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Foto Armistead Maupin - DIE STADTNEUROTIKER
> Armistead Maupin

DIE STADTNEUROTIKER

"Manchmal bestimmt die Aussicht auf einen Fick jede Handlung": Noch immer durchschaut uns niemand besser als "Stadtgeschichten"-Autor Armistead Maupin.

Interview: Carsten Schrader

[*U_mag*]: Mr Maupin, wer anfängt, die "Stadtgeschichten" zu lesen, kann nicht mehr aufhören. Selbst heute noch werden junge Leser von der Buchserie angefixt, in der eine Gruppe Twentysomethings im San Francisco der 70er- und 80er-Jahre nach Glück und sexueller Orientierung sucht. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
[*Armistead Maupin*]: Vielleicht liegt es an der Ausgewogenheit. Alle meine Figuren werden von zwei Elementen bestimmt: Sie wollen sich verlieben, sehnen sich nach dem großen Gefühl, sind romantisch und zelebrieren mit gebührendem Pathos ihr Leid, wenn sie ihre idealisierte Vorstellung nicht umsetzen können oder den Menschen verlieren, mit dem sie ihren Wünschen sehr nah gekommen sind. Auf der anderen Seite sind sie einfach geil. Manchmal bestimmt die Aussicht auf einen Fick jede Handlung. Sie lassen sich von kleinen schmutzigen Fantasien derart anturnen, dass sie mitunter sogar bereit sind, ihr eigenes Glück zu torpedieren. Sie gehen fremd, obwohl sie verliebt sind und vielleicht in einer glücklichen Beziehung stecken. Diese beiden Aspekte kenne ich aus meinem eigenen Leben nur zu gut. Und wenn wir ehrlich sind, ticken wir alle so. Also ist es für mich nur logisch, dass ich das als Grundgerüst all meiner Charaktere gewählt habe.

[*U_mag*]: Obwohl alle Figuren zu speziell, zu abgedreht und neurotisch sind, um sich mit ihnen zu identifizieren, möchte man als Leser unbedingt Teil des Freundeskreises sein, der in der Barbary Lane 28 lebt. Sie nennen einen solchen Kreis die logische Familie und grenzen ihn von der biologischen Familie ab.
[*Maupin*]: Diese Unterscheidung ist wichtig. Seine logische Familie sucht man sich selbst aus. Das sind die Leute, die man nachts anruft, wenn es einem schlechtgeht. Von denen man weiß, dass sie im Notfall für einen da sind. Vor denen man sich nicht verstellen muss und so sein kann, wie man ist. Viele Schwule wissen sehr genau, wie es ist, wenn man einen großen Teil seiner Persönlichkeit vor der biologischen Familie verbergen muss. Aber das betrifft nicht nur Schwule. Ich glaube niemandem, der behauptet, er könne seiner biologischen Familie wirklich alles so anvertrauen wie der logischen Familie.

[*U_mag*]: Ist es ein Zeichen dafür, dass man erwachsen ist, wenn man seine logische Familie gefunden hat?
[*Maupin*]: Man muss die logische Familie schon unabhängig von der Loslösung vom Elternhaus sehen. Sicherlich gibt es da Querverbindungen, aber keine notwendigen Kausalitäten. Es geht doch immer darum zu differenzieren. Wer erzählt schon einer Person wirklich alles? Für verschiedene Bereiche unseres Lebens haben wir verschiedene Ansprechpartner, und das ist auch gut so. Kritisch wird es, wenn ich etwa meinen Partner, den ich liebe, vor meiner biologischen Familie verheimlichen muss. Ob aber die biologische Familie wissen muss, welche Sextoys man gerade mit seinem Partner verwendet, muss jeder für sich selbst entscheiden.

[*U_mag*]: Nach 20 Jahren Pause schreiben Sie die "Stadtgeschichten" jetzt mit dem siebten Teil weiter. So wie Sie selbst auch hat eine Ihrer Hauptfiguren inzwischen ihren Partner geheiratet. Ist das nicht ein Rückschritt? Nach dem progressiven Lebensmodell der logischen Familie kehren Sie zum traditionellen Partnerschaftsmodell mit lebenslangem Treueschwur zurück.
[*Maupin*]: Zunächst einmal ist es wichtig, dass jeder die gleichen Rechte hat. Wenn Heteros heiraten dürfen, warum dann nicht auch Schwule? Ob man damit auch Traditionen übernimmt, die sich längst überholt haben, liegt ja an jedem selbst. Mir war bei meiner Hochzeit die Gleichberechtigung sehr wichtig. Gleichzeitig habe ich es als ein wunderschönes Symbol meinem Partner gegenüber gesehen. Deswegen muss man noch lange nicht an die Monogamie glauben. Auch Ben und Michael führen ja in der Serie eine offene Beziehung. Es ist ausgemachte Sache, dass auch außerhalb der Ehe Sex stattfindet. Aber es gibt einen bestimmten Bereich, der unantastbar ist und der diese Ehe rechtfertigt. Natürlich bringt das Schwierigkeiten mit sich, ich will hier gar nicht irgendwelche verstrahlten Hippieparolen dreschen. Aber womöglich bringt es weniger Schwierigkeiten mit sich, als wenn man sich der monogamen Illusion hingibt. Unfassbar, wie viele Lebenslügen immer noch auf Partnerschaftskonstrukten beruhen!
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[*U_mag*]: Aber ist es nicht insgesamt so, dass Selbstfindung heute weit weniger wichtig ist als in den 70ern und 80ern? Weil es so schwierig ist, überhaupt noch einen Job zu finden, konzentrieren sich viele nur noch auf ihre Karriere, und alles andere wird zur Nebensache.
[*Maupin*]: Wieso sollte Selbstverwirklichung nicht mehr wichtig sein? Karrieristen hat es in den 80ern auch schon in den übelsten Ausprägungen gegeben, und zwar massenweise. Zumal ja auch das eine Art von Selbstfindung ist, egal, wie man nun persönlich zu jemandem steht, der sich über sein Konto definiert. Natürlich verändern sich die Maßnahmen, mit denen man sich selbst kennen lernt. Womöglich fahren heute längst nicht mehr so viele Leute zu diesem Zweck nach Indien, sondern sie starten lieber irgendwelche Experimente im Internet, mit denen sie ihre Persönlichkeit erkunden. Ich gebe ja zu, dass sich heute alles so unglaublich schnell verändert und weiterentwickelt. Aber es gibt in dem neuen Roman einen Satz, dem ich mich voll und ganz anschließen kann: "Man muss als älterer Mensch nicht mehr unbedingt mitkommen, man sollte nur für alles offen sein." Über diesen Satz sollten all diejenigen nachdenken, die behaupten, Selbstfindung sei heute nicht mehr so wichtig. (lacht) Und als Nächstes sollten sie nachlesen, was Podcasts sind.

