Die Steffi sagt, sie sei irreparabel sauer auf mich. Weil ich sie nicht mitgenommen habe nach Australien. Ich sage, irreparabel sei ein super Wort. Sie sagt, noch ein Ablenkungsversuch, und sie lege auf, und dann könne ich gucken, wer mich rettet. Ich sage, sie solle doch froh sein, dass sie nicht hier sei, im outbackischen Nirgendwo, ohne Wasser, ohne Käsebrot, ohne After-Sun-Lotion, umzingelt von Skorpionen, die schon ganz skeptisch gucken - ob sie das denn wollen würde?
"Wäre ich da, mein Lieber", sagt darauf Steffi, "wärst du in so 'nen Blödsinn gar nicht erst geraten."
Und das stimmt, weil Steffi kann alles, was man fürs Überleben in Thüringen und im australischem Outback braucht: Dropkick, Himmelsrichtungen und einen Bumerang bauen. Ich dagegen irre seit Stunden planlos über heißen Sand, meine Flip-flops tun weh, es wird sekündlich kälter, und ich bin auch noch leicht betrunken, was das Ganze gleichzeitig besser und schlimmer macht. Also sage ich zu Steffi, dass es mir leidtue und dass ich sie ab jetzt überallhin mitnehme, sie solle aber bitte das Hotel anrufen oder die Feuerwehr, von beiden wisse ich die Nummer nicht. "Ich habe ein bisschen Angst", füge ich hinzu, obwohl das gar nicht stimmt. Ich habe nur ein bisschen Durst.
Begonnen hatte das Abenteuer auf dem Schiff, das eine Gruppe britischer Touristen und eine Gruppe internationaler Schriftsteller zu den Weingütern im Swan Valley nördlich von Perth transportierte. Noch vor dem Ablegen soffen die Briten los und aßen den ganzen Häppchenkäse, der für die zweistündige Fahrt hätte reichen sollen. Die Schriftsteller vernichteten als Gegenmaßnahme sofort die Cracker. Ein absurder Wettkampf entbrannte in der Morgenhitze. Die Schriftsteller wollten nicht nur beweisen, dass sie vehementer saufen konnten als die Urlaubsbriten, sondern versuchten auch, seriös der Illusion von Sachverstand zu frönen, über Weine Bescheid zu wissen.
Als das Schiff die Fahrt aufnahm, stand bereits ein renommierter amerikanischer Lyriker an der Reling und kotzte in den schönen Fluss. Rabiate Trinkspiele machten die Runde. Ich schlug mich auf die Seite der Schriftsteller, obwohl die Briten ehrlicher schluckten. Sie sangen ihrer Queen zu Ehren, die Schriftsteller stimmten die Internationale an, ein schwuler indischer Romanautor machte dazu die Beatbox, und die Matrosen, die rieben sich nur ungläubig ihre Matrosenaugen.
Am Weingut angekommen, schnarchten schon mehrere Kinderbuchautorinnen unter Deck. Der amerikanische Lyriker stammelte etwas über Koalas, er habe den Käfig im Hotel vergessen. Der Rest wankte von Bord, hinter mir fiel jemand ins Wasser und ertrank ein bisschen herum, man wog ab, wie wichtig er für die Weltliteratur sei. Eine große Britin brüllte eine ganze Seite "Ulysses" in unsere Richtung, wir antworteten kryptisch in unserer mit Gurr-Lauten versetzten Verkaufszahlensprache. Das Weinbauer-Empfangskomitee, an solche Anblicke menschlicher Selbstvergessenheit gewohnt, begann seelenruhig über "Trockenperioden" und "Lagerung" zu dozieren. Die Meute wurde unruhig. Ein sonnenverkohlter Brite rief dazwischen: "Weinprobe!" - "Ausreden lassen!", schnaubte ihn ein Dramatiker an, und in just diesem Augenblick sah ich ein Kamel den Berg hinauftrotten. Ein Kamel in Australien?! Alkohol ist für mich kein Halluzinogen - das Teil war echt, und ich stürzte hinterher, denn ein Kamel weiß immer, wo es was zu trinken gibt.
Wäre der Berg ein Gesicht, die rückseitige Flanke, wohin ich dem Kamel folgte, wäre seine rasierte Wange - Andeutung der Wüste. Vom Kamel keine Spur. Hinter mir am Fluss schien eine Schlägerei ausgebrochen zu sein. Aber ich lief nicht zurück, sondern tiefer in die rote Landsch...
"Sasa, ist das ... eine Kaffeemaschine im Hintergrund?", unterbricht Steffi meine Rückblende. "Du sitzt in 'nem Café in Sydney oder so und schreibst deine Kolumne, kann es sein?"
"In Perth", sage ich kleinlaut.
"Die Briten, die Schriftsteller, alles gelogen?"
"I so wish, dass es die Schlägerei gegeben hätte ...", sage ich mit ehrlicher Sehnsucht. "Perth ist so öde! Das Aufregendste bisher war ein sozialkritischer Porno im Hotel-Pay-TV!"
Kurzes Schweigen, dann Steffi, irreparabel beste Freundin: "Du bist unverbesserlich, weißt du das?"
"Ich würde ja surfen gehen, aber wenn man so aufm Board liegt, glauben die Haie, man sei eine Schildkröte!"

Sasas Fotos von Australien gibt es in unserer Slideshow zu betrachten.
26.03.2009








