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Donnerstag 02 | 09 | 2010





Foto Coco Rosie - QUEER-SZENE NEW YORK
music | Storys | Coco Rosie

QUEER-SZENE NEW YORK

Sie wehren sich gegen Geschlechterrollen und heterosexuelle Norm. Sie alle kommen aus New York - und veröffentlichen die aufregendsten Platten des Herbstes. u_magazine stellt die wichtigsten Musiker der New Yorker Queer-Szene vor.

Text: Carsten Schrader


Bianca malt sich mit Kajal einen Bart. Manchmal tragen die Casady-Schwestern die entsetzlichsten Hippie-Kleider ihrer Mutter. Manchmal werfen sie sich in Anzüge und machen auf Dandy aus dem letzten Jahrhundert. Aber niemals richten sich Coco Rosie danach, was MTV von sexy Girls erwartet. Auch musikalisch nicht. Als sie vor gut einem Jahr mit "La Maison de mon Rêve" ihr Debüt veröffentlichten, mussten Musikjournalisten trotz aller Begeisterung erst mal ein passendes Genre entwerfen: fragmentierter Folk plus Punkattitüde plus komische Geräusche? Mit Tröten, Ketten und Feuerwehrautos baut Bianca Loops. Während sie knarzt und knistert, sitzt Schwester Sierra am Klavier, spielt manchmal Flöte, mal Harfe. Eigentlich unverträglich auch der Gesang der Casadys: Sierra ist studierte Opernsängerin, Bianca klingt, als würde Mickey Mouse versuchen, den Blues zu röhren.

"In Abgrenzung zur Realität und zum Mainstream formulieren wir eine Utopie."

Ihre Texte können es mit jeder musikalischen Schräglage aufnehmen. Coco Rosie brechen Tabus, verteufeln die Moral des Christentums und lassen aus jeder Textzeile Ironie tropfen. In "Honey or Tar" geht es um den weiblichen Orgasmus, mit "By your Side" parodieren sie Macho-Fantasien, indem sie die perfekte Hausfrau geben: "All I wanted was to be your housewife/I'll iron your clothes/I'll shine your shoes/I'll make your bed and cook your food."

Aufatmen! Denn nach der Provokation kommt bei Coco Rosie kein erhobener Zeigefinger. "Selbst wenn an der Oberfläche der Musik manchmal ganz klar ein Konzept erkennbar wird - der kreative Prozess ist bei uns immer frei von Intentionen", stellt Sierra klar. "Genau", springt Bianca ihr bei, "wir wollen mit unseren Songs keine Botschaften an das Publikum vermitteln, sondern einfach eine emotionale Verbindung herstellen und positive Lebensenergie schaffen." Coco Rosie haben Kategorien wie männlich und weiblich längst überwunden. Mit ihren Outfits, den Texten und der Bühnenshow stellen sie festgeschriebene Geschlechterrollen in Frage. Ihre Musik ist ein Angebot, eine Gegenwelt, in der künstliche Beschränkungen aufgehoben sind. Was danach kommt, überlassen sie ganz bewusst ihrem Publikum. Erfreulich, dass sie sich nicht als Gutmenschen aufspielen. Platte Parolen würden Coco Rosies Zauber zerstören. Aber warum ersetzen sie intelligente Reflexion durch esoterisches Geschwafel?

Coco Rosie machen eben, was sie wollen - und von Erwartungshaltungen lassen sie sich genauso wenig einengen wie von gesellschaftlichen Zwängen. Auch nicht beim Interview im Restaurant eines Berliner Hotels. Immer wieder flüstern die Schwestern miteinander, hören bei Fragen nicht zu, sondern spielen lieber mit ihrem Essen oder tauschen unterm Tisch mal sanfte Schläge, mal Liebesbekundungen. "Natürlich ist die Welt voller Klischees à la Britney Spears", ist Bianca dann plötzlich doch zu einem Statement bereit, "und natürlich wollen wir dazu einen Gegenpart übernehmen, allerdings als Künstler - und nicht als weibliche Künstler. Diese Unterteilung wollen wir vergessen." Coco Rosie haben ihre Erkenntnisse gewonnen. Die wollen sie vorleben, aber nicht erklären - denn das würde bedeuten, dass sie einen Schritt zurück machen.
Wären dann aber nicht Bands wie Le Tigre überflüssig, die mit ihrer Musik ganz explizit feministische Parolen formulieren? Sierra schüttelt entschieden den Kopf: "Der Konflikt ist ja in der Realität noch immer vorhanden, und es ist richtig und wichtig, dass Bands wie Le Tigre die Rechte von Frauen einfordern. Unser Ansatz ist nur einfach ein komplett anderer, denn in unseren Songs sind immer weibliche und männliche Stimmen involviert. In Abgrenzung zur Realität und zum Mainstream formulieren wir eine Utopie. In unserer Kunst setzen wir um, was Bands wie Le Tigre einfordern." Jetzt lächelt Bianca und schiebt ihrer Schwester eine Gabel Spaghetti Carbonara in den Mund. "Siehst du, und deswegen kann ich dir auch einfach nur sagen, dass ich mir einen Schnurrbart male, weil er mir steht, oder dass ich Männerklamotten trage, weil ich eben Lust darauf habe."

