Foto Peaches - PEACHES - DIE BEFREIUNG
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PEACHES - DIE BEFREIUNG

Peaches kämpft weiter gegen unser Schubladendenken. Und weil sie jetzt auch schwach und verletzlich sein kann, ist sie mehr Superheldin denn je.

Interview: Carsten Schrader

U_mag: Peaches, mit dem neuen Album kehrst du zu deinen elektronischen Anfängen auf "The Teaches of Peaches" zurück. Vor zehn Jahren war es noch viel leichter zu schockieren, oder?
Peaches: Für mich fühlt es sich nicht wie ein Rückschritt an, sondern wie ein Blick zurück auf das, was ich erschaffen habe. Ich habe mich als Peaches etabliert, und die Leute wissen, was sie von mir erwarten können: schmutzige Texte. Sie wollen, dass ich schrill, auffällig, direkt bin und keine Kompromisse eingehe. Gleichzeitig erwarten sie aber auch das Unerwartbare von Peaches.

U_mag: Indem du auf "I feel cream" zum ersten Mal richtig singst, willst du zeigen, dass du mehr kannst als von dir erwartet wird - und gleichzeitig schockieren?
Peaches: Ich bin darauf gekommen, weil ich ein paar Konzerte gegeben habe, bei denen ich Power-Balladen gesungen habe. Eigentlich wollte ich damit nur meine Stimme trainieren. Plötzlich hatte ich aber ein Publikum, das so schockiert war wie bei keiner anderen Show zuvor: Peaches singt Tina-Turner-Songs, und sie macht das auch noch ziemlich gut! Bisher habe ich es ganz bewusst vermieden, auf meinen Alben zu singen. Ich wollte auf keinen Fall als Sängerin betrachtet werden. Das war für mich eine furchtbare Vorstellung und ein blödes Frauenklischee. Ich wollte die unverblümte Musikerin sein. Das war die bessere Ausgangslage.

U_mag: Hast du dir bei der Platte die Frage gestellt, ob du nicht vielleicht schon zu alt bist, um das Projekt Peaches auf diese Art und Weise weiterzuführen?
Peaches: Ich habe immer an Eartha Kitt gedacht, die sexuell aufgeladene Musik gemacht hat, bis sie letztes Jahr gestorben ist. Und da war sie 81. Es ist doch sogar noch viel kontroverser, wenn man als ältere Frau die Sachen singt, die ich singe. Das ist vermutlich genauso kontrovers, wie eine 15-Jährige, die solche Texte singt. Es haucht auch meinen älteren Songs wieder Subversivität ein. Snoop Dog ist in meinem Alter, und er macht das auch, aber weil er ein Typ ist, hat niemand ein Problem damit.

U_mag: Steckt denn trotzdem eine generelle Angst vorm Älterwerden dahinter, wenn du dein Alter in den neuen Texten so häufig erwähnst?
Peaches: Ich möchte nicht vor Dingen zurückschrecken, die in meinem Leben passieren. Ich bin eine Frau, und ich bin älter. Ich werde mich aber weder Botox noch Madonna zuwenden. Womit ich gar nicht Madonna dissen will. Sie hat nur eine Umgehensweise mit dem Älterwerden, die sich von meiner radikal unterscheidet. Madonna hat einen besseren Körper als jede 18-Jährige und gibt damit ein verdammt starkes Statement ab: Fick dich, ich bin 50, und ich sehe sehr viel besser aus als du! Dagegen bekomme ich diese schlabbrig am Oberarm herrunterhängenden Fettgewebe. Aber ich liebe meine bingowings!

U_mag: Andererseits bedient Madonna ja auch den Sexismus der Medien. Bei Artikeln über Musikerinnen wie sie und Grace Jones wird ja fast immer als allererstes das Alter mit ihren Körpern abgeglichen.
Peaches: Genau, und am schlimmsten ist es, wenn sie Madonna mit unvorteilhaften Fotos beweisen wollen, wie alt sie wirklich ist. Die Leute sind schockiert, weil diese Frauen zwar älter, aber trotzdem immer noch aufregend sind. Als Grace Jones vor Kurzem auf Deutschlandtour war, hatte ich die Gelegenheit, sie nach ihrem Berlin-Konzert zu treffen. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, habe geweint und bin ihr in die Arme gefallen. Ich bin so froh, dass sie mit 60 noch ihren Arsch zeigt und die Dinge so sagt, wie sie sind.

U_mag: Wenn es in deinen Songs um Sex ging, dann bislang eigentlich immer im Zusammenhang mit Macht und Stärke. Machen dir deine Texte manchmal selbst Angst, wenn du das so genannte männliche Sexverhalten für dich anverwandelst?
Peaches: Ich mache das ja gerade, um keine Angst zu haben. Ich will davor nicht zurückschrecken, und ich will es schon gar nicht akzeptieren. Deswegen gebe ich meine Interpretation davon.

U_mag: Auf der neuen Platte überraschst du, weil du den Machtaspekt mit Zärtlichkeit und einem gewissen Hang zur Romantik kombinierst.
Peaches: Jeder sehnt sich doch nach einer Balance zwischen Selbstbewusstsein und Verwundbarkeit. Bisher habe ich mich instinktiv immer auf Hardcore und diesen Stärkeaspekt gestürzt. Damit habe ich mich etabliert, doch inzwischen kann ich bei Peaches Vielschichtigkeit zulassen. Ich betrachte das als Befreiung.

"In Deutschland reagieren die Leute nicht auf mich, sie starren mich nur an."

