Foto FKA Twigs - HOCH SITZEN, TIEF BLICKEN
Foto: Dominic Sheldon
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HOCH SITZEN, TIEF BLICKEN

Tahliah Barnett alias FKA Twigs ist eine genaue Beobachterin. Warum ihr Debütalbum so exzellent geworden ist, weiß sie aber auch nicht.

Von Lasse Nehren

"Entschuldige, dass du warten musstest", begrüßt mich Tahliah Barnett höflich. Obwohl ein wenig zurückhaltend, wirkt die zierliche Musikerin doch keineswegs verhuscht. Zugegeben: Affektiertes Gebaren oder verlegenes Rumgedruckse sind nicht das, was die beiden EPs von der jungen Frau mit dem Künstlernamen FKA Twigs erwarten ließen. Körperloser Gesang über oft kaum vorhandenen, unterschwellig rastlosen Schwebe- und Triphop-Beats wirkte darauf so unmittelbar und eindringlich - man stellte sich eine selbstbestimmte Künstlerin vor, die bei Bedarf deutliche Worte findet. Und ihr Anfang August erscheinendes Debüt "LP1" stützt diesen Eindruck: Die Texte sind expliziter geworden, das Beatfundament noch selbstbewusster. Es ist eine ganz eigene Tonsprache, die sie entworfen und weiterentwickelt hat, abseits von Gewohntem. Und doch wird sie mir im Verlauf des Gesprächs verraten, sie sei ein schüchterner Mensch, der sich in Gesellschaft schnell unwohl fühlt. "Im Einzelgespräch ist es besser. Wenn aber mehr als zwei Personen anwesend sind, bin ich eher diejenige, die sich zurücklehnt und die anderen beobachtet", erklärt sie sich.

Das Beziehen des Beobachterpostens scheint auf Twigs' Werk profunden Einfluss zu üben. In ihren Texten sowie Videos werden Machtstrukturen und das Verhältnis von Dominanz und Unterwerfung verhandelt. "Ich finde so etwas einfach spannend ... Wenn man beispielsweise auf einer Dinnerparty ist oder ausgeht: Wie wandeln sich die Persönlichkeiten, abhängig davon, wer das Alphatier in der Gruppe ist? Wenn ich sehe, wie sich Menschen auf ganz bestimmte Weisen verhalten, lache ich häufig innerlich."

When I trust you we can do it with the lights on
When I trust you we can do it with the lights on
When I trust you we'll make love until the morning
Let me tell you all my secrets
And I whisper til the day's done


aus: "Lights on"

Wenn Twigs beschreibt, wie unterschiedliche Bedürfnisse miteinander wechselwirken, trennt sie körperliche und geistige Dynamiken nicht voneinander. Obschon diese Herangehensweise naheliegt und die Tabuisierung von Sex allmählich ein Relikt der Vergangenheit sein sollte, kaprizierte man sich wegen Videos wie dem zu "Papi pacify" wiederholt auf Twigs in der Rolle der sexuellen Aktivistin. Der Schwarweißclip zeigt Twigs, wie sie von einem halbnackten, muskulösen Mann in uneindeutig spielerischer Manier stranguliert wird. "Pacify our love", singt sie dazu: Befriede unsere Liebe. "Ich hatte nicht vor, mit dem Video irgend etwas zu bewegen", sagt sie. "Ich hatte einfach diese Idee, die ich umsetzen wollte, und auf einmal wird das Ganze als feministisch gelobt." Dass sie keine Agenda hat, bedeutet allerdings nicht, dass sie das Echo nicht hätte vorausahnen können. "Nein, überhaupt nicht!", beteuert sie, bleibt aber gelassen und ergänzt amüsiert: "Wenn ich überhaupt mit einer Reaktion gerechnet habe, dann mit dem genauen Gegenteil: dass die Leute sich fragen würden, ob ich mir dabei eigentlich irgendwas gedacht habe. Ich mache mir keine Gedanken über die Konsequenzen, während ich etwas tue - sondern befasse mich im Nachhinein mit ihnen."

