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VERPASSTE CHANCE

Mit seinem neuen Roman übt Dave Eggers Kapitalismusmuskritik und geht dabei volles Risko.

Von Manuel Weißhaar

Dave Eggers macht ernst: In seinem neuen Roman ringt er mit einer Gesellschaft, die sich im bloßen Weitermachen aufreibt und nicht bemerkt, dass sie dafür ihre eigenen Werte nach und nach preisgibt. Nachdem er sich schon in "Der Circle" mit Unbehagen am digitalen Informationskapitalismus abgearbeitet hat, rückt Eggers mit "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" unserem westlichen Selbstverständnis nun direkt auf die Pelle. Die Versuchsanordnung seines Buchs ist dabei denkbar einfach: Ein ehemaliger Student entführt Menschen - einen Astronauten, einen Kongressabgeordneten, seinen früheren Lehrer und weitere - und hält sie in einem verlassenen Militärkomplex fest, wo er ihnen unbequeme Fragen stellt: Was ist aus den Versprechen geworden, auf denen diese Gesellschaft errichtet wurde? Welche Verheißungen können wir der Zukunft noch abringen? Wann haben wir zuletzt etwas wahrhaft Inspirierendes und Großartiges geschaffen, dessen Existenz nicht bloß schnödem kapitalistischem Verwertungsdruck geschuldet war? Das ist zweifelsohne relevanter und dringlicher als alles, was die deutsche Gegenwartsliteratur seit Jahren hervorbringt und weist Eggers erneut als engagierten Erzähler mit hoher Risikobereitschaft aus. Schade nur, dass dieser Mut sich hier nicht so recht auszahlen will: Sicher, der Roman ist mit Furor geschrieben und wartet mit klugen wie aufschlussreichen Dialogen auf - der eigenen Themenfülle wird er aber leider nur selten gerecht. Eggers will Aufrütteln und Aufklären, zugleich aber auch ein Psychogramm zorniger junger Männer liefern, denen ihre Aufgabe in der Welt abhanden gekommen ist. Das macht den Roman unausgegoren und lässt ihn oft ziellos durchs eigene Ambitionsgeflecht tappen. Hinzu kommen gravierende literarische Schwächen: Die Entscheidung, auf jegliche Ablenkungen zu verzichten und den Stoff nur als lange Abfolge von Dialogen zu gestalten, wirkt rasch wie ein wenig durchdachter Schnellschuss, für den Glaubwürdigkeit und Figurentiefe geopfert werden mussten. Am Ende wünscht man sich, Eggers hätte sich mehr Zeit genommen, um sein Anliegen zu präzisieren und geeignetere literarische Mittel zu finden. So ist der Roman leider kaum mehr als eine verpasste Chance.