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GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT

Wilde Partynächte vs. Spieleabend: Singles und Paare leben auf unterschiedlichen Planeten. Eigentlich kein Problem. Außer, die besten Freunde wechseln plötzlich die Seite.

Text: Katharina Behrendsen
Foto: Yarik Mission
Bearbeitung: U_mag

Jan hat einen tollen Freundeskreis. Total unkompliziert, ein Zusammenhalt wie Pech und Schwefel, seit der Grundschule. Jan hat außerdem eine Freundin - und seitdem Probleme. Dummerweise bedeutet "total unkompliziert" bei seinen Freunden, größtenteils Singles, nämlich nicht nur, dass sie sich ohne großes Brimborium treffen, sondern auch, dass sie es als unzumutbare Härte empfinden, sich im Voraus zu verabreden. Was früher gut war, kann doch heute nicht schlecht sein ... nur dass "die Jungs" mit ihren 30 Jahren nicht mehr 500 Meter, sondern bis zu 500 Kilometer weit auseinanderwohnen. Weil auch Jans Freundin nicht in derselben Stadt lebt, führt er quasi zwei Fernbeziehungen - und gilt als Spalter, wenn er nicht bei den spontanen Treffen seiner Kumpels im Heimatdorf aufkreuzt, weil er ihr einen Kuschelabend auf der Couch versprochen hat.

Kuscheln und Couch sind ohnehin Reizworte für Singlefreunde. Hatte man sich nicht gegenseitig geschworen, nie so zu werden? Sich nie Fußfesseln aus "Wir sind ..."-Sätzen, Urlaubsplanung, Kosenamen und Familienbesuchen anlegen zu lassen? Damals, als man sich noch wie ein Bollwerk fühlte gegen all jene Pärchen, die Freiheit und Freundschaft augenscheinlich so sorglos an der Garderobe ihres gemeinsamen Lebens abgegeben hatten.
"Man verbrüdert beziehungsweise verschwestert sich ja untereinander", sagt Sinje, 25. "Man leidet zusammen, wenn man keinen Freund hat, aber gern einen hätte. Oder es ist halt aufregend, wenn man weggeht und mal knutscht oder einen Typen kennen lernt. Das teilt man natürlich mit den Beziehungsleuten nicht." Leider gehört ihre beste Freundin seit einem halben Jahr zu genau diesen "Beziehungsleuten". Eine schwierige Situation. "Am Anfang war ich noch total heiß drauf, dass die beiden zusammenkommen. Aber als es dann so weit war und ich gemerkt habe, wie ernst die Sache ist, hat es mich erschreckt", erzählt sie. Obwohl Sinje den Freund sogar mag, sind Treffen zu dritt eine Qual. "Wir sind unentspannt höflich zueinander. Es kommt mir vor, als wäre es ein Kampf ums Territorium - und gleichzeitig will keiner von uns beiden sie in eine blöde Situation bringen, in der sie sich zwischen uns entscheiden müsste." Das ist nämlich schon mal passiert.

Gemeinsam mit anderen Freunden war man abends losgezogen, er hatte den Club ausgesucht, Sinje schlechte Laune. "Ich habe dann kundgetan, wie scheiße ich es da fand, und gesagt, nur weil Herr Obermacker-Möchtegernchecker das ausgesucht hätte, müssten wir da alle hin, und dass wir da früher nie hingegangen wären. Interessanterweise hat sich meine Freundin auf seine Seite geschlagen." Ein schwerer Schlag. Und vor der Tür gab es dann den ganz großen Knall. "Wir waren betrunken, es war total unpassend, aber ich glaube, im Endeffekt hätte es keinen anderen Weg gegeben. Das ist einfach scheiße, wenn du ganz eng verbunden bist, und dann hat die eine plötzlich einen Freund. Da wird dir ganz abrupt und schon fast gewaltvoll etwas weggenommen." Da ist auf der einen Seite Wut, Eifersucht. Sinje will nicht, dass er nach nur sechs Monaten dieselben Rechte hat wie sie nach 15 Jahren. "Ich will zwar, dass sie als meine beste Freundin auch den besten Mann kriegt, aber ich will trotzdem so eine Art Nummer eins für sie bleiben", fasst sie ihre widersprüchlichen Gefühle zusammen. Auf lange Sicht könnte die Auseinandersetzung Positives für die Freundschaft bringen, räumt Sinje ein, aber im Moment kann sie der Situation wenig Gutes abgewinnen. "Ich würde es zum Beispiel besser finden, wenn er beim Ausgehen nicht dabei ist, will aber auch nicht, dass er mich als die Singlefreundin sieht, die sie zur Männerjagd animiert. Sie sagt zwar, meine Angst sei unbegründet, aber ich fürchte schon, dass er hinter meinem Rücken schlecht über mich redet. Auf der anderen Seite erzählt sie mir auch gar nicht mehr, wenn mal was nicht gut läuft, weil ich ja wegen meiner Eifersucht sowieso kritisch bin. Man entfremdet sich verdammt schnell."

