HELDEN DER ARBEIT
Mal ehrlich: Beim Thema Traumjob belügen wir uns ständig selbst - und wissen sogar, warum.
Von Ellen Stickel
"Und was machst du so?" Egal, ob man bei Partys von Freunden neue Leute vorgestellt bekommt oder man mit neuen Bekannten die Tanzfläche rockt - irgendwann kommt diese Frage. Als Antwort will dann keiner hören, dass man in seiner Freizeit die Welt bereist oder Kindern im Krankenhaus Geschichten vorliest, bei dieser Frage geht es stets um den Job. Und damit um den Versuch, das Gegenüber einzuordnen. Steuerberater? Pff, können ja eigentlich nicht viel Aufregendes zu erzählen haben, lieber mal noch nen Drink holen gehen. Lehrer? Fangen wahrscheinlich gleich an, über nervige Schüler und den Stress in Prüfungszeiten zu jammern. Fotograf? Ist ja spannend, erzähl mal ... Schublade auf, Mensch rein, was sind wir berechenbar. Offensichtlich haben wir das Gefühl, dass der Beruf ein Spiegelbild des Menschen sein muss, der ihn ausübt. Dass ein faszinierender Job auch heißt, der Gesprächspartner sei ungewöhnlich, bereichernd und irre unterhaltsam. Der Beruf ist das Statussymbol, nicht mehr das Handy, das Auto, das Haus, die man sich damit vielleicht leisten kann. Und nicht umsonst plagen sich Millionen Schulabgänger jedes Jahr so lange mit der Entscheidung, was aus ihnen werden soll, welches ihr persönlicher Traumjob ist. Ob sie etwas machen sollen, in dem sie hoffentlich viel Geld verdienen können. Oder was Soziales. Oder doch was Kreatives, ist ja schließlich am coolsten. Damit kann man beeindrucken.
Manchmal führt dieses Abchecken qua Beruf in Kennenlerngesprächen dazu, dass das Gegenüber nur kurz "Ach, ich bin Steuerberater" nuschelt, um dann schnellstmöglich auf ein anderes Thema überzulenken. Mit Zahlenkolonnen und dem Rumschieben von Belegen können sich offenbar nur die wenigsten identifizieren - oder geben es zumindest nicht zu. Öffentlich anerkannte Traumjobs sehen anders aus: kreativ, frei, sexy, mit Reisen und lässigen Leuten verbunden. Okay, und für manche sicherlich auch mit dem großen Geld. Aber auch das gibt kaum jemand gerne zu.
"Ein Studierter zu sein bringt großen Respekt ein, noch mehr bringt Prominenz oder ein fettes Bankkonto, und der Held ist man, wenn man beim Fernsehen ist. Komisch, oder?", findet Angie Sebrich. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie jettete jahrelang als Pressechefin für MTV durch die Weltgeschichte - hofiert werden, Flugmeilen, Promibekanntschaften und Bewunderung inklusive. Irgendwann wurde ihr das ganze Brimborium jedoch zu viel, sie sattelte um: auf Jugendherbergsleiterin. Mitten im bayerischen Skigebiet Sudelfeld kümmert sie sich nun um Bettlaken, Jugendgruppen und gesundes Essen für ihre Gäste. Glamourös ist anders, ein Traumjob ist es für Sebrich trotzdem. "Ich wollte meine Freizeit nicht mehr nur in homöopathischen Dosen genießen. Und auch ein Stück wertvollere Arbeit leisten", erklärt sie.
Wertvolle Arbeit - das war ganz früher mal das Herkeuchen hinter einem Pferd mit Pflug. Heute müssen sich nur noch die wenigsten den Rücken krummbuckeln, den Lebensunterhalt kann man sich auch lässig am Rechner sitzend verdienen, auf Designerstühlen und mit einem dampfenden Kaffee in der Hand. Zumal es nur in zweiter oder dritter Linie ums Geldverdienen geht, oder? Da muss schließlich noch mehr sein, das muss doch Spaß machen, am besten sollte man sich im Job selbst verwirklichen. Oder zumindest sollte man als Individuum hinter dem stehen können, womit man wöchentlich 45 Stunden zubringt. Soweit das Ideelle. Doch eine so tiefe Identifikation ist anstrengend. Um den perfekten Job für sich zu finden, muss man erstmal wissen, was man überhaupt vom Leben will. Dann stellt sich die Frage, ob man von so einem Traumjob leben kann. Und natürlich, ob er uns die Anerkennung bringt, nach der wir, wenn wir ehrlich sind, alle lechzen.
