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Foto Nino Haratischwili - EINE GESCHICHTE VOM SCHEITERN
Foto: © Yves Noir
> Nino Haratischwili

EINE GESCHICHTE VOM SCHEITERN

Nino Haratischwili hat in kurzer Zeit zwei Romane geschrieben, sich in der Theaterszene etabliert und eine Bilderbuchintegration gewuppt. Muss man das schon Erfolg nennen?

Von Falk Schreiber

Wenn man Nino Haratischwili nerven möchte, dann lobt man sie für ihr akzentfreies Deutsch. "Oh Mann!", erinnert sich die gebürtige Georgierin: "Bei manchen Lesungen werde ich immer noch gefragt, weswegen ich so gut Deutsch kann! Ich setze mich als Autorin hin und versuche, mein Buch schmackhaft zu machen - da muss man doch davon ausgehen, dass ich mich mit der Sprache beschäftige!"
Wüsste man es nicht, man würde nicht glauben, dass diese junge Frau den momentan viel diskutierten Migrationshintergrund mit sich rumträgt. Diese junge Frau, die an einem Sommernachmittag im Hamburger Schanzenviertel eine Saftschorle bestellt. Die Haare sind sehr dunkel, der strenge schwarze Lidstrich fällt auf, hier sieht jemand ein bisschen anders aus als das prototypische Schanzenmädchen, aber sonst? Merkt man, dass Haratischwili in Georgien aufgewachsen ist und als Zwölfjährige erstmals für zwei Jahre nach Deutschland kam? Und endgültig 2003 zum Studium in die Bundesrepublik zog, also erst seit acht Jahren fest hier lebt? In dieser Zeit erwarb sie ein Diplom an der renommierten Theaterakademie Hamburg, etablierte sich als Theaterautorin, inszeniert erfolgreich an Bühnen von Hamburg bis Heidelberg und veröffentlicht demnächst ihren zweiten Roman "Mein sanfter Zwilling". Nino Haratischwili ist ein Integrationswunder, eine Migrantin, wie sie sich konservative Innenpolitiker nicht anpassungsfähiger wünschen könnten.
Und die dennoch immer wieder auf ihren Migrantinnenstatus zurückgerufen wird. "Ich habe schon viele Theaterstücke geschrieben, und von denen setzen sich gerade mal zwei direkt mit Georgien und Krieg auseinander - ausgerechnet auf die werde ich ständig angesprochen", beklagt sie sich. Was vielleicht sogar verständlich ist: Georgien ist in Westeuropa kaum bekannt, man wüsste einfach gerne mehr über die sozialen Verwerfungen der postsowjetischen Gesellschaft, die Unabhängigkeitsbestrebungen an den Rändern, die das kleine Kaukasusland vor drei Jahren in einen kurzen Krieg mit dem riesigen Nachbarn Russland trieben. Und weil man mehr erfahren möchte, schiebt man Haratischwili eben in die Schublade migrantischer Literatur. "Ich finde das ganz schrecklich, weil ich einfach Autorin sein will, Punkt. Es ist erstmal egal, wo ich herkomme", wehrt sich Haratischwili. Der Umgang mit der georgischen Hamburgerin: ein einziger Eiertanz zwischen berechtigtem Interesse und unerwünschter Kategorisierung.
Wobei sie den Rückgriff auf ihre georgische Vergangenheit auch immer wieder selbst herstellt. Stella, die Protagonistin aus "Mein sanfter Zwilling", verlässt Mann und Kind, um aus der hanseatisch-wohlgeordneten Upperclass direkt ins wilde, heftige, aggressive Leben zunächst in der georgischen Hauptstadt Tiflis, später dann in der abtrünnigen Republik Abchasien am Schwarzen Meer einzutauchen. Zudem ist "Mein sanfter Zwilling" unterteilt in einen Hamburger Teil, der mit "Dort" beschrieben wird, und in einen georgischen Teil, "Hier" - eigentlich muss man doch Haratischwilis Blick als georgischen Blick annehmen, oder? "Der Roman ist aus der Perspektive einer Deutschen geschrieben!", wendet die Autorin zu Recht ein. "Die beschreibt da ein Land, das ich sehr gut kenne, das für sie aber erstmal fremd ist. Auch wenn sie ,Hier' sagt, ist sie trotzdem weiter ein fremder Mensch in einem fremden Land. Und durch diese leichte Verschiebung kann ich das aus einem anderen Blick betrachten."

Den Fehler, "Mein sanfter Zwilling" als autobiografisch zu lesen, sollte man ohnehin vermeiden. Stella hat keinerlei Charakterzüge der Autorin, im Gegenteil: Während die Romanfigur ein ätherisches Wesen ist, das sich den gesamten Roman über passiv durch die Gegend schubsen lässt, strahlt ihre Erfinderin eine nahezu beängstigende Aktivität aus. Haratischwili ist einen Tacken zu laut, sprudelt vor Energie, wirkt im besten Sinne mit beiden Beinen auf der Erde stehend. Wobei sie Stella gar nicht nur als passiv bezeichnen würde: "Ich finde, Verweigerung kann manchmal viel mehr Kraft kosten als aktives Handeln. Mich hat interessiert, was passiert, wenn eine Frau aus einem funktionierenden Leben aussteigt und sich wirklich allem verweigert, ihrer Rolle als Ehefrau, als Mutter, als Mitarbeiterin."
Haratischwili dagegen scheint sich nicht zu verweigern, sie funktioniert: Immerhin hat sie hat es mit gerade mal 28 geschafft, sich beruflich zu etablieren, und das auch noch trotz ihres Migrantinnenstatus. Haratischwili lacht. "Mein Beruf ist nicht alles! Und ich würde nicht behaupten, dass mir immer alles gelingt, was ich will. Natürlich scheitere ich wie jeder andere Mensch auch." Und dann greift sie zurück nach Georgien, sie kommt nicht los von ihrer Geschichte, will sie eigentlich auch gar nicht: "Mich hat es sehr viel Kraft gekostet, mich bestimmten Dingen aus meiner Kultur zu verweigern. Egal ob ich Erfolg habe, nach georgischen Maßstäben wäre ich schon längst verheiratet und müsste Familienmutter sein. Und das war schon ein großer Kraftaufwand, zu sagen: Nee, so sehe ich das aber nicht."

Und dass Haratischwili die Geschichte ihrer Verweigerung in druckfähigem, akzentfreiem Deutsch erzählt, das möchte man am Ende doch noch festhalten.

Checkbrief

NAME Nino Haratischwili
GEBOREN 1983 in Tiflis/Georgien
LEBT in Hamburg
BERUFE Schriftstellerin, Dramatikerin, Theaterregisseurin
STUDIUM Filmregie in Tiflis, Theaterregie in Hamburg
PREISE Adalbert-Chamisso-Preis, Preis des Heidelberger Stückemarkts, Rolf-Mares-Preis
JÜNGST Hausautorin am Deutschen Theater Göttingen
DEMNÄCHST Ihr zweiter Roman „Mein sanfter Zwilling“ erscheint am 1. 9.