Foto Cristian Straub - LIGHTS! CAMERA! FASHION!
Szenenbild aus Cristian Straubs Film "Format" für die Berliner Avantgardedesignerin Esther Perbandt
> Cristian Straub

LIGHTS! CAMERA! FASHION!

Um einer der wichtigsten Modefilmemacher Deutschlands zu werden, muss man: erst mal scheitern. Cristian Straub weiß, warum.

Von Ellen Stickel

Cristian Straub sieht nicht aus wie ein Modefreak: schwarze Jeans, leicht verwaschenes schwarzes Shirt, Mütze. Die eigenen Klamotten stehen aber auch nicht im Mittelpunkt seiner Arbeit - Straub ist einer der Vorreiter des deutschen Fashionfilms. Eben hat er einen Film für die kommende Frühjahrskollektion der Berliner Avantgardedesignerin Esther Perbandt fertiggestellt, die für ihre anspruchsvollen, künstlerischen Präsentationen bekannt ist. Ein Ritterschlag, doch zu Kopf gestiegen ist Cristian Straub der Erfolg nicht. Das Gespräch findet auf einer Parkbank statt, die Schorle kommt vom Kiosk nebenan.

uMag: Fashionfilme sind noch ein relativ junges Genre - hat dessen Aufstieg auch mit dem Niedergang des Musikfernsehens zu tun?
Cristian Straub: Es gibt gerade ein Revival von experimentellen und visuell auffällige Clips - auch das Musikvideo erlebt eine Renaissance, allerdings im Netz. Seit das Internet genügend Bandbreite hat, damit die Leute sich die Clips zu Hause in HD streamen können, tauchen diese Kunstformen wieder auf. Warum der Fashionfilm dabei so eine prominente Rolle spielt, kann sich aber keiner so richtig erklären. Als ich mich vor zwei Jahren in das Thema reingefuchst habe, musste man auch im Internet noch mit der Lupe suchen - und in Deutschland gab es praktisch gar nichts.

uMag: War das für dich der Grund, dein Fashionfilmblog zu gründen?
Straub: Ja, das kam tatsächlich aus der Frustration heraus, dass ich nicht wusste, wo ich mich im Netz hinwenden kann, um die besten Filme zu sehen. Ich wollte ein Kompendium schaffen, das die besten Werke zeigt, aber das Ganze auch inhaltlich füllen, zum Beispiel mit Interviews. Das Blog hat sich mittlerweile auch international etabliert, ich bin da auch ein bisschen stolz darauf.

uMag: Wann hast du gemerkt, dass dieses Genre das richtige für dich ist? War das eine bewusste Entscheidung oder eher eine Entwicklung?
Straub: Es hat sicher auch mit dem Zufall zu tun, dass eine Freundin von mir ein Modeblog hat. Darüber bin ich erst so richtig mit dem Thema Fashion in Berührung gekommen. Ich war ja an der Kunsthochschule, da interessiert man sich nicht für so oberflächliche Sachen. (lacht) Ich habe dann entdeckt, dass es im Fashionbereich auch den Underground gibt, die verrückten Designer, besessene Leute, die ihr Ding durchziehen. Das hat mich fasziniert und durch Zufall hab ich den ersten Film gesehen. Das war genau zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, nach meinem Studium, als ich an einem langen Drehbuch saß und eigentlich so eine typische Filmemacher-Autoren-Karriere eingehen wollte. Aber die stockte ganz schön. Ich kam mit dem Buch nicht voran, die Fernsehredaktionen brauchten vier Monate, um auf eine E-Mail zu antworten - super gruselig. Ich habe dann einfach damit angefangen, habe mit einer Freundin einen kleinen, experimentellen Fashionfilm gedreht, und irgendwie hat die Sache dann Geschwindigkeit aufgenommen.

uMag: Wie war die Zusammenarbeit mit Esther Perbandt?
Straub: Der Film "Format" war ein echt aufwändiges Projekt, aber auch sehr freestyle. Das war eine große Ausnahme, denn Esther hat mir blind vertraut, wir haben ohne Ängste miteinander gearbeitet. Wenn zwei Leute zusammenkommen und es entwickelt sich so gut, das ist schon ein kleines Wunder. Es ist ein schöner Film geworden - vielleicht ein Stück weit mutig wegen der Länge von mehr als acht Minuten. (lacht) Aber das wollten wir auch so, wir wollten nicht auf Kommerzialität oder Verwertbarkeit achten. Wenn man Angst hat, dann macht man Sachen am Ende wie alle anderen, und dann muss man sich fragen, warum man sie überhaupt macht.

