PASCHULKES AUS CASTROP-RAUXEL
Falk Schreiber mag keine Touristen. Was unter anderem bedeutet, dass er sich selbst nicht mag.
Im Harz gibt es ein kleines Städtchen namens Clausthal-Zellerfeld, und in Clausthal-Zellerfeld steht eine ebenfalls eher kleine Universität: die Technische Universität Clausthal, in der man Fächer wie "Radioactive and Hazardous Waste Management" studieren kann. Diese Universität wirbt mit dem Slogan "Studieren, wo andere Urlaub machen". Verstehe ich nicht so richtig. Ich meine, ich wohne ziemlich dicht an einem der wenigen touristischen Hotspots, die meine Stadt zu bieten hat, und so dolle ist das nicht. Durch die engen Gässchen schieben sich stinkende Reisebusse, genervte Lehrer erklären gelangweilten Schülergruppen die Feinheiten nordeutscher Backsteingotik, und das nette portugiesische Café um die Ecke hat seine Preise einfach mal verdoppelt, weil Schweizer Touristen auch noch bei vier Euro für einen Espresso begeistert sind, wie billig hier alles ist.
Ich mag keine Touristen. Mir wäre es lieber, wenn ich dort wohnen würde, wo niemand Urlaub macht, aber gut, das habe ich mir selbst ausgesucht, also brauche ich mich nicht zu beschweren.
Nur sorgt mein "Ich mag keine Touristen" gleichzeitig für konsequentes schlechtes Gewissen, wenn ich selbst Tourist bin. Touristen, das sind die Typen, die sich weigern, auch nur Brocken der Landessprache zu lernen. Touristen, das sind die Typen, deren größte Sorge in islamischen Ländern ist, wo sie ihre tägliche Ration Bier und Schweinswurst herbekommen. Touristen, das sind die Typen, wegen der man auf die Frage, woher man denn käme, immer peinlich berührt "Netherlands" antwortet, weil man keinesfalls mit den Paschulkes aus Castrop-Rauxel in einen Topf geworfen werden will. Touristen, das sind die Typen, die man von Herzen verachtet und die einem umso mehr Schmerzen zufügen, je mehr sie einem beweisen: Du bist wie wir. Du bist so, wie du nie sein wolltest.
Man muss sich nur einmal die Freizeitfabriken anschauen, auf Gran Canaria, auf Mallorca, an der türkischen Riviera: zubetonierte Strände, Hotelwaben, Funfunfun. Da kann nichts Gutes bei rumkommen, das ist nicht meine Welt, da habe ich nichts mit zu tun. Womit ich leider erst recht zum bösen Buben werde: Abgrenzung ist nie gut, und Abgrenzung von den Paschulkes, die ja wirklich nichts dafür können, dass sie sind, wie sie sind, gleich doppelt nicht. Denn in Wahrheit ist es doch so: Die Paschulkes aus Castrop-Rauxel leisten sich einen Billigflug von Dortmund nach Mallorca, das ist nicht gut für die CO2-Bilanz, aber okay, es gibt kein richtiges Leben im falschen, und ein bisschen Schwund gibt's immer. Direkt nach der Landung werden Paschulkes aber per Shuttlebus in den nur wenige Kilometer entfernten Ferienclub verfrachtet, und da sind sie dann auch zufrieden: Sonne, Strand, Sex und Ballermann. So zufrieden, dass sie das Clubumfeld für die nächsten zwei Wochen nicht mehr verlassen, weswegen der Mallorquiner zwar die Steuereinnahmen aus der sprudelnden Tourismusindustrie abschöpfen kann, gleichzeitig aber nicht von rotgesichtigen Teutonen im Wohlleben gestört wird. Die Touristen aber, die sich von Paschulkes abgrenzen, nehmen keinen Shuttlebus, nein, sie nehmen einen Mietwagen. In dem sie nicht nur die paar Ecken zum Strand zuckeln, sondern erstmal über die gesamte Insel. Und wieder zurück. Und in die Hauptstadt. Und ins Gebirge. Immer hin und her. Sie verstopfen die Straßen, sie verpesten die Luft, und wenn es hart auf hart kommt, dann regen sie sich auf, dass im hinterletzten Bergdorf niemand Englisch spricht. "There is no alternative", wusste Margaret Thatcher in Bezug aufs kapitalistische Wirtschaften, "There is no alternative" weiß ich in Bezug aufs Urlauben.
Und was soll ich jetzt machen? Einfach aufs Reisen verzichten? Im eigenen Saft schmoren, keine Eindrücke mehr von außen bekommen, jeden Tag so vor mich hinsumpfen wie am Vortag? Das kann es auch nicht sein, vor allem wäre ich dann ja allein gelassen mit den oben angesprochenen Städtetouristen. Also reise ich, irgendwie, habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zum Touristen werde, habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich vom Touristen abgrenze, komme zurück, rege mich über die Touristen in der Nachbarschaft auf, habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich aufrege, wo sie doch auch nur ihre paar schönen Wochen des Jahres abgreifen wollen.
Und bin schon wieder total urlaubsreif.





