Foto Xavier Dolan - DER AUSPROBIERER
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DER AUSPROBIERER

Der Kanadier Xavier Dolan dreht tolles Befindlichkeitskino, emotional, experimentell, echt. Nur manchmal, da schämt er sich ein bisschen.

Von Volker Sievert

Wer mit 22 schon zwei Filme über Liebe, Leid und Lust gedreht hat, als Produzent, Autor, Hauptdarsteller und Regisseur, den muss man mal treffen und sprechen. Aber der Frankokanadier Xavier Dolan hat keine Zeit für ein längeres Interview. Oder keine Lust. Oder beides. Na dann. Nähern wir uns diesem Mann, den man in der Filmbranche ein Wunderkind nennt.

Was er schon mal nicht ist. Zum einen ist sein Vater Sohn Schauspieler, zum anderen steht Xavier vor der Kamera, seit er vier ist. Da kann man sich schon einige Kniffe und Abläufe der Branche abgucken und verinnerlichen, ohne mit Götterblut in den Adern gesegnet zu sein. Er hat zwar alles von Woody Allen und die Filme von François Truffaut gesehen, doch "erst" mit 17. Manche seiner Freunde haben das schon mit neun (!) getan. Da aber guckte der kleine Xavier "Kevin - Allein zu Haus" - und fand es großartig. "Manchmal schäme ich mich für die Filme, die ich liebe und auch für die, die ich nicht kenne", sagt er. "Dann muss ich lügen. Ich habe eine ganze Liste von Lügen über Filme, die man mögen muss." Er will nur den richtigen Stil für seine Geschichten finden, nicht zwingend seinen eigenen Stil; er probiert Verschiedenes aus, aber nicht, weil er auf der Suche nach einer Signatur wäre.

2009 drehte Dolan "I killed my Mother", den er zwei Jahre zuvor geschrieben hatte - zur Erinnerung: Da war er neunzehn bzw. siebzehn Jahre alt! Er bekam 400 000 Dollar Filmförderung und trieb noch einmal dieselbe Summe privat auf. In dem persönlichen Film ergeht sich der homosexuelle Teenie Hubert in der Hassliebe zu seiner Mutter. Dolan glänzt darin als angry young man, als pubertärer Rebell, der einen durch seine jungenhafte Aura und die Mischung aus Verletzlichkeit und Aggression die eigene Verzweiflung in der Adoleszenz wieder spüren lässt. Als Regisseur erlaubte sich Dolan alles: starre Einstellungen, wilde Handkamera, minutenlange Streits, ausgiebiges Schweigen. Hubert pflegt ein Videotagebuch, dem er anvertraut, wie gerne er seine Mama tot sehen würde. Nicht alles in dem Film funktionierte, aber alles war echt, gewann 14 Preise - und das Debüt drückte Dolans Neugier aus: "Ich bin einfach begeistert von all den Dingen, die man mit dem Kino machen kann. Ich bin in das Medium verliebt."

Dolan ist ein Instinktfilmer, ein Autodidakt und Ausprobierer. Und sein zweiter Film "Herzensbrecher" zeigt: Er ist auch ein genauer Beobachter, der aus persönlichen Erfahrungen eine Studie unserer Eitelkeiten und Einbildungen in Liebesdingen liefert. Seine Figuren sind jetzt Mitte 20, es geht ums Verliebtsein ins Verliebtsein, um Image und Oberfläche. Der schwule Francis (Dolan) und seine beste Freundin Mary sind in den Schönling Nick verknallt, der nur mit ihnen spielt. So werden Francis und Mary zu Rivalen. Dolans Figuren sind intellektuelle Poser, sie wälzen Bauhaus-Bildbände, prahlen mit Wörtern wie "manichäistisch", gehen in surrealistische Theaterstücke und beschweren sich über die sinnlosen Dialoge. Kennen wir das nicht, diese Verortung über das Kulturwissen, der Wunsch nach Bestätigung und Gemeinschaft durch einen exklusiven Musikgeschmack? Wir sind auch Kinder von Calvin-Klein-Werbung und US-Popkultur, wie Francis, der sich für Nick eine James-Dean-Frisur verpassen lässt und ihm ein Poster von Audrey Hepburn kauft, deren Outfits Mary kopiert. Und definieren wir uns nicht auch über unsere Klamottenstil, wir eitlen Fashionistas? Dolan weiß, wie wir ticken - wenn Francis einen Strich für jede Abfuhr an die Badwand malt, ist das ein pointiertes Sinnbild für die Leere, die auch in uns herrscht, wenn wir von einem öden Date oder einem One-Night-Stand heimkehren. Dolans Geschöpfe tun cool, rauchen viel, und wenn man ihnen sagt, sie hätten schöne Augen, antworten sie: "Haselnussbraun. Es gibt keine banalere Iris. Braune Augen muss man intellektuell kompensieren können." Francis und Mary gehen einem nahe, weil die Oberfläche ihrer Selbstinszenierung immer wieder einreißt - und ein verunsicherter Mensch zum Vorschein kommt.

"Herzensbrecher" ist ein lässiges Stück Lebenswelt, in dem sich jeder wiederfindet, der sich schon mal ein Kleidungsstück gekauft hat, um damit jemanden zu beeindrucken. 2012 kommt Dolans dritter Film ins Kino. Vielleicht hat er dann mehr Zeit für uns. Und wenn nicht - seine Filme sagen genug über ihn aus. Und über uns.

Checkbrief

NAME: Xavier Dolan-Tadros
BERUF: Regisseur, Schauspieler, Produzent, Drehbuchautor
GEBOREN: 20. März 1989
LIEH: in der französischsprachigen, kanadischen Version von „South Park“ der Figur Stan seine Stimme
HATTE: seinen ersten Auftritt mit vier Jahren in einem Werbespot für eine Apothekenkette
AUSZEICHNUNGEN: unter anderem C.I.C.A.E. Award, Prix Regards Jeune, SACD Prize (Filmfestival Cannes 2009), Prix Regards Jeune (Cannes 2010)
FILME: „I killed my Mother“ (2009, auf DVD erschienen bei KOOL), „Herzensbrecher“ (2011), „Laurence Anyways“ (2012)
AKTUELL IM KINO: „Herzensbrecher“. Kinostart: 7. Juli