Foto F.A.Q. Harry Rowohlt - WORAUF WÜRDEN SIE IHREN BART VERWETTEN?
> F.A.Q. Harry Rowohlt

WORAUF WÜRDEN SIE IHREN BART VERWETTEN?"

Interview: Carsten Schrader/Juliane Rusche
Foto: Martin Kunze, Kein & Aber

[*Herr Rowohlt, welche drei Wörter würden Sie gern aus dem Duden streichen?*]
Die Dudenredaktion beobachtet ja die Bild-Zeitung, und wenn ein ekelerregendes Wort mehr als dreimal vorgekommen ist, wird es sofort sanktioniert und offiziell gemacht. Ich persönlich habe mich immer sehr für die Verbreitung des Wortes Terminplanungsjahresübersichtswandkalender eingesetzt.

[*Wie erklären Sie einem Kind, was neoliberal bedeutet?*]
Das weiß ich selber nicht. Im Dezember 1985 habe ich nur mal in Havanna mit dem Wort liberal meine Erfahrungen gemacht. Wir machten im Palacio de la Revolución Defilee an Fidel Castro vorbei, und neben ihm stand ein Nebenmensch, der mir zuzischte: "Name und Land!" Also sagte ich: "Harry Rowohlt del semanal liberal Die Zeit en Hamburgo, Alemania Occidental." Bei dem Wort "liberal" guckte Fidel etwas kläglich, weil es in Lateinamerika keine liberale politische Tradition gibt. Liberal heißt auf Spanisch so viel wie freizügig. Seitdem glaubt Fidel, Die Zeit wäre ein Wichsblatt.

[*Worauf würden Sie Ihren Bart verwetten?*]
Ich lehne Glücksspiele ab.

[*Welcher Prophet trägt keinen Bart?*]
Mohammed hatte nur einen Kinn- und einen Backenbart, aber keinen Schnurrbart. Das kann ich nicht so richtig als Bart werten. Nur um nett zu sein, habe ich mal in Düsseldorf zu einem türkischen Taxifahrer gesagt, er hätte genauso einen Bart wie der Prophet, nämlich ohne Schnurrbart. Dann merkte ich, dass er durchaus gerne einen Schnurrbart gehabt hätte und der lediglich nicht wuchs. Er hat sich umgedreht und gesagt: "Ich dich bringe um, du besoffener Heide." So ungern man sich umbringen lässt - mit allem anderen hatte er recht.

[*Wie ist die "Lindenstraße" noch zu retten?*]
Bis 2011 sind wir durchgewunken. Marie-Luise Marjan sagte bei der vorletzten Ensemblevollversammlung: "Vielleicht könnte man ja auch den Kreis der Darsteller etwas enger fassen." Daraufhin habe ich gesagt: "Ich spiel dich mit." Seit Inge Meysels Hinschied glaubt Marie-Luise - natürlich mit Recht -, sie kann sich als Mutter der Nation alles erlauben.

[*Ist es in Ordnung, wenn man bügelt oder Auto fährt, während man Ihre Hörbücher hört?*]
Ja natürlich! Wann soll man denn sonst Hörbücher hören? Ein junger Mensch von Radio Nürnberg 90,7 hat mal gesagt, ich soll ihm nur einen einzigen guten Grund für Hörbücher nennen. Ich habe gesagt: "Wenn man mit dem Auto im Stau steht, muss man nicht dumpf aus dem Fenster glotzen und Radio Nürnberg 90,7 hören." Und seine Antwort darauf lautete: "Vielen Dank, das schneide ich raus." Seitdem frage ich mich, was er wohl gesendet hat.

[*Was war die bescheuertste Frage, die Ihnen bei einer Lesung aus dem Publikum gestellt wurde?*]
Ich tingele wegen meiner Polyneuropathie nicht mehr über die Käffer und bleibe nördlich des Muckschgrabens. Das ist die Gegend, in der die Leute Wörter wie mucksch, plietsch, füünsch, krüüsch und figgelinsch verstehen. Davon abgesehen: Zu meinen Lesungen kommt sowieso nur die Elite. Denen ist es schlicht unmöglich, dumme Fragen zu stellen. Und im Gegensatz zu den meisten Kollegen lasse ich auch gar keine Publikumsfragen zu.

[*Wie viele Schnäpse gehören zu einer guten Lesung?*]
Ich schiebe seit einschließlich dem 26. Juni 2007 stramme Ethanolkarenz. Lediglich den 23. Januar 2008 habe ich auf meinem Terminplanungsjahresübersichtswandkalender als Tag der Schande gelb eingefärbt.

[*Sind Sie Bastian Sick dankbar für seinen Dienst im Feld der deutschen Sprache?*]
Nö. Fragen Sie mich doch mal: "Herr Rowohlt, wie erklären Sie sich Ihren ungeheuren Erfolg als Schlagzeuger?"

[*Herr Rowohlt, wie ...*]
Timing.

Check-Brief

[*Name*] Harry Rowohlt
[*Alter*] 63
[*Berufe*] Schriftsteller, Kolumnist, Übersetzer, Schauspieler
[*Geburtsort*] Hamburg
[*Spielt*] den Penner Harry in der "Lindenstraße"
[*Erbte*] 49 Prozent des Rowohlt-Verlags, weigerte sich aber, in das Verlagsgeschäft einzusteigen
[*Nannte*] seine Lesungen "Schausaufen mit Betonung"
[*Leidet*] unter der unheilbaren Krankheit Polyneuropathie, die seine Gehfähigkeit beeinträchtigt
[*Aktuelles Hörbuch*] Harry Rowohlt liest "Das harte Leben" von Flann O'Brien