U_mag: Auf der neuen Platte hast du mit Protagonisten der neuen Elektrowelle wie Digitalism und Simian Mobile Disco zusammengearbeitet. Kann die neue Szene von einer größeren Liberalität profitieren, weil Peaches und andere vor zehn Jahren in Electroclash gemacht haben?
Peaches: All diese neuen Acts machen etwas, was ich früher auch gemacht habe. Wenn es darum geht, Indie und Elektronik zu kreuzen, fühle ich mich schon wie eine Pionierin. Electroclash hat was losgetreten. Aber es hatte für viele auch etwas Angsteinflößendes, weil es so sexuell, so queer und so vorlaut war. Die neue Generation hat das jetzt etwas anders gemacht und sich stärker auf die Musik konzentriert. Dadurch hat es eine größere Aggressivität bekommen und ging für mehr Leute okay.

U_mag: Vielleicht ist die Szene in Deutschland aber auch verklemmter und homophober als überall sonst.
Peaches: In Deutschland gibt es meiner Meinung nach tatsächlich einen sehr großen Bedarf an Genderdiskussionen. Die Deutschen denken, dass sie bereits alles über das Thema wissen und nicht mehr diskutieren müssen. Lieber blicken sie von oben herab auf die USA und betonen, dass diese Fragen dort sehr viel nötiger gestellt werden sollten. Klar, wenn man auf das Klischee vom prüden Amerika verweist, kann man diesen Standpunkt sehr gut verkaufen. Aber Genderforschung wird vor allem in den USA gemacht. Dort werden solche Fragen wirklich diskutiert - sie geben nicht nur vor, sondern begeben sich wirklich da rein. Das merke ich auch, wenn ich Shows in Amerika spiele.

U_mag: Was ist denn der Unterschied zu Deutschland?
Peaches: In Deutschland reagieren die Leute nicht auf mich, sie starren mich nur an. Ganz besonders dann, wenn es früh ist und sie noch nicht betrunken sind. Ein bisschen strahlen sie etwas streberhaftes aus: Wir haben alles gelesen und wissen alles. Vielleicht sind sie ja auch offener und toleranter als alle anderen, aber dann sollten sie keine Angst davor haben, das auch auszudrücken.

U_mag: Dafür bemüht man sich in Deutschland ja schon seit einiger Zeit darum, einen neuen Feminismus zu formulieren.
Peaches: Charlotte Roche hat einiges ausgelöst, oder? Beim neuen Feminismus muss es aber ausschließlich um Männer gehen. Wir Frauen sind bereits da angekommen, wo wir ankommen wollten.

U_mag: In welcher Weise sollten Männer sich denn ändern?
Peaches: Sie sollten einfach Feminismus diskutieren und ihre verletzliche Seite entdecken. Auch wenn nicht alle Männer damit ein Problem haben, ist es für sie generell doch schon sehr schwierig. Männer müssen endlich diese harten Rollenbilder einreißen.

U_mag: Ist die Elektroszene ein Grund zur Hoffnung, weil da immer mehr Typen in den Clubs in sehr unmännlichen Outfits ausgelassen tanzen?
Peaches: Letztlich hat das schon in den 70ern begonnen. Die spannende Frage ist doch: Wie konnten wir nur wieder vergessen, dass wir damals schon auf einen geschminkten David Bowie standen? In den 80ern hatten wir sogar irgendwann den Punkt erreicht, an dem man extrem schwul und farbenfroh sein musste, wenn man überhaupt noch mit seinem Image auffallen wollte. In gewisser Weise haben die 90er alles wieder langweilig gemacht. Deswegen ist es jetzt ein großer Kampf, an diesen Punkt zurückzukommen.

U_mag: Frustrierend, dass mit Trends auch die positiven Errungenschaften einer Szene verschwinden ...
Peaches: Die Musikgeschichte wiederholt sich in fast gleichförmigen Wellen, das ist das eigentlich Deprimierende. Momentan interessieren sich wieder alle für Disco oder wenden sich dem ganzen Hippiekram zu, weil sie wieder echte Instrumente wollen. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass es kein nächstes Level mehr geben wird. Deswegen bin ich auch so froh, dass mein Image größer ist als meine Musik. Dadurch habe ich die Möglichkeit, andere Projekte zu machen. Warum nicht Performancekunst- oder Konzeptkunstprojekte? Ich habe bisher nie erzählt, dass ich das gerne machen würde, weil man dann meine Musik nicht mehr ernst genommen hätte. Film oder Theater könnte ich mir auch vorstellen. Das funktioniert genauso wie Peaches als Musikhörerin. Wenn mich gerade nichts mehr so richtig kriegt, dann gehe ich eben mehr ins Kino. Oder ich lese Bücher. In London muss ich jetzt unbedingt nach der Übersetzung von Charlotte Roches "Feuchtgebiete" suchen. Die kaufe ich dann für mich und für meine Mutter.

Check-Brief

Name: Merril Beth Nisker
Künstlername: Peaches
Berufe: Musikerin, Produzentin
Alter: 40
Wohnort: Berlin
Fans: Marilyn Manson reiste Peaches auf ihrer US-Tour hinterher, Madonna schickte einen unterschriebenen Slip, Iggy Pop holte sie im weißen Rolls Royce in L. A. vom Flughafen ab
Mainstreamdefinition nach Peaches: "Vielleicht ist das einfach nur eine christliche Disney-Marke."
Aktuelles Album: "I feel cream" erscheint am 2. Mai
Live: 4. 5. Hamburg, 9. 5. Berlin