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Gutes Netz - schlechtes Netz? Kathrin Passig und Sascha Lobo wollen in ihrem neuen Buch "Internet - Fluch oder Segen" die populistischen Irrtümer zum Thema wegräumen. Und geben zu: Auch sie können sich irren.
Interview: Jürgen Wittner
uMag: Frau Passig, warum brauchen wir denn so dringend einen ernsthaften Diskurs über das Internet?
Kathrin Passig: Warum nicht? Es gibt ernsthafte Diskurse über außerirdisches Leben oder über die Frage, was ein Loch ist (siehe: "Das neue Lexikon des Unwissens"). Das Internet beeinflusst wesentliche Teile unseres Alltags.
uMag: Woher kommt das von Ihnen im Buch geschilderte Lagerdenken bei den bisherigen Diskursen - hier die Utopisten, da die Apokalyptiker?
Passig Dafür gibt es sicher mehr als einen Grund. Mit Extrempositionen erlangt man mehr Aufmerksamkeit und verdient mehr Geld. Extrempositionen sind auch leichter auszudenken und ins eigene Weltbild einzufügen. Die Auseinandersetzung damit, dass die meisten Dinge kompliziert und ambivalent sind, macht viel mehr Arbeit.
uMag: Ein sehr großes Problem bei einem demokratischen Diskurs über Datenschutz, Eigentumsrechte oder neue soziale Medien ist ja, dass das benötigte Wissen über die Themen, damit man überhaupt souverän am Diskurs teilnehmen kann, kaum jemand noch aufbringen kann. Welchen Ausweg aus diesem Dilemma sehen Sie?
Passig: "Kaum noch" suggeriert ja, das sei früher einmal anders gewesen. Vielleicht ist es eher umgekehrt so: Die Kompetenz kann bisher noch kaum jemand aufbringen, insbesondere an Politikern fällt ihr Fehlen immer wieder schmerzlich auf. Aber das ändert sich ja offenbar allmählich, nicht zuletzt durch den Erfolg der Piratenpartei.
uMag: In Ihrem neuen Buch zählen Sie sich schon fast zu den Alten, Überholten in der Branche. Sie werden von den "Anhängern des noch Neueren" überholt. Was bringen die mit, und wie wirkt sich diese Erfahrung auf Sie und Ihre Einstellung zu den netzpolitischen Reizthemen aus?
Passig: Es verursacht Mühe und Arbeit, die unausgesprochenen Annahmen und Grundlagen des eigenen Denkens zu erkennen und zu verändern. Wer sich herablassend über diejenigen äußert, die die Veränderungen durch die Digitalisierung, das Internet der 90er oder die sozialen Netze der Gegenwart schwer in ihren Alltag integrieren können, der kann schon morgen selbst zu denen gehören, die eine wesentliche Veränderung leugnen oder kleinreden, weil sie keine Lust haben, ihr Weltbild umzubauen. Auf irgendeinem Gebiet ist das sogar mit Sicherheit heute schon der Fall. Viele Menschen, die sich gewandt im Netz bewegen, wünschen sich zum Beispiel einen Datenschutz in den Grenzen der 90er-Jahre zurück. Die eigenen blinden Flecke sind naturgemäß nicht leicht zu identifizieren, aber ich habe zum Beispiel wenig Interesse an allem nicht-schriftlichen Sozialleben und Informationsaustausch im Netz. Damit zieht alles rund um Podcasts, Hangouts, Videoblogging, virtuelle Präsenzen, eigentlich auch Gaming komplett an mir vorbei. Je nachdem, wie sich die Lage weiter entwickelt, kann das eines Tages zum Problem werden. Vielleicht ist es auch jetzt schon eines, und ich leugne das
nur.





