LEIDER UNGEIL
Bei Bonaparte zeigt alles Richtung Chartspitze. Problem: Die Fans haben Lust auf Trash - und Bandchef Tobias Jundt immer weniger.
Interview: Carsten Schrader
uMag: Tobias, auf dem neuen Album wimmelt es von Bildern aus der Seefahrt. Aber anders als in der Zeit von "Anti Anti" ist es für den Hörer ziemlich schwer auszumachen, worum es eigentlich genau geht.
Tobias Jundt: Es ist noch alles sehr frisch, so dass ich selbst erst ein vages Gefühl habe. Wenn ich ehrlich bin, war die Hauptmotivation für das dritte Album, dass ich wieder auf Tour gehen wollte. Alles, was ich sagen wollte, hatte ich auf den ersten beiden Platten geschrieben, und deswegen war es für mich wohl auch immer noch nicht langweilig, die alten Songs zu spielen. In mir war eigentlich nur ein einziges dringliches Gefühl: Community ist wichtig. Im Leben wird es immer wieder die Möglichkeit geben, für sich allein zu wurschteln. Jetzt wollte ich mich endlich mal mit Freunden zusammensetzen, mit denen schon lange von einer möglichen Zusammenarbeit die Rede war: Siriusmo, Taylor Savvy oder Housemeister, der auch der Patenonkel von meiner Tochter ist. Es ist eine Communityplatte, aber es ist immer noch ganz klar Bonaparte.
uMag: Das klingt ein bisschen so, als hättest du die Kollaborationen vor allem genutzt, um mehr über dich und dein Bandprojekt zu erfahren. Und über eine mögliche Richtung, in die es mit Bonaparte weitergehen könnte.
Jundt: Es ist ganz sicher eine Schwellenplatte. Maurice Summen, der Chef von meiner Plattenfirma Staatsakt, hat das sehr schön in Worte gefasst: Er meinte, es gehe darum, an einem bestimmten Punkt der Reise zu erkennen, dass man nicht mehr zurück kann. Das stimmt wohl, ich weiß nicht genau, wo ich stehe, und ich kann noch nicht sagen, wohin die Reise gehen wird. Mit Bonaparte befinden wir uns auf diesem Schiff, und da wollen wir auch sein. Rock'n'Roll und Baby, alles ist mit an Bord. Vermutlich ist es einfach die klassische Problematik eines dritten Albums: Man ist zu weit, um zurück zu gehen, aber es ist noch zu früh, um zu sehen, wo das Land ist.
uMag: Einerseits bekommen die Fans mit elektropunkigen Songs wie "Quarantine", was sie gewohnt sind. Andererseits schlagt ihr besonders in der zweiten Albumhälfte auch ruhigere, harmonische Töne an. Hast du Angst, dass dein Publikum diesen Wandel nicht mitmachen könnte?
Jundt: Natürlich wird es Leute geben, die von Weichspülkram sprechen, und auf der anderen Seite wird es vielleicht auch neue Leute ansprechen, für die Bonaparte bislang kein Thema war. Am Ende ist es ein bisschen egal. Für wen macht man denn Musik? Ich habe keine Wahl, denn ich würde mich ja verbiegen, wenn ich an etwas festhalte, was ich schon gemacht habe. Oder wenn ich mich danach richte, was andere von mir wollen. Will ich nochmal "Anti Anti" schreiben? Nö. Oder "Computer in Love"? Nee, der Song ist zwar super, aber ich kann und will den nicht wiederholen. Ich muss in neuen Gewässern fahren, und ich weiß nicht, was ich da finden werde. Natürlich frage ich mich bei einem Song wie "High Heels to Hell" auch, ob das zu süßlich ist. Aber dann denke ich: Fuck, hör' doch einfach auf den Text, und was der Text sagt, ist auch schon die Antwort. Der Song ist, wie der Song ist. Und wenn jemand Probleme damit hat, dann muss er ihn ja nicht rippen.
uMag: Der Druck wird aber sicher nicht kleiner, wenn ihr jetzt eine Kooperation mit einer großen Plattenfirma eingeht. Bonaparte sind plötzlich ein Thema für die Top Ten. Und damit befindet ihr euch in Strukturen, in denen es immer schwerer wird, die Kontrolle zu behalten.