"Ein Leben ohne den richtigen Job ist offenbar undenkbar. Und wenn man den gefunden hat, darf es auch gerne ein bisschen mehr sein. Nur vor sich Hinwursteln ist nicht genug, Erfolg sollte man schon haben."
Seit es im gesellschaftlichen Denken nicht mehr nur um rein materiellen Besitz geht, ermittelt sich die Hierarchie durch andere Abgrenzung: Coolness, Kreativität und Selbstverwirklichung stehen ganz oben auf der To-do-Liste für den persönlichen Traumjob - und damit für ein erfülltes Leben. Das wissen auch die Buchverlage, in den Läden häufen sich derzeit die Ratgeber, Erfahrungsbücher und Romane über Work-Life-Balance und Co. Ein Leben ohne den richtigen Job ist offenbar undenkbar. Und wenn man den gefunden hat, darf es auch gerne ein bisschen mehr sein. Nur vor sich Hinwursteln ist nicht genug, Erfolg sollte man schon haben, man muss sich ordentlich reinhängen. Und das dann öffentlich kundtun, sonst haut das mit der Anerkennung ja wieder nicht hin. Auch Angie Sebrich findet: "Es gibt ja kaum leistungsfreie Jobs. Ob du nun Model, Tierpfleger oder Banker oder Schauspieler bist: Um gut zu sein, musst du in deinem Bereich was bieten und versuchen, der Beste zu sein. Dann hast du auch Erfolg, und das macht Spaß."
Erfolg = Spaß? Möglich. Aber: Ehrgeiz ist nur dann hip, wenn es um die Verwirklichung von etwas Individuellem geht, wenn man sein Ding macht. Sich rein wegen des Geldes oder wegen eines übertriebenen Geltungsbedürfnisses abzumühen, ist verpönt. So oder so: Der Job ist eine höchst zwiespältige Angelegenheit. Er soll auf der einen Seite Spaß machen, auf der anderen aber auch reichlich Geld bringen. Man soll sich nicht völlig dafür verausgaben, aber wer nicht bereit ist, auch mal am Wochenende zu arbeiten, zeigt nicht genügend Engagement. Kein Wunder, dass unsere Generation inzwischen als Generation Burn-out gilt, der Druck kommt ja nicht mehr nur von außen, wir hauen uns immer wieder selbst die imaginären Sporen in die Seiten. Bis es blutet. Und die Diagnose Burn-out wird dann vor sich her getragen wie eine Plakette für besonders enthusiastische Selbstaufgabe. Für den Job, der uns doch eigentlich glücklich machen sollte.
Auch Clemens Poloczek hat keine klassischen Feierabendzeiten. Der Berliner arbeitet hauptberuflich für Film- und Fernsehproduktionen und führt zusätzlich ein preisgekröntes Blog über Fotografie, Design und Kunst. Den großen zeitlichen wie auch inhaltlichen Einfluss, den der Job auf sein Leben hat, findet Poloczek völlig okay, auch wenn er zugibt, dass es manchmal schwierig ist, den richtigen Ausgleich auf die Reihe zu kriegen. Kreativ zu arbeiten ist zwar sein persönlicher Traum, aber für die Allgemeinheit sieht er das durchaus kritisch: "Ich habe das Gefühl, dass viele vor der Herausforderung, einen kreativen Beruf auszuüben, zurückschrecken. Wenn du am Fließband arbeitest, dann bist du nur auf deine Hände angewiesen, bei vielen kreativen Berufen bist du komplett von deinem Kopf abhängig. Keine Ideen, kein Geld."
Wenn man Schulabgänger nach Jobs fragt, die sie gerne ausüben würden, kommen dennoch häufig Antworten wie Musiker, Designer oder Fotograf. Was macht kreative Berufe eigentlich so interessant? Stefan Eckert erklärt es sich so: "Talent ist einfach sexy, vor allem, wenn man in der Lage ist, damit Emotionen zu wecken." Eckert ist Modedesigner, ein charismatischer noch dazu. Auf Partygespräche über seinen Job hat der Hamburger aber keine gesteigerte Lust: "Ich halte solche Gespräche generell sehr kurz." Durch beharrliches Arbeiten konnte er sich in seinem Traumjob etablieren. Er hat ein stylisches Atelier, zahlreiche Stammkunden und präsentiert seine Kollektionen schon mal in Form einer aufwändigen Hologramm-Show. Das hört sich ziemlich cool an, und wenn man Eckert fragt, wird schnell klar, dass er seinen Job liebt. Doch auch der Designerberuf ist keine Glücksgarantie, der vermeintliche Traumjob birgt - wie all die anderen heiß verehrten Kreativjobs - Stolperfallen und Runterzieher. Da wird viel verklärt und rosa umwölkt, Außensicht und Innensicht decken sich selten.
