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Foto Helmut Kuhn - ANAL UND OHNE KONDOM
Foto: Laura Gerlach
> Helmut Kuhn

ANAL UND OHNE KONDOM

Sein Roman "Gehwegschäden" liest sich wie ein Abgesang auf Berlin. Dabei ist sich Helmut Kuhn sicher: Wenn es noch Freiräume gibt, dann findet man sie in Berlin.

Interview: Carsten Schrader

uMag: Helmut, wie lange musstest du durch Berlin stapfen, um diesen Roman schreiben zu können?
Helmut Kuhn: Mit einigen Unterbrechungen lebe ich seit 25 Jahren in Berlin, und natürlich sind die vielen Erfahrungen dieser langen Zeit in den Roman eingeflossen. Zwar spielen die Geschichten nicht in früheren Zeiten, aber viele Episoden rühren daher, dass ich schon so lange in Berlin bin und mich in allen möglichen Szenen ganz gut auskenne.

uMag: In den letzten Jahren hat Berlin seine Strahlkraft verloren. Hast du "Gehwegschäden" als einen Abgesang auf die Stadt geschrieben, weil die Mieten steigen und die Freiräume geringer werden?
Kuhn: Ganz im Gegenteil, Berlin ist so groß und so breitflächig, dass ich nach wie vor an die Stadt glaube. Es wird immer viele Szenen geben, die alle ein Schlupfloch oder eine Ecke finden, wo sie sich selber feiern können. Wenn jetzt die Mieten in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain ansteigen, dann ziehen die Studenten und Undergroundkünstler eben nach Neukölln oder Pankow. Natürlich hat sich das Leben auch in Berlin verändert, aber mit dem Roman will ich sagen, dass es überall enger, knapper und klischiger wird. Insofern ist mein Buch nicht nur ein Berlinroman, es ist der Versuch eines Gesellschaftsromans an sich. Das fängt schon mit den Gehwegschäden als Metapher an: Es verändern sich fundamentale Dinge in unserer Gesellschaft, wir sind mittendrin, man sieht es nur nicht so direkt, es springt einen nicht sofort an. Jeder versucht, sich mit dem Ellenbogen noch irgendwie über Wasser zu halten.

uMag: Dann willst du mit deinem Roman für die Problemlage sensibilisieren, damit wir diese Entwicklung nicht unreflektiert hinnehmen?
Kuhn: Genau, man nimmt das vielleicht noch bei seinem Nachbarn wahr, aber nicht mehr als Gesamtphänomen. Deswegen habe ich einen abgehalfterten Journalisten durch die Stadt geschickt, denn er kann in Ecken und Bereiche eindringen, in die man als Normalmensch nicht hineinschauen kann. Aber er hat auch ein privates Interesse: Zu ihm kommt ja andauernd der Gerichtsvollzieher, und es gibt eine Szene, in der er beschreibt, wie er zum Stromkonzern straflaufen muss, weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Daran kann man sehen, wie Großkonzerne die Menschen heutzutage anal und ohne Kondom bumsen. Auch mein Held kann sich nicht dagegen wehren. Die Erfindung des Callcenters ist meiner Meinung nach das wirksamste Machtmittel seit Erfindung des Schießpulvers. Wenn man sich beschweren will, erwischt man nur das Callcenter und stellt nach fünf Minuten fest, dass man da auch nur ein verängstigtes, armes Würstchen an der Strippe hat, das gar nichts dafür kann. So versandet jegliche Kritik und jegliches Gerechtigkeitsempfinden. Irgendwann wird man einfach nur noch zermalmt und fertiggemacht.

Checkbrief

NAME Helmut Kuhn
BERUF Autor, Journalist
GEBURTSORT München
WOHNORT Berlin
ALTER 50
STUDIUM Geschichte und Publizistik in Berlin und Paris
HOBBY Schachboxen = Boxen und Schachspielen im fliegenden Wechsel
AKTUELLES BUCH „Gehwegschäden“