Zugabe

5 Pakete von AXE Dark Temptation & AXE Gold Temptation zu gewinnen!

Zugabe

Zehn Jazzsampler der Reihe „Magic Moments“ zu gewinnen!


style+

Der neue Style-Guide als PDF zum Durchblättern

Ticketshop


Zugabe

Konzertkarten für Kristoffer And The Harbour Heads in der Prinzenbar zu gewinnen!
Am 27. November gibt es das neue uMag am Kiosk.
Foto Casper - HIP? POP!
Foto: Christoph Voy
> Casper

HIP? POP!

Casper gelingt das Deutschrapalbum des Jahres. Aber warum gehen ihm sogar Indiekids in die Falle?

Von Mark Heywinkel

Schon möglich, dass ich nicht dope genug bin, um Deutschrap zu checken. Aber wenn Muskelberge mit lächerlich viel Blingbling um Hals und Hände Lines von Nuttenärschen ziehen und dabei die Fahne für die darwinistische Idee schwingen, den Kampf Leben könne man nur mit dicken Eiern und Draufhauen gewinnen, dann muss ich kotzen. Trotzdem ist meine meistgehörte Platte der letzten Wochen - eine Deutschrapplatte: "Xoxo" von Casper finde ich richtig, richtig gut! Und ich muss mich nicht mal dafür schämen. Derzeit stilisiert ja quasi jeder Indiehipster den Wahlberliner zum Hype. Aber wie kommt das bloß? Trotz gelegentlicher Anleihen zum Indierock in Form verzerrter Gitarren bleibt "Xoxo" die meiste Zeit HipHop: Subbässe prägen den Sound. Zwischendrin immer wieder Snares. Und darüber rappt Casper mit reichlich krächzend-wütender Stimme. Als jemand, der sonst zu melancholischem Indie abhängt, dürfte ich das doch gar nicht mögen.

Ich versuche das Phänomen Casper zu verstehen. Und treffe mich mit Benjamin Griffey im Hamburger Schanzenviertel. Wir trinken Whiskey-Cola. Der 28-Jährige trägt noch engere Jeans als ich, Mütze, Dreitagebart. Er sagt Dinge wie "Deutschrap ist meist sich wiederkäuendes Zeug" und "Die HipHop-Szene ist wirklich oberflächlich, und ich rege mich da auch ziemlich oft drüber auf". Dabei liegt keine Gangster-Attitüde in seiner Stimme. Er verwendet auch keinen pseudo-lässigen Urban-Wortschatz, den ich nicht verstehe. Auf Anhieb ist mir der hagere Typ sympathisch; doch das begründet nicht, wieso ich und viele andere Rap-Ferne plötzlich sein zweites Album so feiern. "Deutschrap ist im Moment einfach ziemlich lahm", unternimmt Casper einen Erklärungsversuch. "Da kann selbst der kleinste Twist ein riesiger Flügelschlag sein. Du musst nicht mal neue Geschichten erzählen, du musst sie nur anders erzählen." Casper gelingt das, indem er Themen verschachtelt. In "Alaska" disst er nicht stumpf die Exfreundin, sondern kleidet das Beziehungsaus in die Beschreibung trister Schneelandschaften. Auch "Michael X", die Geschichte eines Freundes, der Suizid beging, muss man mehrfach hören, bis sie sich erschließt. Und selbst dann gibt es immer noch mehrere Interpretationen. "Von Anfang an wollte ich nur über meine Texte definiert werden", sagt Casper. "Ich will, dass man sie irgendwann Zeile für Zeile aufschreiben und sagen kann: Das ist nicht peinlich, das ist wirklich gut gemacht." Das schafft er schon jetzt. Caspers Texte sind sogar so poetisch, dass sie selbst Rap-Verneiner kriegen. "Auf meinem letzten Album gab's die Zeile ,Jeder von uns ist Kunst / Gezeichnet vom Leben'", erzählt er. "Superviele Leute haben sich die auf den Arm tätowieren lassen."

Bleibt aber immer noch die Musik. Ein paar Gitarren und eine einzige Hook von Tomte-Sänger Thees Uhlmann dürften doch nicht ausreichen, um Indiekids im Sturm zu erobern. "Die Platte ist gar nicht so rappig", verteidigt Casper sein Album. "Ich bin auch einfach nicht geradeaus Rap. Ich bin diese Bastardmischung von allem, was die Platte letztendlich geworden ist." Und Rap mit Indierock und einer Prise Pop dermaßen geschickt auszutarieren, sei ein harter Kampf gewesen: "Es musste so gut gerappt sein, dass es für HipHop-Fans funktioniert. Gleichzeitig musste es aber auch so authentisch produziert sein wie eine Platte von Explosions In The Sky, The XX oder Editors, damit es auch für Indieleute cool ist. Ich wollte sicher dreißig Mal alles hinwerfen. Ich habe gesagt: Drauf geschissen, lasst uns einfach 'ne Rapplatte machen. Aber man ist kein Künstler, wenn man irgendwas aus der Hand geben und sagen kann: Das ist geil. Ich find's nie geil." Casper nimmt einen großen Schluck aus seinem Glas, bis nur noch Eiswürfel zurückbleiben - und ich frage mich, ob das alles zusammen vielleicht der Grund für die Faszination für seine Platte ist: Casper ist kein Rapper, der auf dicke Hose macht. Er ist ein Zweifler. Einer, der hin- und hergerissen ist zwischen der eigenen musikalischen Sozialisation und den Erwartungen der HipHop-Szene. Und das spiegelt sich in den Arrangements von "Xoxo" wider. Wo andere nur bessere, protzigere Rapplatten machen wollen, will Casper andere machen. Er ist ein Postrapper, ein Revoluzzer. Casper kriegt mich nicht mit ein paar Gitarren und Thees Uhlmann; er kriegt mich, weil er mir das Gefühl gibt, nicht dope sein zu müssen, um Deutschrap zu checken. Und mir gleichzeitig erklärt, dass die Szene nicht ganz so doof ist, wie ich befürchtet habe.

Checkbrief

NAME Benjamin Griffey alias Casper
WOHNORT Berlin
ALTER 28
LEBTE bis zu seinem elften Lebensjahr in den USA, anschließend in Bielefeld
SANG in der Hardcore-Band Not Now Not Ever, die ihn auch heute noch live begleitet
GILT seit seinem Debüt „Hin zur Sonne“ als Emorapper
NEUES ALBUM „Xoxo“ erscheint am 8. Juli