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Foto Why? - ALLES WIRD GUT!
Foto: Aaron Conway
> Why?

ALLES WIRD GUT!

Nur wer leidet, schafft Meisterwerke? Zumindest Yoni Wolf scheint an das Künstlerklischee zu glauben. Oder warum kämpft der Sänger von Why? so hartnäckig darum, der König der Neurosen zu sein?

Von Carsten Schrader

Yoni Wolf fehlen selten die richtigen Worte. Doch wenn er konkret um Optimismus gebeten wird, eiert der Why?-Sänger rum. "Diese Platte markiert sicherlich einen Wendepunkt der Band und dokumentiert ganz viele Kämpfe, die ich mit mir selbst ausgetragen habe," startet er mit fester Stimme den Versuch einer positiven Bilanzierung. Dann gerät er ins Stocken, und vielleicht sind es sogar Pausbackigkeiten, zu denen er mehrfach ansetzt - um am Ende doch wieder im Ungewissen anzukommen: "Aber nur weil etwas anders wird, muss es nicht zwangsläufig besser werden."

Natürlich ist das fünfte Why?-Album kein inneres Blumenpflücken. Schon der Titel "Mumps, etc." macht das überdeutlich: Hier geht es um Krankheiten, um körperliche als auch um psychische, und der Why?-Fan würde auch etwas vermissen, wenn er nicht mit fast jeder Textzeile eine von Wolfs Neurosen um die Ohren gehauen bekommen würde. Aber es geht auch um Genesung. Gleich der Opener "Jonathan's Hope" startet mit einem Jubelschrei: "When I got better from the mumps, yes, my swollen nut and neck shrunk." Mag ja sein, dass das erstmal nur die Mumpserkrankung betrifft, die Yoni und seinen Bruder Josiah tatsächlich während einer Europatour im Jahr 2008 von den Beinen geholt hat. Und im folgenden wird dann auch wieder beschrieben, wie schwierig es ist, durch den Alltag geschweige denn durch den Beziehungsalltag zu kommen.

"You say I should pray that Yud Hay Vuv Hay would stay above me,
but for all this chaos and dread, I need not one cloth on my head to hold it all in with.
Oh, I know with no uncertainty that I'm uncertain and I don't know.
I know with no uncertainty ..."

(aus: Kevin's Cancer)

Die Musik schlägt eine andere Richtung ein. Why? zählen zu den Pionieren, weil sie seit ihrer Gründung HipHop und Indie zusammenbringen. Zwar sind verquere Chorgesänge, ungewöhnliche Instrumente und unvorhersehbare Richtungswechsel auf jedem ihrer Alben zu finden, doch auf "Eskimo Snow" aus dem Jahr 2009 stand all das zuletzt im Schatten von getragenen, fast schon larmoyanten Pianoballaden. Wenn sie mit "Mumps, etc." jetzt den Akzent von Indie zurück in Richtung HipHop verschieben, klingen sie bunter und so eingängig wie nie zuvor.

Nun zählen ja die Why?-Texte voller detailsatter Alltagspoesie zu dem besten, was man derzeit in der Musikszene finden kann, und Wolf ist das auch durchaus bewusst. "Ich hasse diese floskelhaften Statements, mit denen man gleichzeitig alles und nichts sagt", grenzt er sich von der Texterkonkurrenz ab. "Details machen bestimmte Dinge erst fühlbar, und nicht umsonst heißt es ja immer, der Teufel stecke im Detail. Indem ich Assoziationen aufschreibe, ohne vorher darüber nachzudenken, was ich eigentlich aussagen will, kann ich in meine Psyche blicken. Für mich ist das die einzige Möglichkeit, mich in der Welt zu verorten."

"Hidden down in a pyre's smoke of old movie posters,
G4 mother boards with '90s porn in their cache, and barbers' trash;
mixed in with the light, floating paper ash and rest,
is only just some more smoke rising.
No fleeting omen for your eyes only waiting.
No ancient mystic spirits writhing.
Nor translucent sage-ghost calmly speaking truths. No"

(aus: Thirst)

Doch Wolf ist gleichzeitig auch bewusst, dass seine Art des Textens dazu dient, sich vor den Hörern zu verstecken. "Vermutlich ist es auch eine Masche, die Leute so dicht an mich ranzulassen, dass sie mich gar nicht mehr richtig erkennen können", sagt er und grinst. "Indem ich die Aufmerksamkeit auf die Details richte, lenke ich davon ab, wie kaputt dieser Yoni Wolf eigentlich ist." Auf "Mumps, etc" durchbricht er dieses Schema zum ersten Mal, was seine Texte nur noch eindringlicher macht, aber Wolf das Grinsen aus dem Gesicht treibt.

Der Song "Paper Hearts" ist eine punkt- und kommalose Tirade, mit der er ganz offen vom Scheitern einer wichtigen Beziehung berichtet. Und noch macht ihm diese Dringlichkeit in eins zu eins Angst, bei der er darauf verzichtet, zu nah ranzuzoomen. "Der Song ist sehr roh, und er kommt direkt aus dem Herzen", sagt er und gerät dabei wieder ins Stocken. "Gut möglich, dass ich in zwei Jahren Probleme damit haben werde, diesen Song bei unseren Konzerten zu spielen."

"During sex, I might put us in some joke positions,
but it's scary, always how we end up in missionary,
like the daring men who fight to submission,
barely conscious there to care about the split position.
Your sour thoughts, you wield at me.
You wring out your melon, but it yields only drops like an unripe lemon.
All a man can understand is your bad intentions.
The less you talk, the more you draw and seal an ending."

(aus: Paper Hearts)

Why? sind in einer Umbruchphase. Wie sein Bruder und dessen Frau hat sich auch Wolf ein Haus in Cincinnati gekauft, in der Gegend, in der er aufgewachsen ist. "Keine Ahnung, warum genau ich das getan habe", denkt er laut nach, "vermutlich musste ich an den Ort zurückkehren, aus dem ich einst geflüchtet bin. Vielleicht musste ich zurück in meine Jugend, um die Probleme anzugehen, die ich dort zurückgelassen habe, aber niemals losgeworden bin."

Der Ausgang ist ungewiss, auch wenn Wolf das neue Album mit den letzten Gewissheiten enden lässt und in dem Song "As a Card" über den eigenen Tod nachdenkt. Vielleicht sollte man Wolf gar nicht davon überzeugen, dass alles gut wird, denn mit seinen neurotischen Texten würde die Band vieles verlieren, was sie ausmacht. Aus der Ungewissheit heraus haben Why? mit "Mumps. etc." ihr Meisterwerk abgeliefert. Und das ist gut so.

Checkbrief

BANDNAME Why?
BANDMITGLIEDER Jonathan „Yoni“ Wolf, Josiah Wolf, Doug McDiarmid, Liz Wolf
GENRE Indie, HipHop, Folk
WOHNORT Cincinnati
GRÜNDUNGSJAHR 1997
WEITERE PROJEKTE VON SÄNGER YONI WOLF Hymie’s Basement, Clouddead, Greenthink, Reaching Quiet
AKTUELLES ALBUM „Mumps, etc.“ erscheint am 5. Oktober
LIVE
5. 10. Düsseldorf
15. 10. Berlin
10. 11. Leipzig
11. 11. Nürnberg
12. 11. Schorndorf
13. 11. München
22. 11. Wiesbaden
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3. 12. Köln
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