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Donnerstag 02 | 09 | 2010





Foto Gustav | Dillon | Micky - PSEUDOJUNGS
music | Storys | Gustav | Dillon | Micky

PSEUDOJUNGS

Wenn Mädchen Männernamen tragen, sagt das viel über sie aus - oder doch nicht? U_mag flaniert mit den Sängerinnen Gustav, Dillon und Micky durchs verminte Gelände der Geschlechterrollen.

Von Matthias Wagner
Mitarbeit: Josephine Eberhardt und Katharina Behrendsen


Wer Gustav unvorbereitet begegnet, wundert sich über sein feminines Wesen. Zwar ist der 29-Jährige durchaus burschikos, doch bei ihm ist Nomen kein Omen, denn er ist eine Frau. Frauen mit Männernamen, die den Pop aufmischen, gibt es zurzeit gleich drei: neben Gustav noch Micky Green und Dillon. Was soll das - wollen sie die Geschlechterfrage endgültig als egal erklären?

Micky Green tut das eher nicht. Die weißblonde Australierin ist 24 und gerade dabei, aus einem Hamburger Hotelfenster zu steigen - auf zehn Zentimeter hohen Highheels. "Darf ich schnell eine rauchen?", fleht sie mit Jolie-haftem Schmollmund und Bassetblick. Warum nicht. Vorm Fenster gähnt zum Glück kein Abgrund. Eine Art Dachgarten umrahmt ein Oberlicht. Bestimmt darf man da nicht drauf, doch Micky ist das schnurz. Der Schmacht ist stärker.

Sie komponiert schmissigen Songwriterpop, ihre Texte schreibt sie meist unterwegs, in Flugzeugen, Absteigen, Wartehallen. Eigentlich heißt die deutschstämmige Sängerin Michaela, doch in Australien ist das ein Zungenbrecher, dort nennt sie jeder Mick. "Klingt schon sehr männlich", gibt Green zu, "aber auch mysteriös. Und spannend." Sie war Model, bevor sie Popstar wurde, sie hat eine heisere Lache und wuschelt sich ständig den Scheitel von links nach rechts. Für theoretische Überlegungen zu Geschlechterrollen ist sie nicht zu haben. Nein, sie ist eine Frau der Praxis, hängt gern mit Kerlen ab und erfreut sich an Pornos von Snoop Dogg. Klar hatte sie als Kind auch Barbiepuppen - "aber ich habe sie zu kunterbunten Punkerbarbies mit Iro umgestylt", kichert sie.

Von Dillon ist derlei nicht überliefert. An der 19-Jährigen aus Köln ist alles braun, die Haare, die Augen. Und sie mischt gerade die Szene mit Laptoppop auf, der wild zwischen Techno, Peaches und HipHop herumturnt. Auf ihrer Homepage sieht man Bücherstapel, und wenn man auf den Titel "Ein gerissener Kerl" klickt, kommt man auf eine Unterseite mit ihren zwei Singles; die neuste heißt "Ludwig". Ständig spielt sie mit Identitäten - mit Nomen, die doch keine Omen sind.

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Unser aller Selbstbild wird von den Namen beeinflusst, die wir tragen, und wer sich "Dillon" nennt, fühlt sich vielleicht ein bisschen weniger feminin als eine Marilyn. "Als ich zur Grundschule ging", sagt Dillon, "war ich sehr verunsichert, denn die Mädchen in meiner Klasse hießen Laura, Sina, Janka, Alicia und Theresa. Ich wollte auch einen Namen haben, der mit a aufhörte. Nach einigen Jahren verflog das Verlangen nach einem a, und ich begann meinen eigenen Namen zu mögen. Ich fühle mich kein bisschen weniger feminin."

In ihrem Pass steht Dominique Dillon de Byington. Klingt wie Musik. Doch sie läuft als Dillon durch die Welt und nicht als Dominique. Vielleicht möchte sie sich gern tougher fühlen, als sie ist. "Ich bin mir sicher, es gibt mindestens genauso viele toughe Tiffanys wie Spencers", grummelt sie. "Es gibt Momente, in denen ich mich unbesiegbar fühle, es gibt Momente, in denen fühle ich mich unfassbar schwach und zerbrechlich. Und das hat wenig mit meinem Namen zu tun."

Während Micky Green die Geschlechterfrage frohgemut löst, indem sie sich schlichtweg gibt wie ein Kerl, schätzt Dillon gerade die verwischten Grenzen. "Ich mag Jungs, die wie Mädchen aussehen", sagt sie, "und Mädchen, die wie Jungs aussehen. Stimmen, die man nicht unterscheiden kann. Und Düfte, die für Unklarheit sorgen."

Nicht nur da ist sie nah bei Gustav, auch musikalisch. Gustavs Eltern wünschten sich einen Sohn, der Name stand schon fest. Doch raus kam sie - und statt sich zeitlebens zu grämen, gab sich die Feministin den ungebrauchten Namen selbst. So bekamen Papa und Mama doch noch ihren Gustav und Eva ein Pseudonym. Seither huscht sie hin und her zwischen Genres und Geschlechterrollen, programmiert Protestsongs auf dem Schlepptop, lässt alles auf- und ineinanderkrachen: Frickeleien und Humptata, Cross und Gender, Gustav und Eva.

Gustav live beim Donaufestival in Krems 2008


Und warum auch nicht. Namen sind nur Schall und Rauch. Es gilt mehr denn je, was Rio Reiser einst sang: Dein Name ist Mensch. Dafür sorgen auch die Pseudojungs Gustav, Micky und Dillon. Gerade die.



Check-Briefe



Name Eva Jantschitsch alias Gustav
Geboren 1978 in Graz
Berufe Sängerin, Songwriterin, Multiinstrumentalistin
Anfänge Begann als Kind Geige, Flöte, Akkordeon, E-Gitarre, Xylophon, Klavier, Synthesizer und andere Instrumente zu traktieren
Lebt in Wien
Aktuelles Album "Verlass die Stadt"
Größter Erfolg der Song "Rettet die Wale"




Name Dominique Dillon de Byington alias Dillon
Geboren 1989 in Brasilien
Berufe Sängerin, Songwriterin, Pianistin
Anfänge Begann mit vier Ski zu fahren
Lebt in Berlin und Köln
Aktuelle Single "Ludwig"
Größter Erfolg Single "C unseen Sea"




Name Michaela Gehrmann alias Micky Green
Geboren 1984 in Sydney
Berufe Model, Sängerin
Anfänge Schrieb schon als Kind Songs und nahm sie mit dem Computer auf, wobei sie Stifte als Schlagwerkzeug benutzte
Lebt in Sydney, davor in Paris
Aktuelles Album "White T-Shirt"
Größter Erfolg die Single "Oh!"




14.07.2008






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