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Foto v_sievert - IN DER MAGERMANNHOSE
Foto: Uwe Bunk
> v_sievert

IN DER MAGERMANNHOSE

v_sievert, unser V-Mann im Universum, guckt in die Röhre.

Er ist nerdig und niedlich, trägt Jutebeutel und Fusselbart, dazu Röhrenjeans, die ihm fast über den dürren Rumpf rutschen: Der moderne, verweichlichte Mann ist Gegenstand von Gender-Studien, Sachbüchern, Essays und Artikeln in Nachrichtenmagazinen und jungen Unisex-Zeitschriften. Er hat, so kann man das Ergebnis aller Abhandlungen verkürzen, keinen Arsch mehr in der Hose. Bisher ging mich das ja nichts an, ich gehöre nicht zu diesem neuen Typ. Ich habe sogar gelernt, stolz darauf zu sein, dass man mich für einen Macho hält, nur weil ich 1,90 Meter groß bin, eine Glatze trage, kräftig gebaut bin, Fußball mag und mal "Stirb langsam" auf DVD verschenkt habe. Nachdem ich jedoch kürzlich nur mit Mühe und Not eine neue Jeans kaufen konnte, weiß ich: Männer haben wirklich keinen Arsch mehr in der Hose. Und ich leide darunter.

Seit ich kaufe, bin ich Zwischengröße. Ein neues Uhrarmband? Das eine Loch zu eng, das nächste garantiert zu weit. Streife ich einen neuen Gürtel durch die Gürtelschnallen meiner Jeans, klemmt mir das fünfte Loch die Luft ab, das vierte hingegen lässt das Lederband um meine Hüften schlackern. Bei einer Jeans ist 34 zu oft zu eng, 35 wäre ideal, gibt es aber nicht, 36 passt hier und da, sieht aber meist aus, als hätte ich mich im Kleiderschrank von Beth Ditto bedient. Mit 38 könnte ich einen schönen Zelturlaub in der Normandie machen. Wo andere Männer ins Regal greifen, gucken, kaufen, tragen, renne ich von Klamottenladen zu Klamottenladen, werfe mir in jedem davon ein halbes Dutzend Denims über den Arm und ächze mich in zu kleinen Umkleidekabinen in jede einzelne hinein, schwitzend, hektisch, der Herrenhysterie nahe. Dabei verfolgt mich Murphy's Law wie der Gesetzeshüter den denimtragenden Desperado durch den Wilden Westen: Alles, was nicht passen kann, passt auch nicht. Und alles, was in der größeren Größe passen würde, ist nicht vorrätig, nicht hier, nicht woanders, nirgends, nie mehr. Ich bin sicher: Es wurden schon ganze Produktlinien eingestampft, selbst die, die gerade auf den Markt gekommen waren, alles nur, um mich zu frustrieren.

Und als wenn die Jagd nach lässigen Baumwollbeinkleidern nicht schon schwer genug wäre, drängen sich seit einiger Zeit die modernen, superdünnen Männer in die Mode. Wobei "drängen" nicht ganz richtig ist, denn das setzt eine gewisse Masse voraus, die man irgendwo reindrängen könnte, über die die Magermännchen jedoch nicht verfügen. Aber: Sie sind die Zielgruppe der Herrenjeansdesigner, die modelhaften Konsumenten. "Skinny Jim", "Slim", "extra Slim", "sehr schmal": Ich kann mich gar nicht entscheiden, in welche Jeans ich zuerst nicht reinpassen möchte. Nach wessen Maßen entwirft man die? Wen nimmt man dafür als Model, Victoria Beckham nach einem Rohkostsabbatical? Einen Skispringer auf 200-Kalorien-Diät? Die Opfer einer Hungersnot? Wer es auch ist, er sorgt für eine massive Verschiebung etablierter Gewissheiten. In was ich bisher zumindest reinpasste, wenn es den Vor-den-Bauch-halten-Test bestand, das kriege ich nun nicht mal mehr über die Hüfte. Grund: Der moderne size zero man hat keinen Hintern mehr, über den eine Jeans hinausmüsste. Sein Becken und seine Beine ergeben eine gerade Linie, die die Jeans theoretisch bis ans Ziel entlanggleiten könnte, würde man einen der 26er-Bund-Indieposterboys verkehrt herum aufhängen und eine Jeans direkt über ihm fallen lassen - zugegeben, das ist abstrakt. Aber anschaulich.

Männer, die zwischen Schenkel und Steiß noch eine total unhippe und anachronistische Erhebung haben, schauen derweil in die Röhre - in die sie nicht reinpassen. Das verleiht dem Begriff Fashion Victim einen ganz neue, wortgetreuere Bedeutung ... Ich weiß jetzt jedenfalls eins: Der Kauf einer Jeans ist die größte Herausforderung, der sich ein echter Mann in einer Welt voller gezähmter Wildnis, Mischbiersorten, Latte venti und Ohrenklappenmützen noch stellen kann. Ich erlegte meine neue Denim schließlich in einem Niedrigpreisbekleidungsladen, in dem es auch Jeans gab, groß wie Flugzeugwindeln. Da fühlte ich mich dann wie ein Magermann. Gott sei Dank hatten sie auch Jutetaschen.