopf. Und vielleicht entsteht gerade in dieser Situation eine andere Art der Produktion. In ihr produziere ich als Zuschauer nicht mit anderen Menschen, sondern mit allen möglichen anderen "Akteuren" um mich herum: mit den Wellen, den Geräuschen, die zu mir herüberkommen, den Reflexionen auf dem Wasser.

Check-Brief

NAME Ligna
BERUF Performancegruppe
HERKUNFT Hamburg
MITGLIEDER Ole Frahm, Michael Hueners, Torsten Michaelsen
AKTUELLE ARBEITEN "Eiland", 13.-28. 8., Außenalster, Hamburg (nur nach vorheriger Anmeldung: 040-270 949 49), "Verwisch die Spuren", 9.-12. 9., Alexanderplatz, Berlin