Foto Jan Brandt - SCHRECKLICH AMÜSANT
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SCHRECKLICH AMÜSANT

Wenn Autoren nichts mehr einfällt, schreiben sie über Lesereisen. Jan Brandt macht das in "Tod in Turin" auch.

Von Carsten Schrader

Leicht ist es nicht, das zweite Buch, und für Jan Brandt schon gar nicht: Mit seinem grandiosen Debüt "Gegen die Welt" schaffte er es immerhin bis auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011. Mehr als zehn Jahre hat er an dem fast 1000 Seiten starken Wälzer über eine Gruppe jugendlicher Außenseiter auf dem Land gearbeitet. Brandt hat mit Science-Fiction-Elementen hantiert, ist mit ständigem Perspektivwechsel ganz tief in die Psyche der Dorfbewohner vorgedrungen und konnte seinen Verlag zu typografischen Innovationen überreden. Will er jetzt allen Ernstes einen semifiktionalen und grottenlangweiligen Bericht von seinen Lesereisen und einem Wochenende auf der Turiner Buchmesse folgen lassen? Natürlich nicht, doch er täuscht dieses Vorhaben sehr geschickt vor, indem er etwa in Fußnoten seine Flugnummern samt Reihe und Sitzplatz angibt, seitenlang dem Tick nachgibt, die Werbeslogans eines Hotels analysieren zu müssen und seinen Messetrip schließlich mit vielen Zitaten in eine Reihe mit den Italienreisen Goethes, Thomas Mann oder Heinrich Heines stellt. Spannender wird es, wenn er in Turin mit dem Kauf eines einzigen Apfels den Wahnwitz von Biosupermarktpalästen offen legt, die mit dem Kampf für eine bessere Welt kokettieren. In Gesprächen mit italienischen Kollegen kippt der Bericht schließlich doch in den Selbstfindungstripp eines Schreibers, der sich nur allzu gern als schwierigen Schriftsteller stilisiert. Zählt es da überhaupt noch als Entwarnung, dass Brandt in diesen Dialogen offenbart, an einem monumentalen Roman über deutsche Auswanderer zu arbeiten, der nach dem Krieg mit einer Flucht nach Amerika einsetzt und bis in die Gegenwart reicht? Für eine Entwarnung ist "Tod in Turin" am Ende dann doch zu amüsant, und das Buch lohnt schon allein wegen einer Liste, die er zusammen mit dem ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Gesellschaft für Suizidprävention erstellt: eine Übersicht der Schriftsteller, die sich umgebracht haben, inklusive Methode und Ort. Wie gefährdet Jan Brandt ist, eines Tags auf dieser Liste zu landen, muss man als Leser allerdings selbst entscheiden.