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Foto Frie Leysen - CLASH DER VISIONEN
Foto: © Herman Sorgeloos
> Frie Leysen

CLASH DER VISIONEN

Ein neues Festival für Berlin! Vom 28. 9. bis 26. 10. ersetzt "Foreign Affairs" die angestaubte spielzeit'europa bei den Berliner Festspielen, unter anderem mit Anne Teresa de Keersmaekers Tanzstück "En Attendant" (Foto). Ein Gespräch mit Festivalleiterin Frie Leysen.

Interview: Falk Schreiber

uMag: Frau Leysen, "Foreign Affairs" ersetzt das Berliner-Festspiele-Format "spielzeit'europa". Haben wir es nur mit einem neuen Namen zu tun, oder tatsächlich mit einem Neudenken eines Festivals?
Frie Leysen: Foreign Affairs steht für eine andere Art, Festival zu denken und zu machen: Ein Festival ist für mich ein zeitlich verdichtetes Zusammentreffen unterschiedlicher Künstler, Ideen und Ausdrucksweisen, ein Clash von Visionen und Standpunkten. Deshalb findet Foreign Affairs innerhalb von vier Wochen statt anstelle von vier Monaten, wie es bei spielzeit'europa der Fall war, mit 22 Produktionen von 19 Künstlern und Künstlergruppen. Hinzu kommen Konzerte, Partys, Gespräche, ein Symposium - alles Möglichkeiten, innerhalb kurzer Zeit eine erhöhte Zahl an Begegnungen zu haben, die man vielleicht sonst so nicht hätte, nicht mit der Kunst, nicht mit so vielen Menschen aus anderen Ländern. Die Intensität eines Festivals ist viel höher als die einer Spielzeit. Die einzelnen Produktionen, die wir zeigen, können sich so gegenseitig ein viel stärkeres Echo sein, und für die Zuschauer ist es die Möglichkeit, diese Echos, die sich die Künstler mit ihren Arbeiten geben, in der Intensität ihrer Präsentation stärker wahrzunehmen. Hinzu kommt, dass es uns nicht nur um Europa geht, sondern um die Welt, und wie der Westen mit dem Rest der Welt umgeht. Daher haben wir Künstler aus vielen Teilen der Welt nach Berlin eingeladen, aus Lateinamerika, Afrika, Asien - und aus Europa. Sie stehen im Zentrum des Festivals: unabhängige Persönlichkeiten mit starken Visionen und Reflexionen auf ihre Gesellschaften, auf unsere Welt und die Zeit, in der wir leben.

uMag: Sie leiten "Foreign Affairs" nur ein Jahr lang, ab 2013 übernimmt Matthias von Hartz. Kann man in einer einzigen Spielzeit überhaupt Akzente setzen?
Leysen: Wie gesagt, wir haben noch nicht einmal eine Spielzeit, sondern "nur" ein vierwöchiges Festival, um die Berliner von dem neuen Format der Berliner Festspiele zu begeistern. Das ist die tolle Herausforderung daran. Änderungen brauchen normalerweise ein paar Jahre, bis sie wirklich Früchte tragen, diesmal muss es sofort klappen. Aber soweit ich weiß, sind die Berliner Zuschauer durchaus abenteuerlustig und neugierig, also hoffe ich, dass sie schnell reagieren werden. Und selbstverständlich sind die wesentlichen Änderungen bereits mit Matthias von Hartz durchdacht und entwickelt. Demnach geben wir in diesem Jahr einen hoffentlich guten Startschuss für dieses neue Festival, das Matthias dann auf seine weiteren Pfade bringen wird.