"Im 18. Jahrhundert entwickelte sich das Arbeiten vom reinen Mittel des Broterwerbs hin zu einer Berufung. Eine Revolution, die bis heute nachwirkt."
Stefan Eckert kennt die Vor- und Nachteile des Designerberufs und findet es in Ordnung, dass der Job sein gesamtes Leben durchzieht wie ein feines Spinnennetz: "Wenn man seinen Beruf mit dem Herzen betreibt, wird er eben auch schnell zum Lifestyle. Wenn man liebt, was man macht, sieht man das aber eher als Vorteil." Den Leuten vor ein paar hundert Jahren wäre so eine Haltung noch völlig abwegig erschienen. Berufe wurden damals vererbt und waren hauptsächlich Plackerei und notwendiges Übel. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, als sich die ständische Gesellschaft auflöste, bekamen die Menschen überhaupt die Möglichkeit, ihre Berufe frei zu wählen und es rein durch harte Arbeit zu etwas zu bringen. Arbeit galt seitdem als "Quelle von Eigentum, Reichtum und Zivilität bzw. als Kern menschlicher Existenz und Selbstverwirklichung", wie es der Historiker Jürgen Kocka in einem Aufsatz zum Thema zusammenfasst. Arbeiten entwickelte sich vom reinen Mittel des Broterwerbs hin zu einer Berufung. Eine Revolution, die bis heute nachwirkt. Der Philosoph Immanuel Kant überspitzte es sogar noch mehr, er erklärte die Freizeit kurzerhand zu verschwendeter Lebenszeit: "Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben, und desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst. In der Muße fühlen wir nicht allein, dass unser Leben vorbeistreicht, sondern wir fühlen auch sogar eine Leblosigkeit." Harter Tobak, der heute jedem Burn-out-Betroffenen die Tränen in die Augen treiben würde.
Was früher eine Befreiung von gesellschaftlichen Fesseln war, legt uns heute wieder in Ketten: Gerade in den kreativen Traumjobs sind zig Überstunden und miese Bezahlung keine Seltenheit. Als Entschädigung kriegt man soziale Anerkennung, weil man sein Ding macht. Freizeit? Wird sowieso überbewertet. Der Beruf drängelt sich immer weiter in unser Leben, wir leben die totale Vernetzung. Und irgendwie finden wir das sogar gut. Denn unser Job hat gefälligst unsere Leidenschaft zu sein, nach der Arbeit ist vor der Arbeit, und wer stur nine to five arbeitet, hat seine Berufung nur noch nicht gefunden und ist austauschbar.
Ist der richtige Beruf also die Antwort auf die Frage: Wie kriege ich, was ich vom Leben will? Clemens Poloczek sieht es differenziert: "Die große Liebe findet man in seinem Beruf nur selten. Gesundheit suche ich seit Jahren dort auch schon vergeblich. Ist man aber auf eine bestimmte gesellschaftliche Stellung und ein prall gefülltes Bankkonto aus, dann findet man auf diese Frage mit Sicherheit eine passende Antwort." Stefan Eckert findet dagegen ganz kategorisch: "Nein. Die Antwort darauf liegt in der Familie." Der Traum vom tollen Leben durch den perfekten Job - er ist der heilige Gral der Moderne, gepriesen in zahllosen Sagen, doch unerreicht. Es wird Zeit, ihn von seinem Sockel zu stoßen. Mit Schmackes.
Checkbrief
NAME Stefan Eckert
AUS Hamburg
BERUF Modedesigner
www.stefaneckertdesign.com
NAME Angie Sebrich
AUS Bayrischzell
BERUF Jugendherbergsleiterin
WAR MAL Pressechefin bei MTV
www.sudelfeld.jugendherberge.de
NAME Clemens Poloczek
AUS Berlin
BERUF Blogger, Filmschaffender, Cutter
www.ignant.de





