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MELT! FESTIVAL: SO WAR'S 2011

uMag berichtet vom Melt!-Festival in Gräfenhainichen. Polyphon. Und in Farbe.

Teil 1: Carsten Schrader

Das war kein normales Festival. Um der 14. Ausgabe des Melt! aber nicht Unrecht zu tun, sollte man vorab anmerken, dass das uMag zwar mit zahlenmäßig starker Truppe angereist ist, die meisten von uns aber alles andere als in starker Verfassung waren. Wie soll man aber auch drei volle Tag das ganz persönliche Päckchen abschnallen, bei diesem Mix aus Sonne und Regen, Konzerten, die mit viel zu vielen Emotionalitäten vorbelastet sind, und der Erinnerung an die nicht weniger aufwühlenden Jahre zuvor? Irgendwie kommt man ja doch jedes Jahr zum Familientreffen unter den Schauffelbaggern und will gerettet werden. Vielleicht war der Scheißehaufen einfach zu hoch, der sich in den letzten zwölf Monaten angesammelt hat. Zumindest habe ich meinen extrem stimmungsschwankenden Befindlichkeitsblick auf die Festivaldinge in diesem Jahr nie ablegen können. Wie sonst kann ich mir selbst den Moment erklären, der mich am meisten angerührt hat: Wenn der DJ auf der Hauptbühne "Zwischen 2 und 4" von Ja, Panik auflegt, auf halber Strecke den Song aber abdreht, um die Bühne für die höchst mittelmäßigen Everything, Everything frei zu geben. Was als ergreifendster Moment dann aber vielleicht doch gar nicht durchgeht - denn da waren ja auch noch die therapeutischen Fähigkeiten von Sir Jarvis Cocker.

Er hat Pulp reaktiviert, und nach gefühlten 20 Jahren sehe ich sie zum zweiten Mal. Hoffentlich haben sich möglichst viele andere Bands ihren Auftritt angesehen, denn auch mit 47 kann Jarvis zeigen, wie man sich auf der Bühne bewegt. Und wie unpeinliche Ansagen gehen. Mehr noch: Ich bin mir sicher, spätestens nachdem er zum ersten Mal den Mund aufgemacht hat, wollten beim Melt! auch die eingeregnetsten Alkoholleichen mit Jarvis schlafen. Selbst die Setlist stimmte, was ja bei Revivalkonzerten eher selten der Fall ist. Pulp konzentrierten sich auf ihre frühen Alben und natürlich auf ihr Meisterwerk "Different Class", das sie fast komplett gespielt haben. Natürlich elektrisieren olle Hits wie "Common People" oder "Do you remember the first Time", wenn man nicht mehr damit gerechnet hat, sie jemals wieder live zu hören. Vor allem aber waren da Songs wie "Something changed", "F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.OV.E." oder "Underwear", die mehr als 15 Jahre nach "Different Class" zu großen Mutmachern angewachsen sind, und auf ganz wundersame Weise klar gemacht haben, dass vielleicht ja doch noch alles gut wird. "Please understand. We don't want no trouble. We just want the right to be different. That's all." Danke dafür.

Natürlich waren Pulp letztendlich doch nicht die einzigen, die zu mir vorgedrungen sind. Am verregneten Sonntag schafften das auch Bodi Bill, bei denen es plötzlich egal war, dass man sich für sie in ein entwürdigendes orangenes Regencape einwickeln musste. Mit ihrem neuen Album bekommen die Berliner endlich die Aufmerksamkeit, die sie schon lange verdienen, weil ihre intelligente Indieelektronik auch Hits wie "Brand new Carpet" abwirft. Und wer sich immer noch über das sehr deutsche Englisch von Sänger Fabian Fenk aufregt, der sollte sich vielleicht besser mal auf den Inhalt der Texte konzentrieren.