uMag: Wenn ich mir die Teilnehmer von "Foreign Affairs" anschaue, Boris Charmatz etwa, Anne Teresa de Keersmaeker, Fabian Hinrichs oder andcompany&Co., dann fällt mir auf, dass das alte Bekannte sind, Leute, die auch regelmäßig beim Hamburger Sommerfestival oder bei den Wiener Festwochen zu sehen sind. Wenn aber "Foreign Affairs" nur ein Festival unter vielen ist - wer braucht das dann eigentlich?
Leysen: Erst einmal denke ich, dass die meisten der eingeladenen Künstler in Berlin oder in Deutschland noch nicht so bekannt sind wie die von Ihnen aufgezählten. Und für die so genannten "alten Bekannten" gibt es gute Gründe. Zudem sprechen Sie von Festivals, die in Hamburg oder Wien stattfinden, aber eben noch nicht in Berlin. Warum nicht die Künstler, die wir für wichtig halten, nach Berlin, in die Hauptstadt, einladen? Die wenigsten der dreieinhalb Millionen Einwohner Berlins reisen zum Theaterschauen in andere Städte. Auch Berliner sollen die Möglichkeit bekommen, solch großartige Arbeiten wie "enfant" von Boris Charmatz oder "En Attendant" von Anne Teresa De Keersmaeker kennen zu lernen, ohne dafür Geld und Zeit in eine Reise zu investieren. Fabian Hinrichs macht seine erste große eigene Arbeit für "Foreign Affairs", das ist nicht ohne Risiko. Daher ist es doch umso toller, dass Fabian seine Arbeit vor einem Berliner Publikum zeigen kann, das seine anderen Arbeiten, die er beispielsweise mit René Pollesch realisiert hat, kennt, ihn kennt und wertschätzt. Zudem lebt er in Berlin: Was also spricht gegen ein Heimspiel? Ähnliches gilt für andcompany&Co., die seit Jahren in Berlin leben und arbeiten. Neben diesen Künstlern zeigt "Foreign Affairs" zahlreiche Arbeiten von Künstlern, die hier noch nicht bekannt sind. Für die junge belgische Company FC Bergman ist es ihr erstes Gastspiel außerhalb Belgiens und den Niederlanden, Daisuke Miura zeigt seine Produktion zum ersten Mal außerhalb Japans, Fernando Rubio ist bislang noch ein völlig Unbekannter auf dem europäischen Festivalmarkt ... Ich liebe es, wenn ein Festival eine Kombination ist aus bereits etablierten Künstlern und denen, die man als die Künstler von morgen bezeichnen könnte. Das ist sowohl fruchtbar für das Publikum, das Anknüpfungspunkte findet und Neues entdecken kann - als auch für die Künstler selbst, die sich so in einem jedes Mal neuen Kontext bewegen.

uMag: Im deutschsprachigen Raum wurden Sie mit der Intendanz des Festivals "Theater der Welt" im Ruhrgebiet bekannt, ab 2014 werden Sie die Theatersparte der Wiener Festwochen leiten. Ist es Ihnen egal, wo Sie arbeiten?
Leysen: Absolut nicht. Wichtig für mich sind die Stadt und die Umgebung, der künstlerische und kulturelle Kontext - sowie die Möglichkeiten, innerhalb dieses Kontextes etwas zu entwickeln.

uMag: Hat die Internationalisierung der Festivalszene auch eine gewisse Austauschbarkeit der Szene zur Folge?
Leysen: Ich denke nicht. Solange sich Festivals in einen lokalen Kontext einschreiben und mit ihm in Beziehung treten, werden sie immer verschieden voneinander sein. Zudem sehe ich es als die Rolle von Festivalleitern an, dem jeweiligen Publikum eine neue Generation von Künstlern sowie noch unbekannte Künstler vorzustellen. Diese Entscheidungen für Künstler sind immer sehr spezifisch. Natürlich, wie zuvor gesagt, die großartigen Arbeiten der großen Künstler von heute sieht man an verschiedenen Orten, und das ist gut so. Aber all das geschieht in einem speziellen Kontext und kontextualisiert sich so gewissermaßen ständig neu. Was ich immanent wichtig in dieser Diskussion finde: Es ist wichtig für Künstler, neue Arbeiten zu kreieren, aber auch, die bereits realisierten Arbeiten an verschiedenen Orten aufzuführen und immer wieder mit unterschiedlichen Zuschauern zu konfrontieren. Und es ist wichtig, dass die Zuschauer die Arbeiten in ihrer Stadt sehen können. Zuletzt zur Frage der Internationalisierung, die für mich eine der internationalen Koproduktionen ist: In der gegenwärtigen finanziellen Situation ist es sehr deutlich, dass kein Festival - ausgenommen einiger sehr weniger sehr gut finanzierter Festivals - fähig ist, große und aufwändige Arbeiten allein zu produzieren. Koproduktionen werden zukünftig der einzige Weg sein, große Arbeiten zu realisieren. Doch das ist nicht nur eine finanzielle Angelegenheit: Koproduktionen garantieren den Künstlern von Beginn an, dass sie mit ihrer neuen Arbeit touren werden und dass die Arbeiten in verschiedenen Städten und Festivals präsentiert werden.