U_mag: Mr Boyle, in Ihrem neuen Roman erzählen Sie das Leben des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, zu dessen Bauten täglich unzählige Kunst- und Architekturstudenten pilgern. Mit dem Buch haben Sie gleichzeitig ein Outing, denn spätestens jetzt ist allgemein bekannt, dass Sie in Santa Barbara in einem Haus des Stararchitekten leben. Lassen Sie einen meterhohen Zaun um Ihr Haus bauen, um die Studentenmassen abzuwehren?
T.C. Boyle: Tatsächlich kommen viele Fans, um sich das Haus anzusehen. Aber wir haben einen sehr wachsamen Hund. (lacht) Nein, ich bin ja auch ein Fan und freue mich, dass unser Haus die ihm gebührende Ehre als Wrights erster Entwurf in Kalifornien bekommt. Trotzdem bleibt das Tor verschlossen, und die Fans müssen von der Straße aus Fotos machen. In der Regel respektieren sie aber auch unsere Privatsphäre.
U_mag: Einen Roman über Wright in einem Haus von Wright zu schreiben, muss besonders inspirierend gewesen sein, oder?
Boyle: Schon, allerdings war es nicht so intensiv, wie ich es erwartet hätte. Was vielleicht daran liegt, dass ich in dem Haus bereits zwölf andere Bücher geschrieben habe.
U_mag: Man hat den Eindruck, Sie haben den Roman mit einer großen Bewunderung für Wright begonnen - von der allerdings nach der Recherche nicht mehr viel übrig geblieben ist.
Boyle: Ach doch, ich betrachte seine Kunst noch immer als ein wunderschönes Geschenk an die Welt. Aber wenn man ein Drama schreibt, muss man etwas tiefer in der Biografie der Hauptfiguren graben - und fördert dabei eben auch Dreck zutage.
U_mag: Ist "Die Frauen" Ihr großer feministischer Roman?
Boyle: Da sollten wir die Feministinnen nach ihrer Meinung fragen. Wenn man all die Komplikationen in Wrights Liebesleben betrachtet, denke ich aber, dass man die Schuld an den emotionalen Katastrophen auch bei den Frauen findet. Mich hat die gesellschaftliche Doppelmoral dieser Zeit gereizt. Wenn ich mich mit der jüngeren Vergangenheit beschäftige, dann vor allem deshalb, weil wir Kinder dieser Zeit sind und es viele Kontinuitäten gibt. Sicherlich haben sich die Moralvorstellungen gelockert. Trotzdem konfrontieren wir Personen des öffentlichen Lebens noch immer mit lächerlichen Moralvorstellungen, wenn es um Sexaffären und Seitensprünge geht. Und auf der anderen Seite haben wir Bush geduldet, der mit unverblümter Korruption unser Land zerstört hat.
U_mag: Trotzdem liest sich der Roman wie eine Rache im Namen von Wrights Ehefrauen und Geliebten.
Boyle: Es geht nicht um Rache, aber es ist schon ein revisionistisches Porträt des Genies Wright.
U_mag: Wenn Sie Wright eine Frage stellen könnten, welche wäre das?
Boyle: Hey, man, you wanna go for a riiiide?
U_mag: Cornflakes-Erfinder Kellogg, Sexualforscher Kinsey und jetzt Wright: Sie schreiben gern über exzentrische Genies, die sich als totale Kontrollfreaks entpuppen. Weil Sie selbst einer sind?
Boyle: Erwischt! Egal wie ich es drehe: Ich werde nicht leugnen können, dass ich ein Kontrollfreak bin. Vermutlich schreibe ich über diese Figuren, um mich selbst zu ermahnen, immer freundlich und offen zu sein.
U_mag: Bisher haben Sie immer Genies als Romanhelden gewählt, die bereits verstorben sind. Sind Sie konfliktscheu?
Boyle: Nun ja, nach dem amerikanischen Gesetz darf man noch lebende Personen nicht anschwärzen. Außerdem haben mich die lebenden Genies bislang nicht so angestachelt wie dieses Dreigestirn. Aber man weiß nie, was als Nächstes kommt. Okay, ich weiß es natürlich schon, weil ich bis zum Hals drinstecke. Aber ich werde den Teufel tun und es jetzt schon verraten.
U_mag: Wie sieht es denn mit Plänen für eine Autobiografie aus?
Boyle: Auf gar keinen Fall! Ich habe so sehr danach gestrebt, ein gemütliches Leben zu führen, dass garantiert niemand in meinem Leben herumstochern möchte. Ich selbst am allerwenigsten.
U_mag: Kann es manchmal auch zulässig sein, die dunklen Seiten eines Helden zu verschweigen, so wie es jetzt etwa Regisseur Gus Van Sant mit seinem Film über den schwulen Aktivisten und Politiker Harvey Milk getan hat?
Boyle: Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber grundsätzlich vertraue ich Gus Van Sant, weil ich seine Filme und auch die von Sean Penn liebe. Ich kann auch nachvollziehen, was sie in diesem ganz konkreten Fall zu so einer Darstellungsweise veranlasst hat. Ich sehe den Film als eine Reaktion darauf, dass die Emanzipation von Schwulen und Lesben in den USA große Rückschläge erlitten hat. Trotzdem ist Einseitigkeit immer gefährlich, da man dem Publikum eine Botschaft überstülpt. Und die Gefahr ist sehr groß, dass sich das Publikum dagegen wehrt.
