Foto 100 zornige Zeilen - DIE SORGLOSE MASSE
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DIE SORGLOSE MASSE

Bald stehen wir alle splitternackt da, vor der ganzen Welt. 100 zornige Zeilen gegen die Naivität, mit der die Fans des Web 2.0 sich selbst entblößen.

Von Don Alphonso

Foto: tschanga/www.photocase.com

Herr S. ist Rentner und vermietet in meiner oberbayerischen Heimat Wohnungen an Studenten, wie alle in der pittoresken Altstadt - und er ist Profiteur des so genannten "sozialen Web". Im Sommer sprach er mich an. Ob ich denn wüsste, was StudiVZ sei. Da müsste ich reinschauen und nach meiner Mieterin A. suchen, da seien Fotos von ihren wüsten Parties drin. Er und andere Hausbesitzer würden da genau nachsehen, und so was wie meine Mieterin käme ihnen nicht ins Haus.

Herr S. kennt vom Internet kaum mehr als seine Startseite. Aber der CSU-wählende Rentner versteht was vom Schnüffeln - und mehr von den Möglichkeiten sozialer Netzwerke als die meisten Nutzer vom Schutz ihrer Privatsphäre. Kein Argument hat besagte A. bisher davon überzeugen können, dass Internetbilder von ihr mit 40 leeren Tequilagläsern unklug sind. Und ich frage mich: Sind Leute wie A. nur blöd, oder werde ich alt?

Bloggerin K. ist andererseits auch kaum jünger als ich, hat als Bloggerin gelernt, sich zu schützen, und kennt die Grenzen zwischen privat und öffentlich gut. Seit einem Jahr ist sie bei einem Projekt, das eher schlecht läuft. Ihren täglichen Frust und die technischen Probleme beschreibt sie täglich per Handy mit wenigen Worten bei Twitter im Internet. Diese Plattform ist prima geeignet für den Wutausbruch zwischendurch - und ein Segen für die neugierige Konkurrenz. Für S., der Pharmakonzerne berät, ist das sorglose Geschnatter bei Twitter eine wunderbare Quelle zum Ausspähen gegnerischer Manager. Per Lokalisierungsdienst Places veröffentlichen viele, wo sie gerade sind, und beim Reisenetzwerk Dopplr stehen ihre Reisepläne, nachzulesen von Freund, Feind - und Einbrecher.

All diese Angebote sind hübsch bunt, Tamagotchis für Onliner, und wer cool sein will, ist überall dabei: hier die Flickr-Bilder, da die Amazon-Wunschliste, Facebook, verwandt.de - und dann kommen Schnüffeldienste wie Yasni.de und klatschen das alles zu einem Profil zusammen, für jedermann mit einem Klick abrufbar, weltweit. Was wurde eigentlich aus den guten alten Zeiten, als Bankierstöchter nur im Suff nackt vor den Freunden auf der Geburtstagsparty tanzten?
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Das alles tun intelligente Menschen heute öffentlich. Sie wären gern eine kritische Masse, engagieren sich auf ihren Blogs gegen die Vorratsdatenspeicherung, sie wollen nicht als Ziel für Werbung herhalten, und wenn ein Medienkonzern kostenlos ihre Texte abgreifen will, dann fühlen sie sich betrogen. Alles andere, ihre Gefühle, ihre Erlebnisse, ihre Freunde, ihr Leben, vertrauen sie gedankenlos Firmen an, die umfassende Datensätze über sie besitzen, besser als alles, was die Gestapo und Stasi je hatten.

Jene Firmen, die damit einen schmalen Werbemarkt beackern, sind Zuhälter 2.0; sie kümmern sich einen Dreck um den Datenschutz ihrer Nutzer. Warum auch? Je mehr sie wissen, desto gezielter können sie Werbeflächen verkaufen. Jede Zurückhaltung wäre schädlich. Den Tequilahändler freut es, wenn er erfährt, dass meine Mieterin A. seine Produkte schätzt, und was Herr S. rumtratscht, nun, das ist allein ihr Problem.

Vorläufiger Höhepunkt ist das Startup 23andme, das für 999 Dollar eine Genprobe analysiert und im Internet durchsuchbar macht: auf Erbkrankheiten, Gesundheitsrisiken und Verwandtschaft. 23andme prüft dabei allerdings nicht nach, von wem die Probe ist. Bei solchen Chancen wäre einem Mengele einer abgegangen. Auch Versicherungen, Innenminister, Polizei, Firmen und Stalker könnten großen Gefallen daran finden. Finanziert wird dieser Albtraum unter anderem von Google. Zum Start in Europa hatte 23andme schon die poppig bunten Proben zum Bespucken parat - und gut versteckte Datenschutzbestimmungen, in denen davon die Rede ist, manche Informationen auch an Dritte weiterzugeben, natürlich nur "zu wissenschaftlichen Zwecken".

Mein Herr S. jedenfalls hätte sicher nichts dagegen, wenn künftige Mieter ihre Genanalyse im Web hinterlegen, um ihr gesundes Ariertum 2.0 zu belegen.



Foto: privat

[*Rainer Meyer*] alias Don Alphonso: geboren 1967, seit 1998 eher zufällig Journalist; Deutschlandkorrespondent und Büroleiter des Aufbau NY, seit 1999 auch Radiomacher für die IKG München und Oberbayern, damit zweimal Gewinn des alternativen Medienpreises. Seit 2001 Mitarbeit bei www.dotcomtod.com, dem ehemals führenden Anbieter für exitorientierte Unternehmensmeldungen, der 2002 den alternativen Medienpreis erhielt. Auf Basis dieser Erfahrungen entsteht der 2003 veröffentlichte Roman "Liquide", der das Leben, Arbeiten und Sterben von Liquidatoren in der Munich Area beschreibt. 2004 erschien das mit Kai Pahl herausgegebene Standardwerk über die Blogkultur "Blogs!". Daraus geht das bekannte Metablog Blogbar.de hervor. Seit 2003 Autor des Blogs "Rebellen ohne Markt", das sich mit den Folgen des Niedergangs der digitalen Wirtschaft und ihrer verlorenen Generation auseinandersetzt.

[*Linktipps*]
Ein Beitrag im NDR-Magazin Zapp zu diesem Thema

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