PAUL, WAS IST DEINE NEUE LIEBLINGSDROGE?
Nach dem ziemlich miesen Album "Quicken the Heart" hatten viele Maximo Park bereits abgeschrieben. Drei Jahre später beweist "The National Health": Das war etwas voreilig.
Interview: Carsten Schrader
Paul, wann war das letzte Mal bei einem Bandmeeting von Trennung die Rede?
Das Wort ist noch nie gefallen, aber es schwebte nach dem letzten Album einige Male unausgesprochen im Raum. Und ich hatte ein Gespäch mit unserem Keyboarder Lukas, bei dem ich gesagt habe: Wir nehmen jetzt unsere vierte Platte auf, aber wenn die nicht gut wird, veröffentlichen wir sie nicht und belassen es dabei. Es gibt schon viel zu viele Bands, die auf Biegen und Brechen immer wieder neue Alben aufnehmen.
Was sollte auf dem Grabstein von Maximo Park stehen?
Sie haben ihr Bestes gegeben.
Was ist deine neue Lieblingsdroge, nachdem Wodka abgewirtschaftet hat?
Poesie.
Wie reagierst du, wenn Madonna anruft?
Es kommt darauf an, was sie will. Wenn sie einfach nur bei einer Tasse Tee quatschen will, würde ich wohl rangehen.
Was ist die zweitbeste Kopfbedeckung nach der Melone?
Baseballkappen. Die machen besonders Spaß, weil man damit auch die Leute mit ihren Vorurteilen konfrontiert.
Sind Vegetarier die besseren Menschen?
Als Fleischesser streite ich das ab, aber mir fällt kein Argument ein, mit dem ich Lust habe, meinen Standpunkt zu vertreten.
Stell dir vor, die Geschichte von Maximo Park wird verfilmt. Wer sollte die Regie übernehmen?
Die Dardenne-Brüder, denn niemand kann das einfache Leben überzeugender darstellen. Und ein Film über unser Leben sollte unbedingt auf dem Boden bleiben.
Was wäre denn die tragischste Szene in diesem Film?
Ich fürchte, die müssen wir erst noch erleben. Die Tragödien kommen bei Maximo Park wohl wirklich erst ganz am Ende.
Und was wäre die erhabenste Szene?
Das Konzert vor 12 000 Leuten in Newcastle. Danach sind in meiner Heimatstadt plötzlich wildfremde Leute auf mich zugekommen, um mir mitzuteilen, dass ich es geschafft hätte. Diese Szene kann man auch ganz gut brechen, denn die Nacht des Newcastle-Konzerts endete damit, dass ich in einem Club unsagbar peinlich getanzt habe.
Deine Mutter archiviert jeden Schnipsel über Maximo Park und kommentiert jeden Schritt, den ihr macht. Mit welcher Platte hatte sie denn bisher die größten Probleme?
Meine Mutter ist da ganz Mutti und findet alles gut, was wir als Band machen. Die negativen Kommentare spart sie sich lieber für mein Privatleben auf.
Was passiert am 21. Dezember 2012?
Nichts. Ich habe das Gefühl, dass die Welt nicht mit einem großen Knall, sondern langsam und elendig untergeht. Wenn nicht jemand meint, mit nuklearen Sprengköpfen rumspielen zu müssen, werde ich das wohl nicht mehr erleben. Und dieses Spiel ausgerechnet am 21. Dezember zu spielen, wäre ein so schlechter Scherz, den ich erstmal niemandem zutraue.
Erinnerst du dich, wann du das letzte Mal wegen einer neuen Platte komplett durchgedreht bist?
Das passiert Gott sei Dank immer noch viel zu oft. Zuletzt wegen "Extasis" von Julia Holter. Diese Platte ist gleichzeitig Pop und Avantgarde.
Warum ist spackiges Verhalten auf der Bühne sexy, aber nicht im echten Leben?