Plötzlich stößt Sierra ihre Schwester an und zeigt auf den Rezeptionsschalter. Beide springen von ihren Plätzen auf und stürmen unter hysterischen Schreien auf den Hotelflur. Denn da steht Antony. Der lässt sich Küsschen geben, durch die strähnig-fettigen Kunsthaare wuscheln und das weiße Rüschenhemd in den rechten Sitz zupfen.
Coco Rosie und der 1, 95 m große, androgyne Koloss sind befreundet. Wann immer möglich, gehen sie gemeinsam auf Tour, und bei Plattenaufnahmen helfen sie sich gegenseitig mit Gastauftritten. Anfangs war es vor allem Antony, der nach Erscheinen des Coco-Rosie-Debüts von der Schwesternschaft profitierte, indem er sich im Vorprogramm der Casadys einem großen Publikum vorstellen konnte. Inzwischen ist sein Album "I am a Bird now" in zweiter Auflage bei einer großen Plattenfirma erschienen, und so ziemlich alle Kritiker in Deutschland sind sich einig, dass dieses Jahr keine gefühlvollere Platte erscheinen wird.
Schon Transvestit und Andy-Warhol-Ikone Candy Darling auf dem Cover zeigt die inhaltliche Entsprechung zu Coco Rosie. Antony ist großer Fan von Warhol und seiner Factory, ein Ort, an dem bereits im New York der 60er die Aufhebung der Geschlechterrollen gelebt wurde. Das ist auch sein großes Thema auf "I am a Bird now": "One day I grow up, I'll be a beautiful woman. One day I'll grow up, I'll be a beautiful girl. But for today I am a child, for today I am a boy."

In der Kindheit versuchte Antony, sich mit seiner Rolle als Junge anzufreunden und zog von seiner Geburtsstadt London über Holland nach Kalifornien. Doch erst in New York fand er einen Ort, der ihm entsprach. "Das ist der beste Platz für mich und meine Musik. New York ist der letzte Stopp vor dem Ozean", erklärt er. In den verrauchten Hinterzimmern der New Yorker Schwulenkabaretts saß er am Klavier und besang mit vibrierender Falsettstimme seine Seelenqualen oder interpretierte Liebeserklärungen an die Drag-Queens der Stadt. Dort entdeckte ihn Loud Reed, ließ ihn auf der Platte "The Raven" ausgerechnet den alten Velvet-Underground-Song "Candy says" singen und nahm Antony mit auf Tour. Inzwischen füllt Antony ganz allein die Theatersäle in Amerika und Europa, und vor allem die Schwulenszene liegt ihm zu Füßen.

Doch wie Coco Rosie verspürt auch Antony keine missionarische Neigung. Die Frage, ob es in seiner Musik eine bestimmte schwule Ästhetik gibt, verneint er. "Ich bin mir nie sicher gewesen, was das überhaupt bedeutet. Obwohl ich in den Songs natürlich viele schwule Themen aufgreife, sehe ich mich nicht als Fahnenträger der schwulen Kultur." Es geht ihm nicht darum, an Toleranz zu appellieren oder Gleichberechtigung zu erstreiten. Wenn Hetero-Songwriter ihre Texte nicht rechtfertigen müssen, warum sollte Antony das dann nötig haben? "Ich hätte aber gern noch ein größeres Publikum, weil ich es liebe, für die Menschen zu singen", lautet vielmehr die Zielsetzung des 34-jährigen Queer-Folk-Sängers.

