Foto Lars Eidinger - MARKTLÜCKE FEHLER
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MARKTLÜCKE FEHLER

Lars Eidinger ist der Schauspieler der Stunde. Weil er ein gewisses Maß an Echtheit in sein Spiel mitbringt - nicht nur in Bezug auf Erektionen.

Interview: Falk Schreiber

uMag: Lars Eidinger, als ich mich auf dieses Gespräch vorbereitet habe, bekam ich ein bisschen Angst ...
Lars Eidinger: Warum?

uMag: Weil ich bei Interviews mit Ihnen häufig den Eindruck hatte: Lars Eidinger hält sich für den besten Schauspieler aller Zeiten.
Eidinger: Schauspielerei setzt ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein voraus. Und die Behauptung, der beste Schauspieler der Welt zu sein, ist natürlich eine Provokation. Als wir in Sydney "Hamlet" gespielt haben, hat mich ein australischer Journalist angerufen, er hätte gehört, ich sei der beste Schauspieler der Welt. Und dann habe ich gesagt: stimmt. Das war alles. Im HipHop behauptet auch jeder, er sei der beste Rapper, und das nimmt ihm keiner übel. Schauspieler stapeln immer tief, das ist Fishing for Compliments. Und das brauch' ich nicht.

uMag: Leute, die sehr von sich überzeugt sind, wollen damit auch Unsicherheit überspielen.
Eidinger: Es wird nur jemand Schauspieler, der mit sich selber nicht im Reinen ist und der so an sich zweifelt, dass er darauf angewiesen ist, eine Bestätigung von außen zu kriegen. Und die kriegt man als Schauspieler auf einem sehr direkten und primitiven Weg: darüber, dass das Publikum auf einen reagiert. Ich wollte damit nur offensiver umgehen. Ich weiß ja auch, wie meine Kollegen funktionieren: Da ist keiner, dem der Applaus egal ist.

uMag: Nach "Alle Anderen" wurden Sie als "It-Boy der Mittdreißiger" beschrieben. Das ist ein bisschen mehr als nur Lob für Ihre Schauspielkunst, das heißt, dass Sie als Mensch Lars Eidinger ein Rollenmodell darstellen. Kommt man Ihnen damit zu nahe?
Eidinger: Ja. Aber damit muss man leben, wenn man zu einer öffentlichen Person wird. Dann muss man sagen: Das ist ein Etikett, mit dem kann ich mich arrangieren. Oder: In die Schublade wollte ich nie. Ich finde "It-Boy seiner Generation" okay.

uMag: Sie spielen zwar immer unterschiedliche Rollen, aber eigentlich repräsentieren die immer ein bestimmtes Männerbild, zuletzt in "Fenster zum Sommer": eine Härte und Maskulinität, die sich hinter Weichheit und Feminität versteckt.
Eidinger: Das ist eine gute Beschreibung. Aber ich verfolge da keine Strategie. Was mich ausmacht, ist vielmehr, dass ich den Mut habe, mich angreifbar zu machen. Das ist kurioserweise eher etwas, das von Schauspielern vermieden wird: sich auch mal schwach zu zeigen. Aber Leute, die keine Fehler machen, sind keine echten Menschen. Ich habe das Gefühl, das ist wie eine Marktlücke: Leute zu zeigen, die Fehler machen.

uMag: Ich habe gehört, dass Sie im Theater während der Aufführung Ihre Mitspieler aus der Reserve locken, indem Sie das, was in der Probe verabredet wurde, brechen. Sie unterlaufen die Planung des Regisseurs.
Eidinger: Ja, aber es gibt ja auch Regisseure, die genau das verlangen. Es gibt die Verabredung, es gibt aber auch immer die Option, die Verabredung zu brechen. Ich finde, gerade der Trumpf der Unmittelbarkeit wird im Theater total vernachlässigt, dass man sagt: Ich kann jetzt von der Bühne gehen, oder ich kann jetzt meinen Partner schubsen.

uMag: Dieser "Trumpf der Unmittelbarkeit" wird im Theater vielleicht vernachlässigt, aber beim Film findet er gar nicht statt.
Eidinger: Naja, doch. Ich habe gerade mit Peter Greenaway gedreht, da musste ich eine Szene mit einer Erektion spielen. Mir kann keiner erzählen, dass er das spielt, das ist dann echt. Und diesen Anspruch, den habe ich nicht nur an meinen Schwanz, den habe ich auch an mein Spiel im Allgemeinen: dass es einen Grad von Echtheit hat. Ich versuche, zu vermeiden, dass man sich schont, dass man nur auf die Illusion vertraut und dass man immer "so als ob" spielt.

uMag: Das wäre Ironie. Die ist doch eine bewährte Kulturtechnik.
Eidinger: Christoph Schlingensief hat gesagt: Ironie ist systembestätigend. Sehe ich genauso. Ironie wurde lange verklärt als Fähigkeit, eine Sache aus Abstand mit Humor zu betrachten. Aber Ironie ist auch ein Mittel, um den Schrecken von gewissen Sachen zu nehmen. Wenn ich über alles ironisch erhaben bin, dann habe ich auch keinen Anlass mehr, dagegen aufzubegehren. Man kann über den Tsunami lachen, man kann über George W. Bush lachen, man kann über Adolf Hitler lachen. Aber die Frage ist: Wie wertvoll ist das eigentlich dauerhaft? Ist es nicht viel interessanter, die Dinge ernstzunehmen?

Checkbrief

NAME Lars Eidinger
BERUF Schauspieler
GEBOREN 1976 in Berlin
LEBT immer noch in Berlin
AUSBILDUNG an der Ernst-Busch-Schule in Berlin, in einem Jahrgang mit Nina Hoss, Fritzi Haberlandt und Devid Striesow
GERADE IM KINO „Fenster zum Sommer“ (ab 3. 11.), „Hell“ (seit September)
GERADE IM THEATER „Hamlet“ (27. 10. bis 2. 11.), „Maß für Maß“ (20. bis 24. 11.), „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ (25. 11.), alle an der Schaubühne Berlin
WURDE BEKANNT mit der Hauptrolle in Maren Ades Film „Alle anderen“ (2009)
VERHEIRATET mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger, eine Tochter
WOLLTE FRÜHER immer den Kommissar im „Tatort“ spielen
WILL HEUTE lieber den Mörder im „Tatort“ spielen