Jundt: Das ist schon ein Problem. Ich habe noch immer kein Management, alles ist sehr familiär, und es hat jetzt schon die Größe, bei der man nicht immer alles unter Kontrolle hat. Ich darf gar nicht so genau darüber nachdenken, was alles passieren könnte. Natürlich war es früher einfacher, als ich allein in Europa und Neuseeland rumgefahren bin, mit meinen alten Autos und einer Gitarre. Aber das will man doch auch nicht sein Leben lang machen. Man fährt ja durch die Gegend, weil man etwas finden will, sei es nun einen Liebhaber oder eine Szene. Auf der Straße ist es toll, aber trotzdem sucht man etwas. Und dann kommt man irgendwo an, und es wächst und wächst und wächst. Natürlich will man dann auch sehen, was daraus wird. Bei uns ist es ja auch eine sehr physische Sache, wir haben viele Tänzer. Eigentlich dürfte ich das in einem Bonaparte-Interview gar nicht sagen, aber wir werden ja auch nicht jünger. Ausbrennen oder langsam ausfaden: Macht man jetzt einfach mit Tempo 300 weiter und hört dann irgendwann auf, oder morpht sich das Ding so aus, dass wir mit der Musik mitwachsen?
uMag: Man könnte auch befürchten, euch ergeht es wie Deichkind. Ihr werdet so groß, dass ihr vor einen Publikum spielt, mit dem ihr eure Inhalte verratet. Das Publikum versteht eure Ironie nicht, aber ihr bedient es trotzdem immer weiter.
Jundt: Deichkind auch? Betrifft das nicht eher Bands wie K.I.Z.?
uMag: Na ja, Deichkind spielen in Mehrzweckhallen vor Prollpublikum.
Jundt: Bislang hatte ich immer große Freude an unserem Publikum. Natürlich gab es auch mal Momente, in denen ich mich gefragt habe, was da gerade abgeht. Aber bei Massen ist das ja normal, und es betraf immer nur einzelne. Massen machen mir eh Angst. Das ist ja das Komische am Musikmachen: Dass wir jetzt plötzlich vor großen Massen spielen, während mich große Massen doch immer an schlechte Kriegsfilme erinnern. Andererseits ist es ein magischer Moment, mit 1000 oder 2000 Leuten eins zu werden. Es darf eben nur nicht kippen ... Wenn ich einen Moment wie die Stones erleben würde, bei denen 69 vor der Bühne jemand abgekratzt ist, weiß ich nicht, ob ich da einfach einen Gefühlsriegel vorschieben und weitermachen könnte.
uMag: Deichkind sind auf dem neuen Bonaparte-Album zwar beim Song "Alles schon gesehen" dabei, aber war es nicht eine bewusste Entscheidung, kein zweites "Anti Anti" zu machen, damit es euch eben nicht ergeht wie Deichkind mit ihrem "Leider geil"?
Jundt: Nachdem mir so richtig bewusst geworden ist, dass bei dieser Platte kein Song von diesem Kaliber dabei ist, habe ich mich trotzdem gefragt, ob ich es hätte tun sollen. Man entscheidet sich für etwas - und dann will man immer das, was die anderen gerade gemacht haben. Letztendlich will ich doch nur, dass wir und unser Publikum im Einklang "yeah" sind. Aber klar, wenn das nicht mehr geht, dann geht es nicht mehr. Dann gebe ich dem Publikum die Liebesbriefe zurück, und dann mache ich etwas anderes.
uMag: Dann hoffst du jetzt, dass sich dein Publikum auf mehr Verkopfung einlässt?
Jundt: Die besten Sachen macht man, wenn man nicht viel nachdenkt. Ich trage ein Analysebedürfnis in mir, aber ich will mich auch mit exzessivem Rock'n'Roll in ein Loch fallen lassen. Mit Bonaparte wollte ich das immer vereinen. Man sollte sich nicht entscheiden müssen: Drei Wochen am Stück druff oder Stock im Arsch? Jetzt bin ich einfach gespannt, ob die Leute auf unsere Reise mitkommen oder ob sie "Anti Anti" sind.
uMag: Womöglich sind es schlechte Zeiten für einen relativ radikalen Wandel, hat man doch momentan das Gefühl, die Leute stecken den Rahmen immer schmaler ab, was normal und akzeptabel ist.
Jundt: Veränderung war für das Publikum doch schon immer schwierig. Da ich selbst aber Stagnation hasse, hoffe ich, dass auch die Leute, die meine Musik hören, dazu bereit sind, dass es mal ernst und mal richtig bescheuert sein kann. Letztendlich befolge ich gerade nur einen Ratschlag, den ich selbst immer jungen Musikern gebe: Du musst immer dein Ding machen, und wenn es am Ende keiner gut findet, dann vielleicht 50 Jahre nach deinem Tod. Man wird schon irgendwie leben können, und man muss ja auch nicht wie Xavier Naidoo 300 Autos haben. Es reicht, wenn man sich ein Fahrrad kauft.
Checkbrief
BANDNAME Bonaparte
AKTUELLE MITGLIEDERZAHL 18
BANDCHEF UND KAISER Tobias Jundt
GENRE Visual Trash Punk
GRÜNDUNGSJAHR 2006
WOHNORT Berlin
AKTUELLES ALBUM „Sorry, we’re open“
LIVE
8. 9. Berlin
21. 9. Hamburg
26. 10. Hannover
27. 10. Dresden
28. 10. München





