Foto Design EXTRA: eBoy - URBANE VISIONEN
Pixelgrafik: eBoy
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URBANE VISIONEN

Die Pixelkünstler von eBoy erobern mit ihren komplexen Stadtansichten die Welt. Und finden es völlig okay, kopiert zu werden.

Interview: Ellen Stickel

U_mag: Steffen, Kai, ihr entwerft wimmelige Städtebilder ebenso wie kunterbunte Spielfiguren, Werbeplakate oder iPhone-Skins. Was ist denn eBoy nun eigentlich?
Kai Vermehr: Es ist immer ein Problem zu erklären, was wir eigentlich sind. Wir sind Illustratoren, Designer oder Künstler, aber auch wieder nicht. Wir sind ein Kollektiv, vielleicht so wie eine Band.

U_mag: War euch von Anfang an klar, dass ihr Pixel-Art machen wolltet?
Vermehr: Bevor eBoy gegründet wurde, haben wir kleine digitale Hefte mit fünf, sechs Seiten gestaltet, die man auf dem Bildschirm umblättern konnte. Die haben wir über Disketten verteilt. Das Digitale war der Grund, warum wir überhaupt mit Pixeln gearbeitet haben. Die Vervielfältigbarkeit von digitalen Daten fanden wir völlig abgefahren: dass genau diese Daten in der identischen Qualität an jemand anderen weitergegeben werden konnten, der wiederum auch eine Kopie ziehen konnte. Damals war es noch so, dass die meisten Leute den Computer nur benutzt haben, um etwas herzustellen, das dann gedruckt wird. Es war schon eine Überwindung, nur digital zu bleiben.

U_mag: War das zu Anfang eher eine Spielerei?
Vermehr: Bei uns ist ja alles Spielerei.
Steffen Sauerteig: Als wir am Anfang versuchten, Jobs zu bekommen, haben wir überlegt, ob wir ein Heft produzieren sollten und das rumschicken. Aber dann dachten wir - weil das 1997 gerade so anfing mit dem Internet -, wir machen einfach eine Webseite, auf der wir unsere Sachen zeigen.
Vermehr: Das war der nächste Schritt, was zu veröffentlichen. Erst waren es die Disketten, dann kam das Internet, und jeder, der Internetanschluss hatte auf der Welt, konnte unsere Sachen angucken. Das war ein irrer Gedanke! Durch die Website kamen die ersten Aufträge, und so hat sich das langsam, aber stetig entwickelt.
Sauerteig: Wir haben sogar ziemlich schnell damit Geld verdient. Und bis heute haben wir eigentlich die Situation, dass wir uns überhaupt nicht um Aufträge kümmern müssen.

U_mag: Trefft ihr eine harte Auswahl, für wen ihr arbeitet und für wen nicht?
Vermehr: Ja, manchmal, aber wir sind keine Gralshüter, die über die eBoy-Marke wachen.

U_mag: Ihr sitzt in Büros über ganz Berlin verteilt - wie funktioniert eure Zusammenarbeit?
Vermehr: Wir verbinden uns per Video über das Programm iChat. Steffen und ich ziehen jetzt im Mai nach Vancouver, aber wir könnten theoretisch auch nach Alaska ziehen - Hauptsache, es gibt dort Internet. Das Witzige ist, dass Steffen und ich sogar nebeneinander wohnen und wir faktisch nur drei, vier Meter voneinander entfernt sitzen, aber trotzdem per Videochat miteinander verbunden sind, weil es keinen Sinn macht, dass der eine runter läuft und drüben wieder hoch und sich da mit dazu setzt.

U_mag: Wie entstehen denn eure großen Städtebilder? Daran arbeitet ihr sicher ewig ...
Sauerteig: Ja, total. Letztendlich arbeiten drei Leute zusammen zwei Monate an so einem Bild. Wir sprechen uns einfach ab, wer an welcher Stelle baut.
Vermehr: Und es gibt einen Meister, der das ganze Bild hat, und die anderen bauen an bestimmten Stellen, die verabredet sind. Der Meister sucht sich die Einzelteile zusammen und baut das dann alles ins große Bild ein. Der Idealzustand wäre natürlich, wenn wir wirklich alle an einer Datei gleichzeitig arbeiten könnten. Dann würde man unten am Haus arbeiten und würde sehen, wie oben die anderen an den anderen Häusern arbeiten. Das macht auch am meisten Spaß: Wenn das Bild wirklich anfängt zu leben, weil nicht nur der eigene langweilige Kram drin ist, sondern auch die Ideen von den anderen.


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U_mag: Glaubt ihr, dass sich eure Ästhetik vielleicht irgendwann totlaufen wird? Immerhin macht ihr das schon mehr als zehn Jahre.
Vermehr: Am Anfang haben wir uns das auch ein bisschen gefragt. Wir werden natürlich oft über die Pixel wahrgenommen, aber unsere Arbeit hängt gar nicht so sehr damit zusammen, sondern mehr mit unserer modularen Bauweise.
Sauerteig: Es ist wie bei Fotografen: Wenn man Annie Leibovitz fragen würde, wann sie denn jetzt mal anfängt, in Öl zu malen, wäre das auch komisch. Wir benutzen den Computer, um Bilder zu machen. Das ist einfach nur eine Technik.
Vermehr: Klar muss man davon leben können, aber letztendlich machen wir die Sachen, weil wir sie lieben. Wir überlegen nicht lange, ob das gut ankommt oder nicht. Sogar bei den Sachen für den Shop entscheiden wir uns oft für Sachen, von denen wir wissen, dass sie total danebengehen werden. Aber wir wollen das dann einfach haben und zahlen auch richtig Geld drauf.
Sauerteig: Das machen Modedesigner auch so. Paul Smith, mit dem wir eine Kollaboration hatten, erzählte das auch: Er hat in jeder Kollektion ein total ausgeflipptes Teil, das dann keiner kauft, aber alle gehen hin und sagen: Wow, aber ich nehme das Schwarze. (lacht) Und es ist total wichtig, dass dieses Teil dabei ist, auch wenn sich vielleicht nur zehn Stück davon verkaufen.
Vermehr: Das Stück ist wie ein Leuchtturm, das steht da und strahlt auf die anderen Sachen aus, ob es nun erfolgreich ist oder nicht.

