"Das ist schön, ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue für dich, ja wirklich, ganz toll Michaela!", und so weiter, jetzt fällt mir auch nichts mehr ein, 'tschuldigung. Es ist Winter, es ist Depressionen-Sonntag, ich sitze in Michaelas Küche, gerade habe ich noch Rilke zitiert und wer jetzt kein Haus baut und so weiter. Michaela hat genickt und mitleidig geschaut und irgendwas im Himmel gesucht. Vermutlich die Löcher, die sie vorher hineingestarrt hat. Michaela ist verliebt. Michaela ist nicht bloß verliebt, sondern frisch verliebt, und Thomas ist nicht bloß irgendwer, sondern Thomas82. Das ist sein Username. Michaela hat sich also im Internet verliebt und Thomas gleich mit und die beiden ineinander, und das ist alles so schön, dass es www tut. Danke Telekom, danke WLAN für so viel Glück.
Ich verstehe das nicht. Ich verstehe das überhaupt nicht. Europaweit sind achtundzwanzig Millionen Menschen in der größten deutschen Partnerbörse angemeldet, damit alles neu.de in ihrem alten, undigitalen Leben wird. Ansonsten gibt es Geld zurück. Ich stelle mir vor, wie Michaela im WWW-Menschensupermarkt ihren Einkaufswagen durch die Gänge schiebt, und da steht er dann, der Supermann, der Thomas heißt. Auf seiner Profil-Verpackung steht "sensibel, gebildet, humorvoll", und sie klickt sich durch Thomas' Angebot an guten Eigenschaften, und das Verpackungsbild ist auch ganz toll, so sympathisch und authentisch, also wird Thomas eingepackt und an der Kasse die Grundgebühr bezahlt - heute also lieber Liebe statt Geld. Der neue Traummann wird vor dem heimischen Rechner ausgepackt und kennen gelernt, und so funktioniert das jetzt also: werben, wichsen, Web 2.0. Ich könnte kotzen.
Ich habe meinen Exfreund bei der Arbeit kennen gelernt. Im Gegensatz zu Michaela wusste ich sofort, wie er ohne Photoshop aussieht, wie er riecht und sich bewegt. Während wir schon vor meiner Haustür geknutscht haben, hat Michaela noch nervös ihren Laptop angestarrt, sitting, waiting, wishing, dass die schwarzen Pixel auf weißem Hintergrund ihr sagen, dass Thomas an sie gedacht hat. Ich scheine also sehr altmodisch zu sein. Meine Vorstellungen von Sich-Kennenlernen relativieren sich minütlich, während Michaela erzählt, dass sie sich zunächst bloß geschrieben, später dann telefoniert und sich dann getroffen und verliebt haben. Total romantisch alles. Leider wohnt er in Köln und sie in Berlin. Leider passiert das ziemlich häufig, wenn man sich im Internet kennen lernt, aber wo die Liebe auf die Tastatur fällt, das weiß man ja vorher auch nie so genau.
Kein Wunder also, dass viele Leute solo durch die Abende ziehen. Wenn die sich alle im Internet verlieben und dann Fernbeziehungen haben, müssen ja alle allein in ihrer Stadt sein. Die sind also schuld. Daran, dass ich keinen Freund habe. Die sind schuld, dass ich Rilke zitiere, während Michaela höchstens Probleme mit ihrer Telefonrechnung hat. Vielleicht haben die auch einfach alle Angst. Angst vor der peinlichen Stille beim ersten Ansprechen und vor dem Müll-runterbringen-Alltag danach. Einsen und Nullen haben nämlich morgens keinen Mundgeruch, und wo du in deinem ältesten Schlafanzug stehst, wenn das Webcam-Licht ausgeht, sieht auch keiner. Mir doch egal. Bleibe ich eben allein mit meiner Liebe 1.0. Die ist wenigstens auch noch da, wenn der Strom mal ausfällt.
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12.01.2009









