Foto Jana Schulz - PRIVATE REBELLIN
Foto: Gianni Occhipinti
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PRIVATE REBELLIN

Ohne es zu merken, stellt Schauspielerin Jana Schulz blöde Weiblichkeitsklischees in Frage. Ein Treffen mit der passivsten Feministin der Welt.

Von Juliane Rusche und Falk Schreiber

Jana Schulz ist eine schöne Frau. Sie hat ein zartes, schmales Gesicht mit einer kleinen Nase, feinen Augenbrauen und einem Mund, auf den man gerne draufküssen würde, einfach so. Beim Interview in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses sieht sie trotzdem eher aus wie ein trotziger Schuljunge: Zu einem ausgewaschenen XXL-Kapuzenpulli trägt die 31-Jährige fleckige Jeans und Turnschuhe, ihre kurzen blonden Haare stehen wild in alle Himmelsrichtungen ab, sie ist ungeschminkt, hat verquollene Augen, und auf ihren Fingernägeln sieht man die Reste eines nachlässig entfernten schwarzen Nagellacks. Obendrein hängt sie mehr am Tisch, als dass sie sitzt - ihr dahingelümmelter Körper drückt verstockte Ablehnung aus. Doch das Gespräch mit ihr geht von Anfang an ans Eingemachte.

U_mag: Jana, wie würdest du dich selbst als Schauspielerin beschreiben?
Jana Schulz: (überlegt) Ich würde sagen, dass ich eine eher unbewusste Schauspielerin bin.
U_mag: Was meinst du damit?
Schulz: Wenn ein neues Stück anfängt, nehme ich mir nichts vor - außer dass ich mich auf meine Figur konzentrieren und versuchen will, da so wahrhaftig wie möglich zu sein. Um mal ein Beispiel zu nennen: In "Minna von Barnhelm" habe ich zwar den Major von Tellheim gespielt, aber ich habe mir nie vorgenommen, einen Mann zu spielen. Ich habe nie recherchiert: Wie sind die Männer denn so, wie bewegen sie sich, wie sprechen sie?
U_mag: Sondern?
Schulz: Ich mache das eher instinktiv, es ist mein Empfinden, wie die Figur sein soll. Das hat viel mit mir selbst zu tun. Ich hab mich selbst immer als sehr androgyn empfunden, so ein bisschen zwischen den Geschlechtern und vielleicht sogar mehr hin zum Männlichen. Deswegen hat es für mich viel mehr mit Verkleidung zu tun, so Extremfrauen zu spielen - herausgeputzte Frauen mit körperbetonter Kleidung und Stöckelschuhen. Ich habe das Gefühl, dass das Männliche mir da näher ist.

Keine zwei Minuten nach Interviewbeginn haut Jana Schulz einem intime Geständnisse um die Ohren, die einzufordern man sich nie getraut hätte. Klar hätte man sie im Laufe des Gesprächs darauf angesprochen, dass ihre Theaterrollen am Hamburger Schauspielhaus stets solche sind, die männliche und weibliche Charakteristika unkonventionell miteinander vereinen: In "Die Helden auf Helgeland" mimt Schulz eine von Hass zerfressene Furie, die zum schwertschwingenden Racheengel mutiert, in "Dorfpunks" kotzt sie sich als Kleinstadtabschaum die Seele aus dem Leib und verschiebt in der ultrarealistischen Inszenierung von "Spieltrieb" die Machtverhältnisse, indem sie als Schülerin ihren Lehrer verführt. Man hätte sie auch gefragt, ob sie kein Problem damit hat, dass niemand auf die Idee kommt, sie einfach mal ohne Hintergedanken als wunderschöne und absolut weibliche Frau zu inszenieren. Die Antwort nimmt Jana Schulz vorweg: Was allgemein als typisch weiblich verstanden wird, irritiert sie sowieso und hat mir ihrer Selbstwahrnehmung nichts zu tun.

U_mag: Mit dem Gefühl, dass dir das Männliche näher ist, bist du prädestiniert fürs Theaterspielen, oder?
Schulz: Beim Film würde ich vielleicht nur Lesbenrollen angeboten bekommen. Weil die Klischeelesbe taff ist, männlich.
U_mag: Du meinst: Beim Film ist alles oberflächlicher.
Schulz: Schon. Wobei gleichzeitig natürlich Wert darauf gelegt wird, dass es Charakterdarsteller wie Philip Seymour Hoffman gibt, die nicht irgendeinem Ideal entsprechen.
U_mag: Philip Seymour Hoffman ist ein Mann. Niemand fordert nach Charakterdarstellerinnen.
Schulz: Stimmt. Das hat vielleicht etwas mit der untergeordneten Rolle der Frau zu tun. (lacht)

Es ist die einzige auch nur annähernd politische Aussage, die sie trifft - und die sie mit ihrem rauen Lachen gleich wieder als belanglos abtut. Jana Schulz ist kein Stück politisch. Hinter ihrer Verweigerung, sexy Klamotten oder Make-up zu tragen, steckt keine Kampfansage an blöde Weiblichkeitsklischees. Schulz ist einfach nur körperlich: Sie fühlt sich nicht wohl im tiefdekolltierten Kleidchen. Sie mag sich keine Schminke ins Gesicht schmieren. Sie mag unauffällig sein und gemütliche Schlabberpullis tragen. Würde sie nicht ständig Negativfeedback bekommen - sie würde nicht mal darüber nachdenken, ob ihr Auftreten nun unweiblich ist oder nicht.