Dabei würde sich ein gewisses Maß an Aufbegehrertum schlüssig in den Lebenslauf der 26-Jährigen einfügen. Aufgewachsen in der englischen Grafschaft Gloucestershire, besuchte die Tochter einer Spanierin und eines Jamaikaners dort eine katholische Schule. Ihr Stand war allerdings kein guter, als Kind zweier Eltern von unterschiedlicher Herkunft sah sie sich mit Ablehnung konfrontiert. Es zog sie also dorthin, wo sie weniger mit starren Strukturen zu kämpfen hatte, Ethnien selbstverständlicher miteinander verschmolzen - und wo sie die Möglichkeit finden sollte, sich als Künstlerin voll und ganz auszuleben. Sie landete, nur logisch, in London, wo sie bis heute lebt.




Mit 16 Jahren begann Twigs, Musik zu machen, drei Jahre später traf sie ihren heutigen Manager. "Als ich am Anfang bei Mike im Büro saß, habe ich kaum einen geraden Satz rausgebracht, ich war so nervös. Heute telefonieren wir stundenlang - ich habe seit sechs oder sieben Jahren wortwörtlich jeden Tag mit ihm gesprochen. Ich habe Mikes Tochter aufwachsen sehen - und er mich. Die Beziehung ist langsam gewachsen, und deshalb fühle ich mich sehr sicher." Überhaupt wirkt der kreative Dunstkreis um Twigs, als bewegten sich darin nur wenige, dafür sorgsam gewählte Begleiter. Jesse Kanda beispielsweise, der bereits das Video zu "Water me" gedreht und nun das Coverartwork ihres ersten Longplayers entworfen hat. An einem Track von "LP1" hat sich der venezuelanische Produzent Arca beteiligt, der auch an einigen Stücken von Kanye Wests "Yeezus" mitgewerkelt hat, Paul "Hitmaschine-und-Grammygewinner" Epworth half gleich bei mehreren Stücken aus, und auch der zuletzt hoch gehandelte Sampha hat mal kurz im Studio vorbeigeschaut. Doch Twigs betont: "Über zwei Drittel der Platte habe ich selbst produziert."

Auch als sich die Labelfrage stellte, kannte Twigs längst den Weg, den sie gehen wollte. "Mit 21 habe ich zu Mike gesagt: Ich will von XL Recordings gesignt werden. Er antwortete, dass sie sehr wählerisch seien und kaum jemanden unter Vertrag nehmen würden." Schaut man heute ins Roster des renommierten Indielabels, steht dort der Name FKA Twigs neben nur einer Handvoll anderer handverlesener Künstler, darunter The XX, Radiohead, der eben erwähnte Sampha und, ganz frisch, Jungle. XL Recordings sind auf Twigs zugekommen, nachdem sie 2012 die Single "Ache" veröffentlicht hatte - noch bevor sie selbst bei einem einzigen Label vorstellig geworden war. "Ich mache seit zehn Jahren Musik, und darauf lag neben dem Tanz immer mein Hauptfokus. Ich wollte in einer Position sein, in der ich machen kann, wonach mir ist, egal ob das bedeutet, einen Song auf eine bestimmte Weise zu schreiben, ein Video zu drehen oder eine Show zu spielen."

Als sie neu in London war, arbeitete sie eine Weile spätabends in einem Kabarett. Was zuvorderst dazu diente, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, sollte sich außerdem auf einer ganz anderen Ebene als gewinnbringend herausstellen: Während sie in die Rolle ihrer verführerischen Bühnenpersona schlüpfte, bildete sie ihr Gespür aus für das Spiel mit Rollen und Identitäten. Und doch begegnet man in den Songs von "LP1" keiner Kunstfigur. In den während der letzten zwei Jahre entstandenen Texten verarbeitet sie sehr Persönliches - sehr intim, sehr nah. Textlich auf das maskierende Element der Inszenierung zu verzichten, stört sie nicht. Im Gegenteil. "In der Verletzlichkeit liegt viel Kraft - und sie macht dich sexy. Wenn du nicht verletzlich bist, bist du ziemlich sicher ein Dummkopf. Oder du verstellst dich, und das ist ganz und gar nicht attraktiv."

