Foto Angela Richter - KUNST KOMMT VON KONTRA
Zwei Supernerds: Angela Richter und Julian Assange. Foto: Oliver Abraham
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KUNST KOMMT VON KONTRA

Angela Richters "Supernerds" verbindet Theater, TV und Onlineaktivismus zu einem Gemisch, das vor allem eins ist: hochexplosiv.

Interview: Falk Schreiber

uMag: Angela, wenn ich mich auf supernerds.tv registriere, werden als erstes meine Mailadresse, meine Handynummer und meine vollständige Anschrift abgefragt. Wahnsinnig datensicher ist das nicht, oder?
Angela Richter: Stimmt. Und dennoch ist es das, was man schon bei jedem Online-Einkauf eingibt. In unserem Fall allerdings dient es dazu, bestimmte Dinge konkret erlebbar zu machen, an Hand von konkreten Beispielen. Mittlerweile wissen viele Menschen Bescheid über Massenüberwachung, auch dank Snowden. Aber Wissen und Begreifen sind zwei verschiedene Dinge. Insofern werden bei uns die Daten nicht zu kommerziellen Zwecken oder zur politischen Kontrolle missbraucht, sondern dienen der Aufklärung.

uMag: "Supernerds" funktioniert auf vier Ebenen: als Onlineprojekt, als Fernsehshow, als Buch und als Theaterstück. Sind Verwirrung und inhaltliche Überforderung dein Ziel?
Richter: Nein. Das Ziel ist Konterpropaganda gegen die Mainstreamnarrative. Und das auf allen Ebenen.

uMag: Laufe ich eigentlich bei übermäßiger Sorge um die eigene Privatsphäre Gefahr, zum paranoiden Aluhut zu werden?
Richter: Man muss keine Verschwörung zusammenfantasieren, um zu erkennen, dass mit der Massenüberwachung eine Art transnationaler Staat im Staat entstanden ist, bestehend aus einer ungesunden Verschmelzung von Geheimdiensten, Militär und großen Konzernen. Dieser Komplex hat eine eigene Dynamik, angetrieben von Macht- und Geldinteressen. Und dieser Überwachungsapparat, der sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht, ist wie ein riesiges Krebsgeschwür, das alle Ressourcen abzieht. Julian Assange hat das mit HIV verglichen: Bei einer normalen Krankheit funktioniert das Immunsystem ganz von allein. Es erkennt eine Infektion und bekämpft sie mit einem Gegenangriff aus Fieber, Antikörpern und weißen Blutkörperchen. HIV dagegen greift die T-Zellen an, und damit das Immunsystem selbst. Es ist ein Virus, der das angreift, was ihn bekämpfen soll. Das Internet und die Massenüberwachung sind insofern damit vergleichbar, als wir es mit einer Art Infektion des Denksystems der ganzen Menschheit zu tun haben, der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit sich selbst kommuniziert, wie wir alle denken. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir in einer bastardisierten, formalen Demokratie leben, die sich rasend schnell in einen totalitären Überwachungsstaat verwandelt. Um das zu erkennen, muss ich nicht paranoid sein, sondern nur realistisch.

uMag: Wie überblickst du als Künstlerin überhaupt das Problemfeld? Du kannst doch gar nicht das technische, juristische, kulturelle Wissen haben, um dich da zurechtzufinden?
Richter: Ich muss nicht im Dreißigjährigen Krieg gelebt haben, um ein Stück darüber zu machen. Der Text von "Supernerds" ist eine Essenz aus Gesprächen mit den Whistleblowern Daniel Ellsberg, Edward Snowden, Bill Binney, Jesselyn Radack und Thomas Drake, den Anwälten Ahmed Ghappour und Ben Wizner sowie mit Julian Assange, Jacob Appelbaum und diversen Cryptografen, Programmierern und Hackern. Ich habe auch den Hacktivisten Jeremy Hammond und den Journalisten Barrett Brown interviewt, die beide in den USA im Gefängnis sitzen. Außerdem habe ich viel Zeit auf Internetkonferenzen verbracht, der HOPE in New York, dem jährlichen Chaos Communication Congress in Hamburg und der Telekom Cyber Securtity Summit in Bonn, der die Perspektive des Establishments repräsentiert. Die Aufgabe ist, daraus eine Essenz zu gewinnen, die jeder versteht, die aber trotzdem nicht zu unterkomplex sein darf. Längst geht es mir nicht nur darum, Kunst zu machen - mein Ziel ist gute Propaganda.

uMag: Manchmal denke ich: Ach, ich kapituliere einfach. Ich gebe all meine Daten raus, soll doch jeder damit machen, was er möchte. Oder sollte ich mich besser nochmal aufraffen?
Richter: Im Zweifel für den Zweifel. Deine Daten sind zwar sowieso längst vogelfrei, aber das heißt nicht, dass man sich nicht wehren kann. Wenn du sicher sein willst, dass keiner deine Liebesbriefe liest, dann verschlüssle Deine Mails mit PGP, Pretty Good Privacy. Cryptoschlüssel zu tauschen mit denen, die einem wichtig sind, ist heute die vornehmste Pflicht. Und ist PGP einmal installiert, dann geht das ganz leicht. Die Geeks vom Chaos Computer Club sind da sehr hilfsbereit. Es gibt auch in jeder Stadt Cryptoparties, die einem sowas ganz genau erklären, so dass man dem Ganzen nicht hilflos ausgeliefert ist. Verschlüsselte Mails zu verschicken ist ein tolles Gefühl von wiedergewonnener Freiheit, ich kann es nur empfehlen! Genauso wie Chatten mit OTR-Verschlüsselung, einfach zu bewerkstelligen zum Beispiel mit Jabber. Cryptografie und Misstrauen in das vorgegebene System der Konzerne und Skepsis gegenüber Selbstverständlichkeiten der Software sind der erste Schritt zur Selbstermächtigung. Und was das Abdriften unserer hart erkämpften Demokratie in eine totalitäre "Brave New World" angeht: Wer noch einen Funken Leidenschaft in sich trägt, dem kann das nicht egal sein!

Checkbrief

NAME Angela Richter
BERUF Theaterregisseurin
GEBOREN 1970 in Ravensburg
LEBT IN Berlin und Köln
ARBEITET FEST als Hausregisseurin am Schauspiel Köln
MACHTE ZULETZT FREI Stücke über Julian Assange, Maxim Biller und die Berliner Kunstszene
AKTUELLES PROJEKT „Supernerds“, ab 28. 5. im Depot Köln, flankiert von einer Fernsehsendung im WDR und auf einfestival sowie der Website supernerds.tv