U_mag: Aber Sie stimmen zu, dass Helden für uns unverzichtbar sind - solange man sich bewusst macht, dass sie nicht perfekt sind und auch Fehler haben?
Boyle: Absolut! Ich habe viele Helden, und die meisten von ihnen sind Künstler. Ich will mich bei ihrer Kunst nicht davon beeinflussen lassen, dass sie möglicherweise beschädigte Persönlichkeiten sind. Andererseits will ich sie aber auch nicht als Menschen verklären, nur weil ihre Kunst dazu beiträgt, die Welt, in der wir leben, zu verfeinern und menschlicher zu gestalten.
U_mag: Musiker geben gern Fehler zu, wenn sie über ihre alten Platten oder bestimmte Entscheidungen in ihrer Karriere sprechen. Von Schriftstellern hört man so etwas fast nie. Sind Autoren reflektierter oder einfach nur eitel?
Boyle: (lacht) Das hängt natürlich sehr stark vom jeweiligen Autor ab. Wenn Musiker jammen, dann verspielen sie sich natürlich auch von Zeit zu Zeit. Schriftsteller haben einfach viel mehr Zeit, um zu korrigieren, zu glätten und zu polieren.
U_mag: Und wie sieht es bei Ihnen mit Fehlern aus?
Boyle: Ich bereue nichts von dem, was ich veröffentlicht habe. Jede Kurzgeschichte und jeden Roman habe ich mit größtmöglicher Anstrengung verfasst. Jeder einzelne Text hat meine Schriftstellerkarriere geprägt, mal besser und mal schlechter. Mit Sicherheit hätte ich bestimmte Leute umschmusen und mehr Ärsche küssen können, um mir meinen Weg leichter zu machen. Aber das ist nun mal nicht meine Art.
U_mag: Deswegen werden Sie in Deutschland noch immer häufig als Punk der Literaturszene bezeichnet.
Boyle: Wie immer man das nennen will, aber eine Punkeinstellung hat es bisher in jeder Generation gegeben, und es wird sie hoffentlich auch in jeder weiteren geben. Um kreativ zu sein, muss man der Welt eine wichtige Nachricht zukommen lassen können: Leckt mich am Arsch! Ich hoffe, das ist gemeint, wenn man mich so nennt. Ich habe zwar noch ein paar Haare und meine Zähne, und im Allgemeinen bin ich auch noch recht flink unterwegs, aber um ein Punk zu sein, bin ich viel zu alt. Vor allem könnte ich niemals schneller laufen als die Bullen.
"Mein Plan ist, direkt zum Himmel emporzusteigen, so wie es vor mir bereits die Jungfrau Maria getan hat."
U_mag: Sie werden in diesem Jahr 60. Haben Sie Angst vor dem Alter?
Boyle: Schon solange ich denken kann, bin ich von dieser Angst besessen. Und ich glaube niemandem, der diese Angst abstreitet. Mein Plan ist, direkt zum Himmel emporzusteigen, so wie es vor mir bereits die Jungfrau Maria getan hat.
U_mag: Gibt es Dinge, die Sie wegen Ihres Alters heute nicht mehr wagen?
Boyle: Wenn ich alles aufzähle, dann sitzen wir morgen noch hier. Vielleicht beschränke ich mich auf die drei wichtigen Dinge. Erstens: Musik machen. Zweitens: Tennis spielen. Drittens: LSD und all den anderen Kram schlucken.
U_mag: Im März sind Sie mit "Die Frauen" wieder auf großer Lesereise durch Deutschland. Würde es Ihr Schreiben verändern, wenn Sie nicht auf diese Art und Weise Reaktionen von Ihrem Publikum bekommen könnten?
Boyle: Sosehr ich es auch liebe, auf der Bühne meinen inneren Schweinehund raushängen zu lassen - mein Schreiben würde es nicht verändern, wenn ich nicht mehr auf Lesereise gehen könnte. Schließlich schreibe ich für die Buchseiten und nicht für die Bühne.
U_mag: Gab es bei den Lesungen einen Moment, in dem Sie sich auf der Bühne wie ein Rockstar gefühlt haben?
Boyle: Unendlich viele! Aber richtig verwirrt bin ich immer dann, wenn die Frauen ihre Unterwäsche auf die Bühne schmeißen. Bedeutet das, ich soll sie waschen?
U_mag: Würden Sie sich generell manchmal ein weniger respektvolles Publikum wünschen?
Boyle: Ganz und gar nicht. Ich will das Publikum in meinen Bann ziehen, es verzaubern. Jede Beeinträchtigung zerstört die Show, sofort und unwiederbringlich.
U_mag: Woran erkennen Sie, dass Ihnen die Verzauberung geglückt ist?
Boyle: Seit ein paar Jahren lese ich eine Geschichte mit dem Titel "Chicxulub", ein sehr sachliches Drama über eine Furcht einflößende Begebenheit. Egal wie groß die Lesung ist, jedes Mal kann ich spüren, wie ich mit meiner Stimme den Schrecken über dem Publikum ausbreite. Es gibt eine ganz bestimmte Stelle in der Geschichte, an der sich niemand bewegt. Das ist mein großer Moment.

T.C. Boyle
Die Frauen
Hanser 2009
24,90 Euro
13. 3. Leipzig
15. 3. Hannover
16. 3. Berlin
17. 3. Stuttgart
18. 3. Erlangen
19. 3. Frankfurt
21. 3. Köln
02.03.2009








