DIE SPRITZE DANACH
2007 verjüngten die Foals den Indiesound. Während ihre Epigonen inzwischen alt aussehen, weiß Sänger Yannis Philippakis längst, worauf es wirklich ankommt: nicht auf Botox.
Interview: Carsten Schrader
uMag: Yannis, immer mehr Leute behaupten, in der Musik sei alles gesagt, und es wären keine Innovationen mehr zu erwarten. Simon Reynolds gibt in seinem Buch "Retromania" dem Internet und da vor allem Archiven wie Youtube die Schuld, mit denen junge Musiker sekundenschnell die Musikgeschichte abrufen können.
Yannis Philippakis: Das könnte stimmen, wobei ich selber gar nicht so retroresistent bin. Mich berührt beispielsweise die neue Platte von Tame Impala, auch wenn die mit einer Technik aufgenommen wurde, die auf Instagram-Appeal setzt. Vielleicht sind Innovationen vor allem die Aufgabe von experimenteller klassischer Musik. Mir würde es reichen, wenn sich mehr Popmusiker bemühen, gute Musik zu machen.
uMag: Ich hatte größere Empörung erwartet! Immerhin war euer Debüt eine Pionierarbeit, indem ihr die Dynamik elektronischer Clubmusik ins Bandformat übertragen habe.
Philippakis: Mag sein, aber es hat uns als Band nicht unbedingt gut getan. Mich hat diese Indiedisconummer schnell gelangweilt, was natürlich auch daran gelegen haben mag, dass plötzlich sehr viele Bands diesen Sound kopiert haben. Vor allem aber waren wir damals eine viel zu disziplinierte Band, die sich selbst unzumutbar viele Regeln auferlegt und ständig alles intellektualisiert und überinterpretiert hat.
uMag: Dann habt ihr für euer neues Album "Holy Fire" auf Youtube Funk-Videos geschaut und bei Klassikern wie Marvin Gaye oder Al Green gestöbert?
Philippakis: Nö, Songs wie "Total Life forever" oder "Afterglow" waren ja auch schon funky. Wir konnten das jetzt verstärken, weil es uns endgültig gelungen ist, den alten Indie-Dogmen zu entsagen. Für mich ist "Holy Fire" so wichtig, weil jeder Song komplett anders klingt und wir trotzdem nicht unseren Charakter verlieren. Ein brachialer Rocksong wie "Inhaler" funktioniert neben eingängigem, tanzbarem Pop und ruhigen Stücken wie "Moon", dem vielleicht düstersten Song, den wir bisher gemacht haben. Damit haben wir das Tor zur Freiheit aufgestoßen und können jetzt in jede erdenkliche Richtung gehen.
uMag: Ihr habt die Suche nach Innovationen fahren lassen, um gegen die eigene Vergangenheit zu rebellieren?
Philippakis: Wir emanzipieren uns von unserer aufgeräumten, sauberen und polierten Vergangenheit, aber gleichzeitig ist es ja eine Rebellion gegen aktuelle Trends in der Rockmusik. Ich vermisse eckige und vor allem lebendige Musik. Viele Bands, die von unserem Debüt inspiriert wurden, machen jetzt Botox-Pop mit Gitarren. Man kann unsere Entwicklung eine Rebellion gegen unser früheres Ich nennen, ich würde aber eher sagen, dass wir entspannter geworden sind. Wir machen einfach Sachen, die für uns interessant sind. Wichtig ist, dass wir uns nicht wiederholen und dass niemand es genau so macht, wie wir es tun. Scheiß auf Innovationen, viel wichtiger ist doch, dass es kaum noch Gegenkultur in der Musikszene gibt.
uMag: Woran liegt das?
Philippakis: Vermutlich sind es ähnliche Ursachen wie die, die Simon Reynolds für den kreativen Stillstand anführt. Die Musiker werden immer uninteressanter, und sie alle nutzen Social Media, um die eigene Langweiligkeit zu verschleiern. Auch Gwen Stefani wird eine Facebook-Seite haben, mit der sie auf tiefgründig und interessant macht. Wer wirklich Persönlichkeit hat, kann auch bereits dagewesenes aufgreifen und wird ganz automatisch neue Aspekte hinzufügen. John Maus arbeitet mit alten Formaten, aber er ist nicht retro, und es gibt zur Zeit kaum Musiker, die spannender sind als er. So würde ich uns auch gern sehen, und deshalb geht es für mich zuallerst darum, entspannt zu sein. Und darauf zu vertrauen, dass wir aufregender sind als Gwen Stefani.
Checkbrief
BANDNAME Foals
BANDMITGLIEDER Yannis Philippakis (Gesang, Gitarre), Edwin Congreave (Keyboard), Walter Gervers (Bass), Jimmy Smith (Gitarre, Keyboard), Jack Bevan (Schlagzeug)
WOHNORT Oxford, London
GENRE Indierock
HASSEN die Londoner Musikszene
LIEBEN exzessive Jamsessions
MUSSTEN aus ihrer Band-WG und Künstlerkommune in Oxford ausziehen
DROGEN Sänger Yannis Philippakis versucht seit kurzem auf Marihuana zur Kreativitätssteigerung zu verzichten
AKTUELLES ALBUM „Holy War“ erscheint am 8. Februar
LIVE
18. 3. Hamburg
19. 3. Berlin
20. 3. Köln