The camera's on you, ain't that enough?
You're looking for the allround good luck
So nothing's gonna get in your way
You're gonna get yourself broke one day


aus: "Video Girl"

Wenig überraschend ist, dass Twigs zugibt, keine Ahnung davon zu haben, was sich in der aktuellen Musikwelt abspielt. Zu weit weg von allem scheint ihr Sound, zu eigen und zu störrisch. So passt es denn auch, dass ihre Musik als Patchwork ganz unterschiedlicher Lebens- und Zeiträume zu verstehen ist, das gleichermaßen von einer Tanzbewegung beeinflusst sein kann wie von einer Theateraufführung, die sie mit acht absolvierte. Wie sehr es mitunter darum geht, sich schlichtweg von der Inspiration finden zu lassen, zeigt eine wahrlich unvorhergesehene Anekdote. "Nachdem ich mit Freunden aus war und um vier Uhr morgens etwas betrunken nach Hause kam, lief im Fernsehen dieser Beitrag über Musik und Literatur im mittelalterlichen Großbritannien. Es ging um die Zeit, als die Künste begannen, emotionaler zu werden, und im Fokus standen zwei oder drei Musiker und Dichter. ,Preface', das Intro, ist vom Zitat eines Dichters namens [Thomas] Wyatt beeinflusst: ,I love another, and thus I hate myself'. Ich habe mein Album ,LP1' genannt, weil ich kein Wort gefunden habe, das zusammenfassen könnte, worüber ich die letzten zwei Jahre geschrieben habe. Dann hörte ich diese Zitat und merkte: genau darüber. Über den Kampf, sich selbst durch das Leiden in Freundschaften oder Beziehungen kennenzulernen und darüber, wie schmerzhaft es ist, sich selbst zu hassen, während man versucht, sich zu verbessern. ,I love another' kann sich auf vieles beziehen, beispielsweise auf Musik. Du kannst lieben, was du tust - und dich gleichzeitig dafür hassen, dass du nicht gut darin bist oder ständig versagst." Während man ihren Worten mit ernster Miene lauscht, beginnt Twigs plötzlich zu lachen: "Die mittleren Zwanziger sind einfach das Schlimmste. Du meinst, deine Teenagerjahre sind furchtbar - dann kommst du in die Zwanziger. Du denkst, du bist erwachsen, und stellst fest: Das stimmt nicht mal ansatzweise. Es ist wie eine zweite Pubertät, oder?"

Dass Twigs zu wissen scheint, was sich in ihre Texte und Videos einschreibt, ist allerdings nicht mit Konzeptlertum gleichzusetzen. "Ich bin immer vorsichtig, wenn es darum geht, Dinge im Nachhinein mit einer Bedeutung zu belegen. Es fällt viel zu leicht zu sagen: Darum ging es. Wenn sich bestimmte Themen in meinem Werk abbilden, dann haben sie mich vermutlich beschäftigt - ich habe mich aber nie bewusst länger mit einem Thema auseinandergesetzt."

Als ihr Manager schließlich den Kopf zur Tür reinsteckt, fragt sie: "Können wir bitte noch fünf Minuten haben?" Twigs ist um Worte nicht verlegen, sie möchte lediglich nicht, dass man ihr Vorsätzlichkeit andichtet. Die scheinbar widersprüchlichen Eindrücke der unverblümten und konfrontativen Künstlerin einerseits und der zurückgenommeneren Person, die vor einem sitzt, lösen sich auf. Twigs weiß, dass Stärke nicht die Abwesenheit von Schwäche bedeutet - und umgekehrt. Sie ist stark, weil sie eingesteht, schwach zu sein. Und eben davon lebt auch ihr Debüt.

Checkbrief

KÜNSTERNAME FKA Twigs
BÜRGERLICHER NAME Tahliah Barnett
BESCHÄFTIGUNG Musikerin, Produzentin, Tänzerin
GEBOREN am 16. Januar 1988
KOMMT aus Gloucestershire
LEBT in London
STIL TripHop, HipHop, Future R’n’B
MULTIMEDIA Barnett ist nicht nur für den Großteil der Musikproduktion, sondern auch für die meisten Konzepte sowie Regie ihrer Videos verantwortlich
TANZ als Backgroundtänzerin war sie bereits in diversen Musikvideos anderer Künstler zu sehen
ANGEBINDE Das „FKA“ in ihrem Künstlernamen steht für „formerly known as“
BISHERIGE VERÖFFENTLICHUNGEN 2012 brachte sie „EP1“ selbst heraus, ein Jahr später erschien „EP2“/„FKA Twigs“ via Young Turks/XL Recordings
DEBÜTALBUM „LP1“ erscheint am 8. August
ANSPIELTIPPS „Lights on“, „Two Weeks“, „Video Girl“