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Foto  - BLÜHENDE LANDSCHAFTEN
Abbildungen: Dusica Drazic

BLÜHENDE LANDSCHAFTEN

Dusica Drazic macht aus einer Industriebrache einen Park und aus einem Park Kunst.
Was nicht heißt, dass damit alles gut wäre.

Von Falk Schreiber

Ein Missverständnis. Man sagt: "Ich gehe mal eine Stunde in die Natur", und dann hängt man doch wieder im Park rum. Ein Missverständnis, weil: Ein Park mag vieles sein - Natur ist er nicht. Ein Park ist gestaltete Fläche, hier ist ein Baum gepflanzt, dort ein Pfad angelegt, da hinten ein künstlicher Teich, ein Hügel, ein Beet. Da blüht nichts so einfach vor sich hin, an jeder Ecke des Parks hat sich jemand Gedanken gemacht, und dort, wo es am naturbelassensten aussieht, gleich mal besonders viele. Parks sind keine Natur, Parks sind Kunst. Gartenkunst.

Soweit haben wir verstanden: Garten, das ist eigentlich ästhetische Gestaltung des öffentlichen Raumes, also eine Installation mit Bäumen und Sträuchern, die ihren Ursprung im romantischen Konzept der Naturästhetik hat. Nur findet diese ästhetische Gestaltung eben im Stadtraum statt und nicht im Museum. Seit ein, zwei Jahren aber zählt das Gärtnern nicht mehr nur irgendwie zur künstlerischen Tradition, seit ein, zwei Jahren etablieren sich Gärten zur selbstbewussten Disziplin der zeitgenössischen Kunst. Public-Gardening-Projekte wie die Berliner Prinzessinnengärten und das Hamburger Gartendeck werden als soziale Skulpturen im beuysschen Sinne wahrgenommen, die Kasseler documenta erinnert sich diesen Sommer an ihre Ursprünge als Begleitprogramm zur Bundesgartenschau 1955 und richtet einen "Schmetterlingsgarten" ein, der weniger für kunstbegeisterte Ausstellungsbesucher gedacht ist als für Insekten, und auf dem Kunstcamp des Hamburger Dockville-Festivals pflanzt die serbische Künstlerin Dusica Drazic einen kleinen Park. ",The Industrial Arboretum' wird aus Pflanzen und Unkraut gestaltet, die schon auf dem Festivalgelände wachsen", beschreibt die Künstlerin ihre Planung.
Nun muss man wissen, dass das Dockville-Festivalgelände auf der Elbinsel Wilhelmsburg liegt, einem Industriestadtteil inmitten des Hamburger Hafens, der seit einigen Jahren schweren Gentrifizierungsdruck aushalten muss. Gentrifizierungsdruck, an dem kulturelle Initiativen wie das Dockville nicht unschuldig sind, wenn sie ein kunstinteressiertes Großstadtpublikum in den Stadtteil locken, ein Publikum, das während des Festivals überrascht feststellt, wie cool es hier eigentlich zugeht - und nach und nach die Arbeiterbevölkerung aus den für Hamburger Verhältnisse noch halbwegs bezahlbaren Altbauwohnungen verdrängt. Wenn Drazic hier den öffentlichen Raum bespielt, wenn sie Garten, Industrie und Bevölkerung zu Kunst weiterdenkt, dann muss sie auch mit den Veränderungen der Umgebung umgehen. Und in letzter Konsequenz auch ihre eigene Rolle bei diesen Veränderungen hinterfragen.
"Meine Themen drehen sich um die ambivalenten Beziehungen zwischen Bürgern, Stadt und Natur", sagt Drazic, die häufig an den Bruchstellen zwischen öffentlichem und privatem Raum arbeitet. ",The Industrial Arboretum' befindet sich auf einer ehemaligen Industriefläche, auf der bis heute Unkraut die tonangebende Lebensform darstellt, ein Zeichen des Übergangs. Seit das Festival das Gelände bespielt, erlebt die Industrielandschaft eine weitere Veränderung." An der die Künstlerin nicht unschuldig ist. "Ich bin mir der Veränderungen Wilhelmsburgs bewusst. Ich habe akzeptiert, dass ich ein Teil dieser Veränderungen bin, versuche aber, kritisch zu bleiben." In einem zweiten Schritt verlässt Drazic das Dreieck Kunst-Industrie-Natur und integriert die Bevölkerung, indem sie Wilhelmsburger Einwohner auffordert, den Kunstgarten mit eigenen Pflanzen und Blumen zu bestücken.
Dieser Schritt macht die Gartenkunst des Jahres 2012 zeitgenössisch: Es geht heute nicht mehr nur um Natur und Ästhetik, sondern auch um den Menschen, der in einem sozialen Raum lebt. Bei Drazic hat die Verbindung zwischen Ästhetik, Natur und Sozialem allerdings auch einen kritischen Aspekt, bei dem der Gartenfreund nicht ungeschoren bleibt: "Der romantische Blick auf die Natur und heutige Schrebergärten bezieht sich auf eine ähnliche Beziehung zwischen Mensch und Natur - und das ist eine Flucht aus dem Leben", beschreibt Drazic. "Weniger offensichtlich ist ein latenter Nationalismus: In der Geschichte hat sich der Nationalismus in der Romantik entwickelt, und Schrebergärten sind oft mit Landesflaggen geschmückt." Hui: Was für eine abenteuerliche Argumentation! Von der Romantik über die Weltflucht und die Laubenpieper bis zu Nationalisten, und irgendwo in der Gegend stehen dann auch noch die Kreuzberger Public Gardener rum. Dabei ließen die sich von urbanen Gärten und künstlerischen Parkanlagen doch etwas ganz anderes versprechen, einen Rückzugsraum gegen die Zumutungen des großstädtischen Alltags nämlich.

Drazics Argumentation ist abenteuerlich, sie ist auch fies, populistisch, und sie schreit nach Widerspruch. Andererseits: Wenn die Kunst uns nicht gegen das Schienbein treten und unsere Positionen hinterfragen darf - wer soll es sonst machen?

Checkbrief

NAME Dusica Drazic
BERUF Künstlerin und Kuratorin
GEBOREN 1979 in Belgrad
LEBT IN Belgrad
AKTUELLE ARBEIT „The Industrial Arboretum“ auf dem Dockville-Festival, Hamburg, 26.–29. 7., 2.–5. 8., 10.–12. 8.

dusicadrazic.wordpress.com