Foto Constanza Macras - NIRGENDS ZU HAUSE
Foto: © HipHop Academy Hamburg
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NIRGENDS ZU HAUSE

Constanza Macras gilt mit ihrer Gruppe Dorky Park als Vorzeigechoreografin des Berliner Tanztheaters: trashig, multikulturell, fragmentarisch - also typisch Berlin. Aber ist das nicht längst ein Klischee?

Interview: Falk Schreiber

uMag: Constanza Macras, in den Tanzstücken von Dorky Park gibt es immer eine Verbindung zur gesellschaftlichen Realität. "Open for Everything" handelt von osteuropäischen Roma, "Scratch Neukölln" von jugendlichen Migranten, das neue Stück "Distortion - Verzerrung" ist in Zusammenarbeit mit der Hamburger HipHop Academy entstanden. Was bedeutet diese Verbindung für den Tanz?
Constanza Macras: Eigentlich ist es genau umgekehrt. Nicht die Realität bedeutet etwas für meinen Tanz, ich benutze den Tanz, um über Themen, Ideen und Situationen zu sprechen.

uMag: In diesen Stücken stehen die ausgebildeten Tänzer von Dorky Park neben den Migranten oder den Roma auf der Bühne. Wenn ich mir die Stücke anschaue, kann ich aber nicht unterscheiden, wer Tänzer ist und wer nicht.
Macras: Ich mag nicht, wenn man erkennt, dass jemand kein Tänzer ist, so: "Okay, jetzt kommen die Amateure, jetzt tanzen Schauspieler ..." Ich versuche, eine Sprache für alle zu finden. Es geht mir nicht darum, zum Beispiel die Roma als lächerlich darzustellen, ich will, dass sie stark auf der Bühne wirken. Ich weiß, dass sie Talent haben, und in diesem Prozess werden sie dazu gebracht, mehr zu geben als normal.

uMag: Das Hauptthema aller Dorky-Park-Stücke ist Ausgrenzung ...
Macras: Viele meiner Arbeiten handeln vom Leben in großen Städten, von den Beziehungen in diesem Leben, von Räumen, von den Neurosen, die dort entstehen. Ich denke nicht, dass es immer um Ausgrenzung geht - natürlich geht es um urbanes Leben, und dort gibt es auch Abschottung. In "Brickland", das von Gated Communities handelt, isolieren sich die Leute selbst, in "Berlin Elsewhere" isolieren sie andere: Es gibt einen gesellschaftlichen Bezug, aber es geht immer um die Vorstellung der Stadt, es geht nicht nur um eine einzelne Gemeinschaft oder eine Gruppe Menschen.

uMag: Wie wichtig ist es für die Stücke, dass die Choreografin selbst eine Außenseiterin ist, eine Zuwandererin von einem anderen Kontinent?
Macras: Das beeinflusst mein Leben. Mein Großvater kam aus Griechenland nach Argentinien, mein anderer Großvater aus Italien, meine Familie besteht seit Generationen aus Migranten. Und das ist etwas, was ziemlich bezeichnend ist für den Punkt, an dem unsere Gesellschaft heute steht. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich keine Beziehung zu diesem Land: keine familiären Bindungen, keinerlei kulturelle Bezugspunkte im Alltag - und irgendwie mag ich das, auch wenn Berlin mittlerweile mein Zuhause und meine Familie ist. Aber ich habe festgestellt, dass dieses Gefühl der Fremdheit etwas ist, was mir in meinem täglichen Leben gefällt: Ich bin seit fast 20 Jahren aus Argentinien weg, bevor ich hierher kam, war ich in New York und in Amsterdam. Also habe ich irgendwie das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Natürlich beeinflusst das zuerst mein Leben und dann meine Arbeit.

uMag: In Berlin und besonders in der Berliner Kunstszene sind eigentlich alle zugewandert ...
Macras: Ich zuerst! (lacht) Ich lebe schon sehr lange hier.

uMag: Manche kritisieren, dass die Dorky-Park-Arbeiten so sehr Berlin sind, dass es schon ein Klischee ist.
Macras: Was heißt denn "so sehr Berlin"? Dass sie multikulturell sind?

uMag: Und dass sie fragmentarisch sind, dass sie irgendwie laut sind ...
Macras: Du sagst: Das ist so Berlin, es ist so ein Klischee. Und ich sage: Das ist eine abgekürzte Analyse. Ich bin glücklich mit dem Ort, an dem ich mich entschieden habe zu leben. Und wenn ich die Person bin, die definiert, was Berlin ist, dann ist das ein riesiges Kompliment. Aber Klischee ... Ich arbeite mit meinem Alltag, ich beobachte den Alltag.

Checkbrief

NAME Constanza Macras
BERUF Choreografin
GEBOREN 1970 in Buenos Aires
LEBT seit 1995 in Berlin
STUDIUM Tanz und Fashion Design in Buenos Aires, Tanzausbildung in Amsterdam und New York
ARBEITETE MIT Tamagotchi Y2K (1996-2003), Dorky Park (2003 bis heute)
PREISE Preis des Goethe-Instituts für „Hell on Earth“ (2008), „Arts at MIT William L. Abramowitz Residency“ am Massachusetts Institute of Technology und der Deutsche Theaterpreis „Der Faust” für „Megalopolis” (2010)
AKTUELLES STÜCK „Distortion – Verzerrung“ gemeinsam mit der HipHop Academy Hamburg, Premiere am 14. 2. auf Kampnagel, Hamburgwww.dorkypark.org