Und es hat ja nicht nur geregnet. Vielleicht lag es nur daran, dass Digitalism das große Glück hatten, am sonnigen Samstag zur Prime Time die Hauptbühne zu bespielen, aber plötzlich gingen die eher songorientierten Tracks vom neuen Album sehr viel besser mit den Klassikern zusammen als noch beim Hurricane. Selbst die aufgesetzt coolen Ansagen in Englisch waren dann plötzlich ungelenk charmant.

Zuvor ist auch Mike Skinner der Abgang geglückt. Beim vermutlich letzten Deutschland-Konzert von The Streets gab es noch einmal alle Hits - und zwar mit einem sehr viel besseren Sound als bei Skinner oft üblich. Vielleicht ist es ja doch schade, dass Skinner The Streets an den Nagel hängt, aber wir trocknen mal unsere Augen in der Annahme, dass ihm schon ein spannendes, neues Projekt einfallen wird.

Gewinner des Samstags waren für mich aber Sascha Ring und sein Projekt Apparat. Natürlich
weiß man von seiner immer schon etwas verkopfteren Elektronik, nicht zuletzt dank seiner Mitwirkung bei Moderat. Doch wenn er jetzt für sein Ende September erscheinendes Album "The Devil's Walk" plötzlich Instrumente und Songs entdeckt, spielt er in einer Liga mit Radiohead und Sigur Rós. Den Beweis lieferte er samt Band auf der von Modeselektor kuratierten Nebenbühne, die dem starken Zulauf kaum gewachsen war.

Außerdem waren da am Samstag noch Metronomy, die live genau so gut sind wie ihr fantastisches neues Album "The English Riviera". Und Patrick Wolf, dessen Auftritt nur so gut war wie das mittelmäßige, neue Album "Lupercalia". Ach, hätte er doch nur die meist eher gemäßigten Mainstreampopausflüge mit mutigeren alten Songs durchmischt. Planningtorock war zwar schon gut, funktioniert aber im Partyzelt dann doch nicht so richtig. Überhaupt das Zelt: Ist da generell eigentlich ein guter Sound hinzubekommen? Habe ich in diesem Jahr nicht erlebt. Mutter hatten neben dem Sound auch noch mit sträflichem Desinteresse zu kämpfen. Kann den ganzen Tocotronic-Fans da draußen nicht mal jemand sagen, dass sie gefälligst die Berliner Band um Max Müller abchecken sollen? Und in der Freitagnacht habe ich den Zeltauftritt der Crystal Fighters auch nur so abgefeiert, weil es die Bierseligkeit verlangt hat.

Gute Vorarbeit hat da Robyn auf der Hauptbühne geleistet, die inzwischen ein nur aus Hits bestehendes Set zusammen hat. Und dann gehört es wohl zur Eigenart meiner diesjährigen Melt!-Stimmung, wenn ich "Indestructible" mit zum Himmel empor gereckter Faust abfeiern will, als stünden da Oasis auf der Bühne. Über den Melt!-Auftritt des grottenschlechten Oasis-Ablegers Beady Eye darf dann auch gerne einer der Kollegen schreiben. Ich war nicht da, mich hat das schlicht nicht interessiert.

Natürlich lag es teilweise an Interviewverpflichtungen, vor allem aber wohl am Befindlichkeitskrempel, wenn ich Foster The People, Sizarr, Nicolas Jarr, Men, Noah And The Whale, The Naked And Famous, Jamie Woon und These New Puritans verpasst habe. Alles Bands, die ich eigentlich mag. Vielleicht gab es aus diesem Grund für mich auch nur so wenige Musikhighlights. Vielleicht ist es aber gerade auch das, was ein gutes Festival ausmacht. Klar, das Hurricane hat dagegen vor ein paar Wochen mal eben Bright Eyes, Portishead und Arcade Fire aufgefahren. Trotzdem bekommt das Melt! 2012 schon jetzt von mir eine blinde Zusage, während das Hurricane doch bitte erst mal das Line-up vorstellen soll. Das Melt! ist eben kein normales Festival. Und zumindest in der Rückschau ist das auch immer gut so.