Foto Kristine Bilkau - AUF ENGSTEM TRAUM
Foto: © Thorsten Kirves
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AUF ENGSTEM TRAUM

Mit ihrem Romandebüt zeigt Kristine Bilkau, wie zerbrechlich das bürgerliche Leben ist. Was natürlich nicht jedem passt.

Interview: Lasse Nehren

uMag: Kristine, mit deinem Debütroman "Die Glücklichen" schaffst du es, am Beispiel des jungen Paares Isabell und Georg die Ängste eines gutbürgerlichen Milieus greifbar zu machen. Um ein Gefühl der Zugehörgkeit nicht zu verlieren, hält man sich da auch mal an Oberflächlichkeiten wie etwa ausgewählten Lebensmitteln fest ...
Kristine Bilkau: Aus der Sicht von Georg, der Sehnsucht hat, damit zu brechen, wird das Ganze zu einer Karikatur. Aber ich fand auch wichtig, dass es die andere Sicht gibt, von Isabell, die sagt: Es ist eben keine Karikatur, es ist deine Nachbarschaft, und du gehörst dazu. Egal, welche Nachbarschaft das ist, es ist ein soziales Umfeld, das uns trägt. Es ist total leicht, darüber die Nase zu rümpfen, "oho, teure Brötchen" - aber das trifft nicht den Punkt, denn wir alle hängen an unserem Umfeld.

uMag: Gerade die eigenen vier Wände werden für ein Sicherheitsempfinden anscheinend immer wichtiger ...
Bilkau: Natürlich wird man nervös und instabil, wenn man mit dem Bewusstsein lebt: Dieses Jahr kann ich mir die Wohnung noch leisten, vielleicht auch noch nächstes Jahr, aber übernächstes, bei der dritten Mieterhöhung, war's das dann. Das ist ein schreckliches Gefühl. Man kann leicht sagen, das ist ein Luxusproblem - aber das ist es nicht.

uMag: Bei all der ohnehin präsenten Unsicherheit wagt man gar nicht, etwa den eigenen Job infrage zu stellen - obwohl die äußeren Umstände das eigentlich ständig verlangen.
Bilkau: Das stimmt, es wird ein unglaublicher Gedankendruck erzeugt. Das ist permanenter Stress, und ich glaube, das ist uns gar nicht so bewusst, sondern einfach etwas, woran wir uns gewöhnt haben. Es ist Teil unseres Lebens, dass wir alles hinterfragen, die Optionen durchgehen und außerdem das Gefühl haben, dass auch die anderen uns hinterfragen. Dass ständig eine Beurteilung stattfindet. Und ich glaube, das hat stark zugenommen.

uMag: Geht uns aufgrund fortschreitender Durchdigitalisierung tatsächlich die Fähigkeit zu entschleunigen verloren?
Bilkau: Es wirkt so abgedroschen, auf der Digitalisierung rumzukauen - aber natürlich ist es das nicht, weil sie einfach der größte Turbo für unsere Gesellschaft ist. Jobs verschwinden, Jobs verändern sich... Meine Figuren sind gewissermaßen vorläufig die Verlierer der Digitalisierung: Isabell lebt mit dem Bewusstsein, dass Orchesterstimmen digital ersetzt werden können, Georg arbeitet in einer Branche, die noch nicht wirklich eine Antwort auf die Digitalisierung gefunden hat.

uMag: In Diskussionen über Lebensmodelle stellt man immer wieder fest, wie wenig handreichender Austausch betrieben wird - so mitunter auch in der Reaktion auf Besprechungen deines Romans ...
Bilkau: Einige Reaktionen habe ich auch gelesen, und ich fand interessant, dass etwas, das sehr ausgeprägt ist, diese Selbst-Schuld-Mentalität ist: "Wenn die meint, Musikerin sein zu müssen ..." oder "Geisteswissenschaftler, selbst schuld". Da bestätigt sich, dass die Wahrnehmung untereinander ganz schön verhärtet ist. Wie schrecklich: selbst schuld, wenn du eine falsche Entscheidung getroffen hast, selbst schuld, wenn du einen Fehler gemacht hast, selbst schuld, wenn du versucht hast, einen Traum zu verwirklichen. Das ist gerade der Grund, warum meine Figur mit den Händen zittert, ohne zu wissen, warum.

uMag: Wie empfindest du derlei Reaktionen?
Bilkau: Dieser Ausspruch, "selbst schuld", ist total kontraproduktiv. Weil, wenn alle nur noch erfolgreiche, ökonomisch sichere Berufe ergreifen, was wird denn dann? In so einer Gesellschaft will ich auch nicht leben: in der nur noch die Leute scheitern dürfen, die etwas Solides gelernt haben. Diese Denkmuster funktionieren ja auch gar nicht. Deswegen bewundere ich es sehr, wenn Leute sich entscheiden, eine Dissertation zu schreiben, sich da reinbegeben, ohne zu wissen, was sie dafür kriegen.

uMag: Das Prekariat ist für die Protagonisten deines Buches keine Realität, sondern stetig präsente Angstvorstellung. Viele nehmen das nicht ernst - und reagieren mit dem Vorwurf, es fehle an Widerstandsfähigkeit.
Bilkau: Ein bisschen ist das auch so, würde ich sagen. Wenn ein hoher Glücksanspruch herrscht, ist natürlich die Bereitschaft, Krisen anzuerkennen und sie auch zu bewältigen, erst mal nicht so hoch. Interessant wäre zu fragen, warum das so ist. Wie sind die aufgewachsen? Eben sehr behütet. Mit was für Problemen mussten sie sich überhaupt schon auseinandersetzen? Eigentlich mit nicht so vielen. Diese gesellschaftlichen Herausforderungen sind kaum wahrnehmbar für viele, weil sie als selbstverständlich angenommen werden: dass der Arbeitsmarkt eben nicht so zugänglich ist, dass alles sehr brüchig ist, befristet und unsicher. Dass der Leistungsdruck und das Konkurrenzdenken sich weiter verschärfen werden. Wer will sich da noch Fehler erlauben und selbst zum Unsicherheitsfaktor werden?

Checkbrief

CHECKBRIEF
NAME Kristine Bilkau
BERUF Schriftstellerin, Journalistin
GEBOREN 1974
WOHNT IN Hamburg
ERFOLGE Finalistin des Berliner Literaturwettbewerbs open mike (2008); Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin (2009) sowie des Künstlerdorfes Schöppingen (2010); „Die Glücklichen“ erhielt den Hamburger Förderpreis für Literatur (2015)
DEBÜTROMAN „Die Glücklichen“ ist das Porträt eines Paares Mitte dreißig: Die Cellistin Isabell und der Journalist Georg leben mit ihrem neugeborenen Sohn Matti in Hamburg. Als Isabell aufgrund eines nicht in den Griff zu bekommenden Tremors vorläufig arbeitsunfähig wird und Georgs Job der Journalismuskrise anheimfällt, gerät das gesicherte Leben der jungen Familie ins Wanken. Ihre Angst vor dem Prekariat sowie den Umgang mit dem damit verbundenen Druck erfasst und beschreibt Bilkau realitätsnah und präzise.
LESUNGEN 28. 5. + 21. 7. Berlin, 31. 5. + 19. 7. Hamburg, 18. 6. Erlangen, 23. 7. Krefeld