Die wichtigsten Beziehungen - eigentlich unser Sicherheitsnetz in der bösen Welt da draußen - werden über Nacht zum Drahtseilakt. Sinje kommt sich plötzlich nur noch wie die zweite Wahl vor, "weil mit dem Partner doch eh alles am schönsten ist". Auch wenn's vielleicht nicht stimmt und sie selbst gern verständnisvoller wäre, weniger besitzergreifend: "So ein Blick auf die Uhr beim Kaffeetrinken, weil der Partner wartet, das macht ganz schön viel kaputt. Ich will nicht zu einer Pflichtveranstaltung werden, sondern echtes Interesse an unserer Freundschaft spüren."

Nicht jede Freundschaftsbeziehung muss so dramatisch auf der Kippe stehen wie bei Sinje, oft schlafen die Verbindungen einfach nach und nach ein, wenn sich einer in seine Beziehung einmuckelt - oder die anderen das zumindest denken.

Heike, 28, ist mit ihrem Freund Carlos vor einem Jahr nach Hamburg gezogen. Schon beim Betreten der Wohnung merkt man: Das ist keine WG, das ist ein Zuhause. Ein Ort, an dem man auch gern mal von innen die Tür zumacht. "Auf den Tag genau fünf Jahre und einen Monat" sind die beiden ein Paar, erzählt Heike und findet, die Balance zwischen Zweisamkeit und Freundschaften zu halten klappe ganz gut. Mittlerweile. Die neuen Freunde, mit denen sie mal als Paar, mal getrennt voneinander fast jedes Wochenende weggehen, haben sie gemeinsam kennen lernt - und die Freunde sie. Als Heike und Carlos während des Studiums in Münster ein Paar wurden, war das anders. "Mein Freundeskreis war nicht der von Carlos und auch nicht mit ihm befreundet. Das war für mich immer ein Spagat. Ich musste mich ständig entscheiden, ob ich was mit ihm oder mit meinen Freunden mache. Das war belastend. Ich glaube, dass sich daraus etwas entwickelt hat, das vor allem meine Freundinnen als so ein Paarding gewertet haben." Die Fehleinschätzung hat Heike zwar genervt, richtig geändert hat sich alles aber erst mit dem Umzug. Seitdem geht Heike wieder häufiger alleine weg, weil sie ihren Freund in der gemeinsamen Wohnung trotzdem noch sieht. Ihre alten Freundinnen aus Münster zu behalten, das hat sich allerdings nicht von alleine wieder hingebogen. "Ich habe ungefähr zwei Jahre gebraucht, um zu merken, dass ich zu stark klammere und zu wenig Zeit in meine Freundschaften investiere. Er ist oft nicht mitgekommen, weil er sich schneller unwohl fühlt als ich. Es ist ja auch schwierig in einer Mädelsclique als einziger Freund", entschuldigt Heike ihn. Weil sie selbst kaum Probleme hatte, sich in sein Umfeld einzufügen, ist sie oft mit ihm und seinen Freunden losgezogen. "Ich hatte das Gefühl, das tun zu müssen, um zu meinem Recht in der Beziehung zu kommen und Zeit mit ihm zu verbringen." Erst, als sie merkte, dass sie nach ihren unzähligen Absagen immer seltener von den Freundinnen gefragt wurde, ob sie irgendwo mit hinkommt, hat es bei ihr Klick gemacht. "Ich habe dann ganz offen angesprochen", sagt Heike, "wie schwer ich es finde, beides zu halten. Und dass ich oft das Gefühl hätte, Carlos entgegenkommen zu müssen."

Den Streit im Hintergrund hatten die Freundinnen nicht gesehen. Es ist ohnehin ein Phänomen, dass der eigene Freundeskreis immer denkt, der Partner wäre zu dominant, und deswegen jede Veränderung am anderen, die nicht gefällt, ja sogar Fehler, die eigentlich vorher schon vorhanden waren, der neuen Liebe anhängt. Auf der anderen Seite sieht es meist genauso aus. Es ist nun mal einfacher, ein Feindbild auf- statt die eigenen Erwartungen an Freunde abzubauen. Heike selbst findet zwar schlimm, dass die Erkenntnis, nicht alles auf die Beziehungskarte zu setzen, so spät kam. Dass sie sich innerhalb der Beziehung ziemlich verändert hat, stört sie allerdings nicht. "Man tickt einfach anders als ein Single. Partys zum Beispiel: Singles sind auf der Jagd - wenn du in einer Partnerschaft bist, genießt du einfach den Abend. Und wenn sich Müdigkeit breitmacht, bist du viel eher bereit, dem nachzugeben. Da treffen zwei Welten aufeinander, und ich bringe manchmal einfach nicht die gleiche Energie auf wie die, die noch von ihrer Aufregung angetrieben sind."

