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DEIN KÜHLSCHRANK HÖRT MIT

Mit unseren elektrischen Geräten generieren wir minütlich neue Daten fürs Internet, ohne es zu wissen. Was aber geschieht mit diesen Informationen? Bis jetzt noch wenig, sagt der Soziologe und technische Redakteur Ralf Wienken - aber bald ...

Interview: Jürgen Wittner

uMag: Herr Wienken, was muss man sich unter Big Data vorstellen?
Ralf Wienken: Es ist ein Geschäftsmodell, das sich mit einer Schatzsuche beschäftigt. Die Leute wissen: Da gibt es irgendwo eine große Menge an Daten, die bis jetzt unbearbeitet sind, aus denen wir aber was rausholen und womit wir Geschäfte machen können. Das macht Facebook zur Zeit schon mit den Daten, die die Benutzer selbst eingeben. Oder Google, oder viele andere, kleinere Unternehmen. Das eigentliche, was Big Data aber ausmacht, sind nicht die Daten, die die Menschen selber eingeben, sondern die maschinell erfassten Daten. Diese Daten werden an Menge die von den Nutzern eingegebenen Daten um Längen schlagen.

uMag: Datenschützer und User machen sich Gedanken, wie man Daten schützen kann; Sie hingegen denken darüber nach, ob und wie man diese Daten aufbereiten kann.
Wienken: Genau. Ich sage: Wenn man diesen großen Haufen von maschinell gesammelten Daten irgendwie nutzen will, braucht man eine Theorie. Denn ohne Theorie weiß man nicht, was man suchen will. Ich sage: Das Einzige, was man ohne Theorie finden kann, sind Korrelationen. Korrelationen sagen aber nur etwas darüber aus, ob zwischen zwei Werten eine statistische Beziehung besteht. Es kann nun sein, dass man diese Korrelation für irgendwas gebrauchen kann, was dann aber reiner Zufall ist. Denn wer keine Theorie hat, ist auf Zufälle angewiesen. Das macht mich skeptisch.

uMag: Was schließen Sie daraus?
Wienken: Die klassischen Arten der Wissensgenerierung - Theorie, Modelle und was sonst noch dazu gehört - sind absolut notwendig, um überhaupt was finden zu können.

uMag: Warum verirrt man sich beim Umgang mit Big Data in solchen Sackgassen?
Wienken: Weil es einfach ist. Weil man einen Algorithmus hat und den mit schnellen Computern drüberlaufen lässt. So kann man maschinell ganz einfach schauen, ob man Korrelationen findet. Dann sieht man zu, ob man damit ein Geschäft machen kann. Warum nicht? Es ist ja billig!

uMag: Was hat man davon, wenn man mein Bewegungsprofil erfasst und auswertet? Ich bin kein Spion und gehöre auch keiner terroristischen Zelle an.
Wienken: Okay, ein hypothetisches Beispiel: In Hamburg gibt es Tausende von Menschen, die ein ähnliches Bewegungsprofil haben wie Sie. Morgens zur Arbeit fahren, abends einkaufen, mal ins Schwimmbad gehen. Es könnte nun sein, dass genau diese Leute ein bestimmtes Produkt kaufen. Oder eine Produktkategorie. Und die könnte Ihnen abends dann am Computer angeboten werden. Beispielsweise kann herauskommen, dass Sie sich für ein bestimmtes Shampoo interessieren. Das kann mit Ihrem Alter korrelieren oder damit, dass Ihnen die Haare ausfallen. Dann wird Ihnen - und zwar nur auf Grund Ihres Bewegungsprofils und Ihres Alters - ein Shampoo gegen Haarausfall angeboten.

uMag: Und sonst nix?
Wienken: Das kann reichen. Es ist ganz erstaunlich, was die damit herausfinden können.

uMag: Stimmt es, dass unser Bewegungsprofil zu 93 Prozent vorhersagbar ist?
Wienken: Gut, das ist ja nun nicht so schwierig. Ich tue sowieso jeden Tag das Gleiche.

uMag: Sie wollen sagen, bei den meisten Menschen ist es zu 100 Prozent vorhersehbar.
Wienken: Ja, natürlich. Für mich ist das jetzt keine Neuigkeit. Aber Sie haben grundsätzlich schon Recht mit Ihrer Sorge. Es gibt dennoch mit Sicherheit viele andere Beispiele, wo die Vorhersagbarkeit so nicht möglich ist.

uMag: Wer wird als Erstes ein gut funktionierendes Analysetool bauen? Staatliche Überwachungsorgane oder die Privatwirtschaft?
Wienken: Es gibt, soweit ich weiß, noch nirgends ein gut funktionierendes Analysetool, das auf Big Data anspricht, wo die Daten maschinell gesammelt werden. Es sei denn, es gibt Forschung von irgendwelchen Geheimdiensten.

uMag: Ist die Angst vor der Auswertung meiner Daten eine Form der Paranoia?
Wienken: Man muss auf alle Fälle mit mehr Gelassenheit rangehen. Ich habe persönlich keine Angst davor. Ich weiß auch gar nicht genau, warum. In den USA wird das alles recht pragmatisch gesehen. Die sehen eher das Geschäft als die Angst davor, ausgespäht zu werden.

uMag: Auf der jetzt stattfindenden re:publica in Berlin ist Big Data ein großes Thema, während noch nichts umgesetzt ist ...
Wienken: Ja, natürlich. Und wo Forschung betrieben werden muss. Es wird immer mehr Firmen geben, die das anbieten oder es selber machen. Sie müssen sich vorstellen: Das Internet der Dinge wird sich immer mehr ausbreiten. Immer mehr Maschinen gehen ans Netz. Unsere gesamte künstliche Umwelt wird vernetzt werden.

uMag: Zum Beispiel mein Kühlschrank?
Wienken: Genau. Und alle diese Dinger werden Daten sammeln. Der Kühlschrank hat Ohren. Er weiß, was er sammelt. Und die Algorithmen werten das dann aus. Das ist vielleicht ein Prozess, der sich bis 2020 hinzieht, aber irgendwann werden die Dinger alle vernetzt sein.

Checkbrief

Ralf Wienken ist 54 Jahre alt und Technischer Redakteur bei der x-info Wieland Sacher GmbH, wo er für interne technische Kommunikation zuständig ist. Für das Thema Big Data aber interessiert er sich vor allem als promovierter Soziologe. Wienken veröffentlicht Beiträge zum Thema u. a. im Blog von app-solut.com.
www.re-publica.de