U_mag: Nervt es dich nicht, dass es so eine festgefahrene Vorstellung davon gibt, was weiblich ist?
Schulz: Speziell bei Figuren in Stücken oder Filmen?
U_mag: Nein, im Alltag! Wo man, wenn man die Anforderungen an Weiblichkeit nicht erfüllt, als burschikos abgestempelt wird.
Schulz: Es ist schon so! Und ich bin ja weiblich. Wenn ich nackt bin, sieht man es ganz eindeutig.
U_mag: Es ist auch so eindeutig.
Schulz: Und es ist ja auch nicht so, dass ich es verleugnen würde. Aber für mich ist es einfach nicht so, dass ich in Stöckelschuhen herumlaufen oder ein Kleid anhaben muss, um zu wissen, dass ich eine Frau bin. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass von außen oft anders gedacht wird. Ich hatte mal eine Freundin, die versucht hat, mich weiblicher zu machen. Sie ist mit mir Klamotten einkaufen gegangen - andere Klamotten als die, in denen ich mich wohl fühle. Die hat zum Beispiel auch so gedacht. Mich hat das total verwundert, weil ich immer dachte: Aber ich bin doch eine Frau! Egal was ich anziehe. Aber es scheint diese Klischees zu geben. Typische Geschlechterrollen, die man so präsentieren muss.

Jana Schulz entzieht sich einer in Schwarz-Weiß gezeichneten Welt, in der es das Männliche auf der einen und das Weibliche auf der anderen Seite gibt. Weil sie es ganz undogmatisch tut, hat ihre Verweigerung nichts mit anstrengendem Latzhosenfeminismus zu tun. Das kann man doof finden - weil die Erkenntnis, dass in den Köpfen viel zu vieler Menschen einengende Geschlechterbilder verankert sind, nur dann einen Wert hat, wenn sie Aktionismus und Rebellion auslöst. Andererseits: Schulz rebelliert ja. Nur eben nicht im Namen anderer, sondern ganz alleine für sich selbst. Für ihr persönliches Wohlbefinden.

U_mag: Viele deiner Theaterrollen beinhalten Nacktszenen. Wie geht es dir damit, dich ohne schützende Kleidung vor ein Publikum zu stellen?
Schulz: Ich bin eigentlich total schamvoll. Aber gerade bei der Schauspielerei empfinde ich viele Dinge auch als eine Art Herausforderung, da überschreitet man oft persönliche Grenzen. Und Scham hat natürlich auch etwas damit zu tun, ob man sich so respektiert, wie man ist. Wenn man sich unwohl fühlt in dem, wie man gebaut ist, wie man ist - dann hat man auch ein Problem, sich nackt zu zeigen. Das kenne ich auch.
U_mag: Ja?
Schulz: Klar. Manchmal fühlt man sich unwohler in sich selber, und dann hat man mehr so einen Fokus auf sich.
U_mag: Lässt du diesen Fokus denn zu? Oder ist es eher so, dass du das ganz schnell wegdenken musst?
Schulz: Wenn ich merke, dass ich mich selbst beobachte, versuche ich eher, das zu akzeptieren. Man weiß ja, dass man so aussieht - dass man zum Beispiel Cellulite hat. In dem Moment, wo dir das aber plötzlich etwas ausmacht, obwohl du es ja schon die ganze Zeit weißt, sagt es ja letztlich nur etwas über dich selbst und deine Tagesform aus.

Es gibt viele Theatergänger, Männer und Frauen, die sich Stücke nur deshalb angucken, weil Jana Schulz mitspielt. Sie ist der Star des Hamburger Schauspielhauses - nicht trotz, sondern wegen ihrer unbedingten, radikalen und extremen Art. "Ist das so?", fragt sie und lacht unsicher. Es ist so, und ganz indirekt macht es Jana Schulz natürlich doch politisch. Man stelle sich vor, ein paar der Männer und Frauen da draußen würden sich ein Vorbild an ihr nehmen. Würden ihre Klamotten ebenfalls einzig danach aussuchen, ob sie sich in ihnen wohlfühlen. Würden auch nicht darüber nachdenken, ob sie damit nun ein bestimmtes Männer-, Frauen- oder Sonstwasbild bedienen. Würden scheinbare körperliche Makel nicht bekämpfen, sondern hinterfragen. Es wäre eine Revolution, so heimlich, still und leise, dass keiner sie bemerken würde. Alle wären einfach nur ein bisschen glücklicher.

Eine Utopie, die man mit Jana Schulz freilich nicht diskutieren kann. "Na ja, wenn die Leute sich dann wohlfühlen und ihre Ruhe haben würden, warum nicht?", würde sie achselzuckend kommentieren. Die passivste Aktivistin der Welt.

Check-Brief

Name: Jana Schulz
Beruf: Schauspielerin
Alter: 31
Geburtsort: Bielefeld
Wohnort: Hamburg
Bekam mal den Ratschlag: anstelle von Schauspiel doch besser Regie zu studieren - weil sie so unweiblich wirke
Vor Kurzem zu sehen: im Kinofilm "Ghosted"
Demnächst zu sehen: im Theaterstück "Käthchen von Heilbronn": ab 28. 5. am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Trailer zu "Käthchen von Heilbronn"