uMag: Wie läuft die Arbeit mit den Modedesignern denn normalerweise ab?
Straub: Für die konkreten Ideen bin schon ich zuständig, aber ich brauche natürlich eine Inspiration. Man tauscht sich dann mit den Designern darüber aus, welche Idee hinter ihrer Kollektion steht, und entwickelt daraus Ideen. Es ist eine Kooperation, Designer verstehen sich auch als Künstler und wollen sich einbringen, und ich finde das auch gut. Ich habe ja sonst nur mit Filmleuten zu tun oder mit Werbeleuten, die meist eher nicht auf Avantgarde ausgerichtet sind. (lacht) Aber diese Art von Produktionen werden Gott sei Dank weniger, denn inzwischen kann ich und kann meine Firma von Fashionfilmen leben. Ich sehe dieses Genre aber nicht als die letzte Erfüllung meines Lebens. Es ist eine Station, aber dann wird es auch wieder weitergehen, wohin auch immer. Das Genre ist momentan sehr spannend, wird aber kommerzieller werden. Und irgendwann landen wir dann auch bei einer Art Werbung - die sich aber dann hoffentlich - wie Parfümwerbung - immer noch von Maggi-Werbung unterscheiden wird.

uMag: Glaubst du wirklich, die Gefahr ist da, dass das Genre zu schnell kommerzialisiert wird?
Straub: Es ist keine Gefahr, ich würde mich auch ein Stück weit darüber freuen, denn Filme zu machen ist immer noch teuer. Es ist nicht wie bei Fotografien, die man mal schnell in ein paar Tagen machen kann. Beim Film brauchst du einen Riesenapparat von Menschen, und das ist teuer. Ich freue mich deshalb, dass die Budgets jetzt anziehen und sehe das eher als einen Vorteil.

uMag: Du hast einen eigenen Blog angeschoben und eine Produktionsfirma gegründet, die sich auf Fashionfilme spezialisiert hat. Wird das nicht ganz schön viel?
Straub: (lacht) Ja, ich bin momentan wirklich am Limit. Es kommen jetzt auch Anfragen von großen, internationalen Filmproduktionen, die mich als Regisseur haben wollen, was mich sehr freut. Andererseits sind auch große Brands auf die Möglichkeit des Fashionfilms und auf meine Firma aufmerksam geworden. Es explodiert also in zwei Richtungen, und ich bin gerade ein bisschen verloren und muss gucken, wie ich das unter einen Hut bringe. Letztendlich hängt mein Herz aber nicht in der Produktion, sondern in der Regie. Ich würde mich im Zweifel immer für das Kreative entscheiden.

uMag: "Format" ist in Schwarz-Weiß gedreht. Welches Konzept steckt dahinter?
Straub: Schwarz-Weiß setzt sich erst mal von der Realität ab. Dieses Eintauchen in eine andere Welt ist ganz wichtig. Unsere Lebensumgebung ist bunt, die Filmwelt ist schwarz-weiß, dadurch stilisiert und ein Stück weit abstrakt. Man lässt sich dann ganz anders auf die Geschichte ein und sucht nicht ständig nach Realistischem. Zweitens hat Schwarz-Weiß natürlich einen bestimmten Look, sehr edel und kantig, die Kontraste werden oft stark betont. Das poppt einfach stärker. Schwarz-Weiß ist immer auch eine Entscheidung für das Individuellere.

uMag: Was ist wichtiger: erzählerische Strukturen oder Atmosphäre und Irritation?
Straub: Ich glaube, beides macht Sinn, man muss es halt nur gut machen. Viele Fashionfilme werden in Deutschland von Filmstudenten gemacht oder von Fotografen. Das ist dann oft nur eine Wand, ein Hintergrund und coole Moods. Das ist für mich kein richtiger Film. Die Studenten wollen dagegen meist ihre kleinen Geschichten erzählen, das ist oft viel zu lieb und zu belanglos. Ich glaube aber, dass Geschichten der Trend sind, der kommen wird. Man hat sich formal extrem ausprobiert, es ist mittlerweile sehr schwer, da noch was ganz Originelles zu machen. Wir haben die Spiegeleffekte gesehen, den Rauch, die Slow Motion, Unterwasseraufnahmen. Jetzt brauchen wir ein bisschen mehr, um in Erinnerung zu bleiben. Mal Bilder stehen zu lassen, mutig zu sein, ohne zu denken: Die Leute wollen nach drei Sekunden schon was Neues. Egal, die müssen das aushalten. Mit einer guten Geschichte wird man die Leute immer emotional kriegen. Es führt vielleicht ein bisschen weg vom reinen Zeigen der Mode, führt aber dafür mehr in die Welt der Marke ein. Ich bin auch selbst ein bisschen müde geworden, immer wieder halb nackte Mädchen in Slow Motion zu sehen, das interessiert mich einfach nicht mehr. Aber für Geschichten müssen die Filme länger sein, man muss schon in Richtung 10, 20 Minuten denken, damit die Leute sich in die Geschichte reinfinden können. Manch einer guckt sich im Fernsehen auch eine dreiviertel Stunde lang "Bauer sucht Frau" an - warum soll man sich nicht mal was Interessantes 20 Minuten lang angucken?

FORMAT _ Esther Perbandt S/S 2012 from Cristian Straub on Vimeo.

Checkbrief

Foto: Elena Getzieh

NAME Cristian Straub
GEBOREN in Rumänien
IST 33 Jahre alt und lebt in Hamburg
STUDIERTE zunächst Philosophie, wechselte dann zu Film an der HFBK Hamburg
WAR früher mal Filmvorführer
IST großer Fan von technischen Neuerungen – seinen aktuellen Film gibt es auch als spezielle iPad-Version

www.cristianstraub.com
www.ravished-by-illusions.com