Foto Édouard Louis - VOLL IN DIE FRESSE
Foto: John Foley/Opale/StudioX
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VOLL IN DIE FRESSE

Mit seinem Debütroman macht Édouard Louis umissverständlich klar, warum Homophobie eben doch noch ein Thema ist.

Von Carsten Schrader

In Berlin oder Hamburg mag man irritiert sein, warum ausgerechnet in Frankreich so aufgeregt über Homophobie diskutiert wird, und der autobiografische Roman, den Édouard Louis mit gerade mal 18 geschrieben hat, zum Bestseller wurde. Doch schon auf der ersten Seite von "Das Ende von Eddy" ist es mit dem Wundern vorbei: "Im Flur tauchen zwei Jungen auf, einer war groß und rothaarig, der andere klein und mit krummen Rücken. Der Rothaarige spuckte mich an: Da, voll in die Fresse. Die Rotze rann langsam mein Gesicht hinab, gelb und dick, wie der heisere Schleim aus der Kehle von Alten oder Kranken, sie roch stark, übelkeiterregend. Das schrille, scharfe Lachen der beiden Jungen. Bäh, er hat die ganze Fresse voll, der Wichser." Eddy wächst im armen Norden Frankreichs auf, in einem Dorf in der Picardie, und schon als Sechsjähriger verraten ihn seine weiche Stimme und der feminine Gang: Eddy ist anders, und aus ihm wird nie der richtige Kerl werden, der man dort zu sein hat. So ist "Das Ende von Eddy" weit mehr als der Coming-of-Age-Roman eines heute 22-jährigen Autoren, der seiner Herkunft entkommen ist. Als Soziologiestudent, der bereits ein Buch über Pierre Bourdieu veröffentlicht hat, erinnert er sich an seine Kindheit, die von Rassismus, Gewalt und Unterdrückung geprägt war: analytisch und ohne blinde Wut oder Rachelust seziert er eine Welt, in der mit Alkohol, traditionellen Geschlechterrollen und einem nie ausgeschalteten Fernseher der Perspektivlosigkeit begegnet wird. Natürlich könnte das eine stereotype, sehr plakative Gegenüberstellung von Arbeitermilieu und akademischer Welt sein. Doch wenn er seine heutige Sprache mit dem kursiv gedruckten Sound seiner Kindheit ineinander laufen lässt, fragt man sich eher, ob nicht Hamburg und Berlin genauso Blasen wie Paris sind. Die Stadt, in der Édouard Louis heute lebt.