Fuck, ist das so? Wenn wir auf die Bühne steigen, sind wir schon echt, wir vergrößern die Realität nur ein bisschen. Ich ziehe mich ungewöhnlich an und hample herum, weil ich vielen Leuten in einem großen Raum zeigen will, worum es in unseren Liedern geht. Man muss alles größer und zum Drama machen, damit es jeder leicht verstehen kann.
Wer ist der coolste Bartträger?
Die Frage hätte ein paar Tage früher kommen müssen, ich habe meinen Bart gerade abgenommen. Es gibt viele gute Bärte, aber ich entscheide mich wohl für Allen Ginsberg. Obwohl er wie ein Lehrer aussieht, ist er ein Träumer. Allen Ginsberg ist ein gefühlvoller und schwärmerischer Bartträger.
Richtig oder falsch: Die größten musikalischen Innovationen kommen mittlerweile aus der Elektroszene und werden nicht mit Gitarren gemacht.
Falsch. Generell leben wir in einer Zeit, in der eigentlich nur Neues entsteht, indem man mit dem bereits Vorhandenen spielt. Auch in der Elektroszene beziehen sich die Innovationen immer auf ältere Sachen: Dubstep denkt Drum'n'Bass weiter. Und Animal Collective klingen wie die Beach Boys mit ganz viel Hall.
Welche Festivalhymne hättest du gern geschrieben?
"Smells like Teen Spirit". Wobei ich mich wohl gleichzeitig bei Kurt Cobain entschuldigen muss, dass ich seinen Song bei den Festivalhymnen einsortiert habe.
Britpop ist vor kurzem 20 geworden. Was ist das beste, was aus dieser Zeit geblieben ist?
Die Erkenntnis, dass es okay ist, über Dinge zu schreiben, die unmittelbar vor deinen Augen passieren. "Modern Life is Rubbish" von Blur und das erste Album von Suede symbolisieren das für mich. Auch mir war es immer wichtig, ganz spezifische Referenzen in die Songs einzubauen. Ein Maximo-Park-Song spielt in Newcastle, aber die Erfahrung, um die es in dem Stück geht, kann man auch in einer Kleinstadt bei München machen. Leider hat Britpop dieses Stilmittel bis zum Nationalismus getrieben und mitunter sogar die britische Fahne geschwungen. Damit möchte ich dann wiederum nichts zu tun haben.
Was war der fieseste Kommentar, du du dir wegen deines Akzents anhören musstest?
Vor kurzem habe ich einem Studentenmagazin in Newcastle ein Interview gegeben. Der Interviewer hat zu mir gesagt: Wenn von Maximo Park die Rede ist, dann ist dein Akzent das erste, woran die Leute denken. Der Typ wollte eigentlich nett sein, aber natürlich will ich, dass in erster Linie unsere Musik gemocht und mein Akzent nur als kleiner Teil vom großen Ganzen wahrgenommen wird.
Mit welcher Platte kämpfst du gegen Traurigkeit?
Wenn ich traurig bin, kann ich nur melancholische Musik ertragen. Oft höre ich die Red House Painters oder ein anderes Projekt von Mark Kozelek. Seine Stimme macht mich zwar noch trauriger, aber irgendwie bekomme ich dann meistens den Dreh, dass ich mich in meiner Traurigkeit auch wohlfühle.
Wie erklärst du einem kleinen Kind, was Gentrifizierung ist?
Ich würde mir viel Zeit nehmen und ein Vorher-Nachher-Szenario entwerfen. Man muss nämlich auch erklären, dass Veränderungen gut und schlecht sein können. Manchmal haben sie negative Konsequenzen und zerstören ältere Dinge, die es wert wären, dass man sie erhält. Aber ohne Veränderungen würde man sich mit Dingen abfinden, mit denen man sich nicht abfinden sollte.
Checkbrief
NAME Paul Smith
BAND Maximo Park
BERUF Sänger bei Maximo Park, Solomusiker
FRÜHERER JOB Kunstlehrer
ALTER 33
GEBURTSORT Billingham
WOHNORT Newcastle
AKTUELLES ALBUM „The National Health“ erscheint am 8. Juni