U_mag: Ihr habt sehr unterschiedliche Kunden, von Weltmarken wie Coca Cola bis hin zu kleinen Labels, für die ihr CD-Artwork macht. Macht das einen großen Unterschied?
Sauerteig: Wenn man für kleine Plattenlabels oder so was arbeitet, ist das natürlich schon ein anderes Arbeiten. Aber meistens geht das ja über Werbeagenturen, und das ähnelt sich dann schon, egal ob das eine deutsche Agentur ist oder eine internationale wie für Coca Cola.
Vermehr: Für Kunden zu arbeiten ist nur ein Teil, wir machen ja auch viel frei. Es ist zum Beispiel super, dass man heute mit wenig Aufwand einen Onlineshop betreiben kann. Früher musstest du als Künstler deine Bilder in eine Galerie tragen, und du konntest sie nur für viel Geld vervielfältigen. Wir können einfach einen Shop aufmachen, verschicken die Sachen von Zuhause, und mittlerweile verdienen wir mit unseren ganz eigenen Arbeiten gutes Geld und haben dadurch Unabhängigkeit und die Freiheit und irgendwie auch schon fast einen Druck, unsere eigenen Projekte zu verfolgen.

U_mag: Eure Optik wird gerne und viel kopiert. Wie geht ihr mit Plagiaten um?
Vermehr: Kommerzielles Kopieren geht natürlich nicht, weil wir von unserer Arbeit schließlich leben. Aber wenn das privat gemacht wird, ist das super - es ist oft spannend, was die Leute machen.
Sauerteig: Es ist besser, kopiert zu werden, als selber kopieren zu müssen. (lacht)
Vermehr: Ganz am Anfang, als wir die ersten Sachen auf die Website gehängt haben, haben wir schon kurz überlegt: Das kann sich ja jetzt jeder im Original ziehen und sich ausdrucken. Aber dann fanden wir, es wäre Quatsch, die Sachen nicht zu zeigen. Rückblickend war es die richtige Entscheidung. Es gibt ja den alten Reflex, alles bei sich zu behalten und nur für Bezahlung rauszurücken. Der Autor Cory Doctorow hat sein erstes Buch z. B. auch einfach als PDF zum Download zur Verfügung gestellt, es aber auch noch mal gedruckt zum Verkauf angeboten - und es ist ein Bestseller geworden. Es ist eine neuere Erkenntnis, die man auch erst durch das Internet gewinnen konnte, dass eine zu starke Begrenzung in den meisten Fällen gar nicht sinnvoll ist. Geld verdienen wir über eine Art Zweitverwertung, denn die Poster sind ja eigentlich nur Abfallprodukte der digitalen Bilder. Das ist Merchandising, wenn du so willst. Es ist fast schon poetisch, dass man die Dinge frei raus gibt und mehr dafür zurückkriegt.

U_mag: Wie wichtig ist Design denn für die Gesellschaft?
Vermehr: Design kann heißen, dass ein Gegenstand eine Funktion besser erfüllt, als wenn er nicht designt wäre. Design kann aber auch nur für die Seele gut sein, dass die schwingt und glücklich ist. Wir sind ja visuelle Menschen, die Augen nehmen viel wahr, und Lust und Spaß spielen eine genauso große Rolle, wie dass Dinge richtig funktionieren.

U_mag: Funktion ist euch auch bei euren Spielzeugen wichtig. Die müssen richtig bespielbar sein.
Vermehr: Ja, wir sind ein bisschen traumatisiert. Wir waren vor ein paar Jahren mal ein einem Spielzeugladen in Kreuzberg und haben da die ganzen eingeschweißten Sammler-Toys gesehen, eine ganze Wand voll mit seltenen Sachen. Da haben wir uns was gekauft, und ich habe das Ding aufgemacht und wollte den Arm verbiegen - und dann ist der abgebrochen. Danach habe ich das Ding gehasst und eigentlich auch diese ganzen Toys, die irgendwo stehen und sofort kaputtgehen. Wenn wir Spielsachen machen, wollen wir, dass sie unsere Kinder überleben und dass sie auch besser aussehen, wenn sie viel bespielt werden. Spielsachen sind besonders toll, wenn sie erst schön werden, nachdem drei Generationen Kinder damit gespielt haben.

Profil

[*eBoy*] sind Steffen Sauerteig (41), Svend Smital (41) und Kai Vermehr (44). Sie gründeten ihr Designkollektiv 1997 in Berlin und spezialisierten sich schnell auf modular angelegte Pixelbilder. Bekannt wurden sie durch großformatige Stadtansichten, inzwischen kamen noch "Peecol"-Spielfiguren in Zusammenarbeit mit dem Spielzeughersteller Kidrobot hinzu, sowie Kollaborationen mit Gola und dem britischen Modedesigner Paul Smith.