EIN GROSSER WURF
Chad Harbach erklärt die Welt - indem er über einen Sport schreibt, für den sich bei uns niemand interessiert.
Interview: Carsten Schrader
uMag: Chad, ist es für dich eine ganz besondere Egofütterung, wenn nach dem großen Erfolg in den USA jetzt auch in Deutschland "Die Kunst des Feldspiels" überall abgefeiert wird? Hierzulande kennt bestenfalls einer von 100 Lesern die Baseballregeln ...
Chad Harbach: Für die norwegische Ausgabe wurde der Roman sogar um einige Diagramme und Schaubilder ergänzt, die die Baseballregeln erklären. Und selbst in den USA hat mein Herausgeber das Thema stark im Hintergrund gehalten, weil der Sport zwar unglaublich beliebt ist, aber niemand Bücher über Baseball lesen will. Dabei sind alle Ängste unbegründet, da mein Ausgangspunkt ein Interesse war, das auch unabhängig von Baseball funktioniert. Mir ging es um das Phänomen, das in Fachkreisen Steve-Blass-Syndrome genannt wird. Mein Protagonist Henry Skrimshander zählt zu den größten Talenten des Landes, aber von einem Tag auf den anderen kann er plötzlich nicht mehr werfen.
uMag: Inwiefern lässt sich denn dieses Phänomen auf andere Bereiche übertragen?
Harbach: Als großer Baseballfan habe ich diese Aussetzer bei mehreren Profis beobachten können, wodurch mir diese Spieler in einem komplett neuen Licht erschienen sind. Selbstzweifel und andere psychische Probleme zwingen sie in die komplette Krise. Sie zerstören sich von innen, und das kann man ja auch bei Autoren, bei anderen Künstlern und eigentlich in jedem anderen Job beobachten. Bei den Sportlern ist es nur besonders extrem, weil sie in der Öffentlichkeit, in einem Stadion, da durch müssen.
uMag: Das Problem taucht auf, wenn man zu viel nachdenkt?
Harbach: Vermutlich muss man da zwischen grübeln und denken unterscheiden. Zumindest würde ich mich schlecht fühlen, wenn ich mich in unserer Zeit hinstelle und behaupte, dass zu viel nachgedacht wird. Hier geht es ja um ein Infragestellen von Dingen, die man lange Zeit eher unterbewusst vollbracht hat. Ich habe in dem Roman ganz bewusst keine Erklärung gegeben, weil da ganz sicher viele Aspekte zusammenkommen und da draußen schon genug Vereinfachungen in der Welt sind, die gerne von konservativer Seite ausgeschlachtet werden. Vielleicht sind wir von zu vielen Entscheidungsmöglichkeiten überfordert, und vielleicht tut es uns nicht gut, dass wir jetzt immer souverän sein müssen, weil es ja schließlich das Internet gibt, wo wir unsere Probleme mit dem Lebensentwurf im stillen Kämmerlein lösen können, indem wir verschiedene Identitäten spielerisch durchprobieren.
uMag: Ort der Handlung ist das kleine, fiktive Westish College am Ufer des Michigan-Sees. Warum lässt du mit deinem Collegeroman eine idyllische Welt aufleben, die es doch schon längst nicht mehr gibt?
Harbach: Diese kleinen Colleges sind Orte, die sich langsamer verändern als der Rest der Welt. Manchmal weiß man nicht mehr, in welchem Jahrzehnt man gerade unterwegs ist. Den Studenten werden alle möglichen Versprechungen gemacht, sie werden in einen Kokon aus Idealismus eingesponnen - und dann stößt man sie raus in die Welt. Für mich war das ein interessantes Spiel, weil ich schon in meiner eigenen Collegezeit in den 90ern sehr skeptisch in Bezug auf den American Dream war. Meiner Meinung nach haben sich in den letzten zehn Jahren nicht die eigentlichen Umstände verändert, sondern nur die öffentliche Wahrnehmung. Soziale Mobilität war und ist noch immer möglich - allerdings nur für einen ganz geringen Prozentsatz. In den 90ern haben sich noch viele etwas vorgemacht, aber heute ist die message in der breiten Masse angekommen.
uMag: Vielleicht ist dein Roman in den USA ja dann vor allem so erfolgreich, weil sich das konservative Amerika in eine vermeintlich verlorene Zeit zurückversetzen kann.
Harbach: Kann sein, einigen Lesern ergeht es so wie den Collegestudenten, ich weiß es nicht. Dann würden sie sich durch den Roman an die Idylle klammern und hoffen, dass sie nicht zerfällt. Dumm nur, dass das nicht so ganz aufgeht. Und für diese Leute hält der Roman auch schon von Anfang an einige Stolpersteine bereit. Wie gehen die dann mit einer Figur wie Owen um, die ihre Homosexualität ganz offen am College und in der Baseballmannschaft auslebt? Vielleicht kommt das an einem besonders fortschrittlichen College schon mal vor, aber die Regel ist das ganz sicher nicht. Im Umgang mit Homosexualität ist der Roman da doch um einiges weiter als die amerikanische Gesellschaft. Oder wie würden die Gestrigen in Deutschland reagieren, wenn sich einer der besten Fußballspieler outet?
Checkbrief
NAME Chad Harbach
ALTER 37
GEBURTSORT Wisconsin
WOHNORT Virginia
BERUF Redakteur und Herausgeber der literarischen Zeitschrift n+1
SCHREIBZEIT AM DEBÜT 10 Jahre
SCHRIFTSTELLERKARRIERE Sein Debüt wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, dann bekam er einen Deal mit einem Vorschuss von 665 000 Dollar
PROMINENTE FANS Jonathan Franzen, Bret Easton Ellis, John Irving
AKTUELLES BUCH „Die Kunst des Feldspiels“