"Auch wenn ich als Mann aufs Klo gehe, pisse ich im Sitzen."

"Antony ist ein Engel", schwärmt auch Devendra Banhart. Der gebürtige Venezolaner ist nicht nur wichtiger Bestandteil der New Yorker Queer-Szene, sondern seit einiger Zeit auch fester Freund von Bianca Casady. Für Antonys Platte half er beim Duett "Spiralling" aus, auf Devendras neuem Album sind Coco Rosie als Gastmusiker dabei. "Das ist eine Verbindung auf unterschiedlichen Ebenen", erklärt der Neo-Hippie. "Wir alle verehren hermaphroditische Götter. Ich liebe Antony und Coco Rosie als Menschen. Aber auch wenn ich sie nicht kennen würde, dann würde mir ihre Musik bei meinem Leben helfen."
Von Zeit zu Zeit verwandelt sich der haarige Folkie in eine Frau. Nicht nur auf der Bühne. "Wenn ich mit Bianca ausgehe, rasiere ich mich und ziehe mir ein Kleid an. Bianca kleidet sich wie ein Mann, macht sich einen Bart - und so ziehen wir dann in die Stadt. Wir machen das, weil wir das Gefühl haben, dass es in uns angelegt ist und uns entspricht. Wenn ich feminin bin, dann versuche ich nicht, besonders feminin zu sein", beschreibt er und lächelt spitzbübisch. "Wenn ich maskulin bin, versuche ich allerdings auch nicht, besonders maskulin zu sein. Weißt du, auch wenn ich als Mann aufs Klo gehe, pisse ich im Sitzen."
Doch nicht immer bekommt Devendra nur positive Reaktionen auf sein Spiel mit den Geschlechterrollen. Vor kurzem tourte er mit Band durch Großbritannien, um sein neues Album "Cripple Crow" vorzustellen. "Da waren auch einige Leute, die eingeschüchtert waren, weil wir Make-up aufgelegt hatten, manchmal auch Kleider trugen und wild herumgetanzt sind", erzählt er und macht ein bedrücktes Gesicht. Doch für die Ablehnung hat er eine Erklärung: "Das liegt wohl daran, dass diese Leute mit sich selbst nicht klarkommen. Weil sie selbst gehemmt und unterdrückt sind, hemmen und unterdrücken sie andere. Und obwohl es ja eigentlich alle wissen, sollte man sich diese Wahrheit immer wieder bewusst machen: Die größten Schwulengegner sind in Wirklichkeit die schwulsten Menschen überhaupt."

Die Anfeindungen können ihn nicht verletzen, denn auch Devendra Banhart verbindet mit dem Geschlechterspiel keine Botschaft. "Es ist ja nicht so, dass der Rest der Welt darauf steht, wenn ich in Frauenkleidern in die Disco oder zum Einkaufen gehe", erklärt er. "Ich mache das für mich selbst, weil ich mich schön und frei fühle." Eben diese Absage an pädagogische Wichtigtuerei macht die New Yorker Queer-Szene so interessant. Das Spiel mit Geschlechterrollen ist in der Popkultur ja nicht neu. Doch zu oft krampfte schlechte Didaktik: Seid tolerant! Akzeptiert! Hinterfragt! Wenn die New Yorker den Geschlechterklischees entsagen, dann erobern sie einen Freiraum für sich selbst. Sie machen emotionale Musik, die Kitsch und Uncoolness nicht fürchten muss. Die so intensiv ist, gerade weil sie vom Zuhörer nichts erwartet. Vermutlich haben zu Antony in den letzten Monaten mehr Heteros geheult als bei U2, Coldplay und Alicia Keys zusammen. Denn in der Kompromisslosigkeit von Antony & Co. lauern Abgründe und große Gefühle. Vielleicht sind das die Gefühle, mit denen man die Welt verbessern kann. Doch wie das genau geht, sagen sie nicht - und gerade auch deswegen hört man ihnen gerne zu. Kann ja trotzdem sein, dass die New Yorker Queer-Szene gesellschaftliche Blockaden einreißt. Wahrscheinlich aber nicht. Doch eine Niederlage ist das dann noch lange nicht. Oder mit den esoterischen Worten von Devendra Banhart: "Wir machen all das wirklich nur für unsere eigenen Herzen - und das Herz ist kein Organ, das männlich oder weiblich ist."




01.10.2005






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