[*U_mag*]: Wie wichtig sind Tabubrüche für die "Stadtgeschichten"?
[*Maupin*]: Spontan würde ich sagen, dass mich Tabubrüche nie interessiert haben. Aber wenn ich ehrlich bin, dann stimmt das nicht so ganz. Was in der Realität vorkommt, was mich umgibt und was mir Freunde erzählen, das kommt da auch rein. Natürlich ist es manchmal absehbar, dass gewisse Dinge schockieren. Und dann ist auch eine gewisse Vorfreude dabei.

[*U_mag*]: Für den aktuellen Teil dürfte es Ihnen sehr viel schwerer gefallen sein, Dinge zu finden, die schockieren.
[*Maupin*]: Das hatte ich eigentlich erwartet, aber die Realität hat mich eines Besseren belehrt. Mein Verleger in New York hat an dem neuen Roman Anstoß genommen und wollte, dass ich bestimmte Stellen eliminiere oder umschreibe. Das betraf den Dreier, den Michael und Ben mit dem Friseur von Michaels Mutter haben und der in dem Roman schon sehr ausführlich und explizit beschrieben wird. Zum anderen betrifft es die Figur Buck Angel. Buck Angel ist ein Transgender-Pornostar. Es ist ein muskulöser Bikerdaddy mit Tätowierungen und Bart. Aber Buck Angel wurde als Frau geboren und ist verdammt stolz auf seine Vagina. Auch dazu kann ich nur sagen: Buck Angel ist eine real existierende Person. Ich habe ihn persönlich kennen gelernt, er ist ein faszinierender Mensch, der verdammt genau weiß, wer er ist. Natürlich habe ich mich geweigert, an diesen Szenen etwas zu verändern.

[*U_mag*]: War Ihr Verleger ängstlich, weil die Konservativen in den USA wieder an Einfluss gewonnen haben?
[*Maupin*]: Genau das vermute ich. Man muss immer schauen, aus welcher Richtung der Protest kommt. Ich war nie ein religiöser Mensch und habe mich auf irgendein Himmelsversprechen verlassen, außer auf das, dass ich den Himmel hier in meinem irdischen Leben finden kann. Gerade bei der derzeitigen Erstarkung der Fundamentalisten ist es unglaublich wichtig, frontal dagegenzuhalten. Und ein flotter Dreier, bei dem ein verheiratetes schwules Paar involviert ist, macht sich da gar nicht schlecht.

[*U_mag*]: Aus ähnlichen Gründen hat R.E.M.-Sänger Michael Stipe vor kurzem gefordert, prominente Schwule sollten sich öffentlich zu ihrer Sexualität bekennen. Stimmen Sie dieser Verpflichtung zum Outing zu?
[*Maupin*]: Unbedingt! Ich selbst habe schon sehr viel mit Michael Stipe über dieses Thema geredet. Seit 30 Jahren versuche ich, schwule Kollegen von der Notwendigkeit zu überzeugen. Natürlich werden Vorbilder heute nicht mehr so dringend benötigt wie in den 80ern. An jeder Schule gibt es inzwischen Schwule, die offen dazu stehen. Zwar glaube ich nicht, dass die Konservativen und ihre Diskriminierungsversuche noch ernsthaft eine Gefahr darstellen, trotzdem sollte man die konservative Pest gleich im Keim ersticken. Es ist einfach wichtig zu zeigen, dass Schwulsein keine Schande ist. Ich kenne so unglaublich viele Promischwule, die nicht geoutet sind. Ganz Hollywood ist voll davon. Eine beliebte Ausrede ist: Ich definiere mich nicht darüber, unter welchen Umständen ich ejakuliere. Natürlich geht es den meisten bei ihrer Weigerung aber ums Geld, sie haben einfach Angst, nach ihrem Outing keine Rollen oder was auch immer angeboten zu bekommen. Aber Leute wie der Schauspieler Ian McKellen haben bewiesen, dass das nicht stimmt. Wenn sich alle outen würden, dann würde das Argument sowieso wegfallen. (lacht) Hollywood hätte gar nicht genug Schauspieler, um alle Filme ohne Schwule zu besetzen.