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Foto Florian Werner - ICH TRAU MICH NICHT!
Foto: elfefee./ Quelle PHOTOCASE
> Florian Werner

ICH TRAU MICH NICHT!

Trotz Facebook, Twitter & Co.: Immer mehr Menschen sind schüchtern. Oder genau deshalb? Der Schriftsteller Florian Werner kennt die Antwort - auch aus persönlichen Gründen.

Interview: Jürgen Wittner

uMag: Herr Werner, in Ihrem Buch über die Schüchternheit beschreiben Sie eine selbst erlebte Situation in einem Waldorfkindergarten. Sie zeigen den anderen Kindern pantomimisch, wie Sie eine mit flüssigem Stahl bestrichene Mauer zwischen sich und den Kindern aufbauen, und ernten Verachtung von der Kindergärtnerin. Wird Schüchternheit so diskriminiert, dass man nicht mal im Waldorfkindergarten Verständnis aufbringen mag?
Florian Werner: Nein, der Waldorfkindergarten war schon sehr tolerant, ich glaube, die Pantomime war einfach sehr schwer zu verstehen. Und dass ich diese Metapher von der Mauer aus Stahl, die einen von den Mitmenschen trennt, als kleines Kind so ausspielte, überstieg wohl die Phantasie der Kindergärtnerin. Aber man sieht daran natürlich, dass ein schüchternes Verhalten kritisch beäugt wird, weil es die Gesellschaft ein Stück weit ausgrenzt. Man verweigert sich dem ständigen Imperativ der offenen Kommunikation und natürlich basiert Gesellschaft darauf, dass man miteinander redet. Offensichtlich herrrscht also auch in solchen Horten der Alternativkultur das gesellschaftliche Ideal, dass man unbefangen ist und sich jederzeit der Gruppe, den anderen öffnet. Dass man eben nichts zurückhält, sich nicht einmauert.

uMag: Passt die Verweigerung von Social Media ins Reaktionsmuster von Schüchternen?
Werner: Nee, ich glaube, prinzipiell sind Social Media wie für Schüchterne gemacht, weil sie den Face-to-Face-Kontakt ersetzen. Es fällt schüchternen Menschen sehr viel leichter, sich auf solchen Kanälen ihrer Umwelt mitzuteilen als im persönlichen Gespräch. Deshalb ist die Internetabhängigkeit gerade unter schüchternen Menschen ein Problem.

uMag: Liegt es auch daran, dass man in sozialen Netzwerken schauspielern kann, wie es im realen Leben nie gelingen würde?
Werner: Das glaube ich schon. Ein solches Spiel mit Rollenidentitäten kann, das versuche ich im Buch auch zu beschreiben, für den Schüchternen etwas Befreiendes haben. Gerade Schüchterne werden häufig Schauspieler. Das bezeichnen Psychologen dann mit dem schönen Ausdruck "kontraphobisches Verhalten".

uMag: Sie sagen, es gab noch nie so viele schüchterne Menschen wie heute. Woher nehmen Sie die Fakten dazu?
Werner: Es gibt dazu statistische Erhebungen, wobei die immer mit einem Körnchen Salz zu nehmen sind, weil hinter solchen Statistiken ja stets bestimmte Interessen stecken. Was man auf jeden Fall sagen kann: Schüchternheit wird viel stärker problematisiert als in früheren Zeiten. Im Mittelalterund der frühen Neuzeit war Schüchternheit noch kein Problem: Schüchternheit ist ja Angst vor Kontakt mit Fremden, und die Menschen kamen damals wahrscheinlich eher selten aus ihren Dörfern hinaus. Heute aber, wo man sich in sehr vielen verschiedenen sozialen Kontexten bewegt, hat man es zwangsläufig immer wieder mit Fremden und mit unbekannten Situationen zu tun. Die Gelegenheiten zur Schüchternheit nehmen dadurch zu.

uMag: Ist denn Schüchternheit etwas, das mir eigen ist, oder nur das Reaktionsmuster eines Individuums auf gesellschaftliche Gegebenheiten?
Werner: Es ist natürlich so, dass es Menschen gibt, die überhaupt nicht schüchtern sind, das liegt schon im Individuum begründet. Aber gerade die Schüchternheit sagt als Reaktion ja sehr viel aus über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Die vorhin angesprochenen Studien über die Schüchternheit und unsere Probleme damit zeigen ja im Umkehrschluss, dass unser Ideal, unsere Normalvorstellung die Extrovertiertheit ist, die Selbstdarstellung. Wir leben in einer Kultur, die in der Soziologie manchmal als Casting-Gesellschaft bezeichnet wird. Die Maßstäbe werden immer höher, und gemessen daran fallen immer mehr Menschen unter die Schüchternen.

uMag: Ihre Gegenvorschläge sind aber auch nicht von schlechten Eltern. Im Utopieteil des Buches bringen Sie ein Verbot von Schmetterbällen beim Tischtennisrundlauf.
Werner: Diese Schlussszene, in der ich ein fiktives Reich der Schüchternen entwerfe, ist in ihrer ganzen schrecklichen Harmonieseeligkeit ja gleichermaßen Utopie wie Dystopie. Ich gebe Ihnen Recht: Manchmal gibt es Zeiten, wo man am Abend am Liebsten mit einer Flasche Bier in der Hand im Kreis an der Platte steht und den Ball so vor sich hin löffelt - und dann bekommt man aber auch wieder Lust, nach Punkten zu spielen.

uMag: Für mich hat Sport und gesunder Streit viel
gemeinsam. Wie stellen Sie als Schüchterner sich eine Streitkultur vor?
Werner: Ich gebe zu, dass auch und gerade schüchterne Menschen lernen müssen, sich zu streiten. Ohne Streitkultur geht es nicht. Ich würde mir allerdings wünschen, dass unsere Streitkultur etwas mehr Rücksicht auf die Dünnhäutigkeit der Schüchternen nimmt. Dass Streitgespräche nicht persönlich werden, dass nicht ad hominem argumentiert wird, dass man im Ton möglichst nicht laut wird. Und dass ein Streit im Bewusstsein des gegenseitigen Respekts verläuft.

uMag: Wenn die Extrovertierten die Gesellschaft so dominant prägen: Verstehen Sie sich als eine Art Antiimperialist der Gefühle?
Werner: (lacht, dann zögerlich) Ich versuche ja schon zu argumentieren, dass Schüchternheit eine Form des leisen, passiven Widerstands ist, gegen die Herrschaft der Lauten, der Selbstbewussten, gegen die Kultur der Schnellfeuerkommunikation. So gesehen hat Schüchternheit etwas durchaus Subversives.

Checkbrief

Foto: Johann Ruebel

Florian Werner ist promovierter Literaturwissenschaftler. Der 1971 geborene Autor, Journalist und Übersetzer widmete seine Doktorarbeit („Rapocalypse“) dem Thema Rap und Apokalypse. Mit „Wir sprechen uns noch“ veröffentlichte er vor sieben Jahren einen viel beachteten Erzählband, es folgten unter anderem Veröffentlichungen mit der Gruppe Fön, für die er als Texter und Musiker agiert. Mit „Schüchtern. Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft“ hat Florian Werner nach „Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung“ und „Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße“ bereits sein drittes Buch über ausgefallene Themen der Kulturgeschichte geschrieben.