Entspannt blickt mittlerweile auch Hanna aus München auf die ganze Sache mit den Freundschaften zwischen Singles und Paaren. Aber nicht von der Pärchencouch aus. Hanna ist 38 und Single, nicht unbedingt mit viel Bock drauf, aber mit viel Gelassenheit, mit vielen Freunden und vielen Interessen. Die Einteilung in partygeile Singles, die grundsätzlich bis zum Morgengrauen feiern, und Pärchen, die sich höchstens für einen Kaffee am Wochenende vom anderen losreißen können, ist für sie überholt. Auch Hanna braucht manchmal einfach Ruhe. Zu Hause zu bleiben, nicht zum Telefon zu greifen, auch mal keine Verabredungen zu wollen - wer glaubt, solche Bedürfnisse seien nur Verliebten vorbehalten, muss die Vorurteilsschraube lockern. Ihr Freundeskreis hat's begriffen. Weil Hanna selbstbewusst ist, sich nicht den Schuh anzieht, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Weil sie auch mal Nein sagt. "Ich bin nicht immer hundertprozentig kompromissbereit, sondern manchmal auch egoistisch. Wenn ich abends in die Kneipe will und ein Freund stattdessen einen Nachmittagsspaziergang anbietet, sage ich auch mal: Nee, dann lass uns lieber nächste Woche was zusammen machen." Und weil Hanna sich mit den Freunden, die ihr wichtig sind, durch eine Menge Gespräche geschlagen hat. Zu viele, zu intensive, wie sie im Nachhinein findet, aber der Freundeskreis ist nun mal so. Verkopft. Hanna lacht. Für den Neid aufs Beziehungsglück, der einen Single gerade nach einem Tiefschlag immer wieder heimsucht und nicht selten Sprengstoff für Freundschaften ist, gibt es für Hanna heute nur noch eine Lösung: "Wenn bei dir alles schiefläuft und du neidisch bist, weil du das Gefühl hast, bei dem Paar läuft immer alles super, dann ist das was, was du nicht mit denen diskutieren musst. Du musst dich erst mal selber aus dem Sumpf ziehen und gucken: Wo ist an dieser Sache das Quäntchen, über das es sich zu reden lohnt?"

Nun muss man, um seine Freunde zu behalten, natürlich weder zusammenziehen wie Heike und Carlos noch sich zurückziehen wie Sinje oder jede kleine Verletzung in tiefenpsychologischen Gesprächen aufarbeiten, wie Hanna und ihre Freunde das lange getan haben. Aber man muss sich eingestehen: Beziehungen, die in Freundschaften reingrätschen, verändern alles. Weil wir uns verändern. Paare werden einfach häuslicher. Eine Party mag fürs erste Mal Knutschen der richtige Rahmen sein - für das, was danach kommt, ist sie es nicht. Und irgendwann werden eben auch die banalen Dinge von Aufwachen bis Zähneputzen geteilt, an denen die Freunde - wenn sie ehrlich sind - auch kein Interesse haben. Eifersucht kommt gerade bei besten Freunden trotzdem auf. Und Unsicherheit: Bin ich dem anderen überhaupt noch wichtig, wenn er die Entscheidung für ein neues Sofa plötzlich mit dem Partner trifft statt mit mir? Dafür sollte sich niemand schämen müssen. Und es auch ruhig mal sagen. Denn was man vor verletzter Eitelkeit manchmal einfach nicht mehr sieht: Sinjes beste Freundin will mit niemand anderem als Sinje beim nächsten Razorlight-Konzert in der ersten Reihe stehen und darüber fantasieren, Johnny Borrell an den Hintern zu fassen. Auch wenn sie in Wirklichkeit bloß noch einem an den Hintern fasst: ihrem Freund. Jan will nicht mit seiner Freundin ins Stadion, die sich weder für Sport noch für Bier begeistert, sondern mit den Kumpels. Die müssen jetzt nur noch begreifen, dass eine Absage für einen Abend keine Absage an die Freundschaft ist. Und ihm bei der zweiten Absage einen kräftigen Tritt verpassen. Nicht, weil sie beleidigt sind. Nicht, weil sie fordern, aufgrund der gemeinsamen Jahre gefälligst über die Beziehung gestellt zu werden. Sondern einfach, weil sie ihn vermissen.