Foto Sibylle Berg - ROMANTIK IST BULLSHIT
Foto: Katja Hoffmann
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ROMANTIK IST BULLSHIT

Schriftstellerin Sibylle Berg holt das schönste aller Gefühle zurück auf den Boden der Tatsachen. Sie beweist: Liebe braucht Pragmatismus.

Interview: Juliane Rusche

U_mag: Frau Berg, warum tun wir alle uns so schwer mit der Liebe?
Sibylle Berg: Weil Liebe eines der wenigen Dinge ist, die eine Überraschung in unserem Leben sein können. Wir können, sind wir bei Trost, nicht darauf hoffen, einen Lotteriegewinn zu machen, schön zu werden oder genial. Oft sind wir auch einfach zu faul, um uns unsere Träume zu verwirklichen. Aber da ist noch die Liebe. Die große Unbekannte, von der viele meinen, dass sie ihr Leben völlig verändern kann.

U_mag: Trotzdem betonen Sie gerne, dass Sie Liebe für ein unspektakuläres Gefühl halten. Warum?
Berg: Ich verstehe etwas Leises, Beständiges unter dem Begriff Liebe. Etwas, das nicht nach einigen Monaten verschwindet, sondern was bleibt. Wäre Liebe ein Ausnahmezustand, so wie es das Verliebtsein ist, wir würden mit dem anderen nicht Jahrzehnte, nicht 24 Stunden zusammen sein wollen.

U_mag: Sind Sie selbst gut in Zweisamkeit?
Berg: Ich bin in allem hervorragend.

U_mag: Liebe kann Ihrer Meinung nach ein durchaus idyllischer Zustand sein. Richtig?
Berg: Was ist Idylle? Sicher ist Liebe idyllisch, wenn Sie damit meinen, dass es etwas ist, das uns unsere Erbärmlichkeit vergessen lässt.

U_mag: Warum geht es den meisten Menschen anders als Ihnen - warum halten so viele Liebe für etwas ganz, ganz Spektakuläres?
Berg: Wegen dem, was ich auf Ihre erste Frage geantwortet habe: Liebe ist Kitsch besetzt. Bücher, Filme und Kunst bestärken diese falsche Idee.

U_mag: Ist der Umgang mit Liebe eine Altersfrage?
Berg: Nein. Es gibt sehr intelligente junge Menschen und sehr dumme alte.

Zitat: "Die große Liebe erkennt man daran, dass man keine Angst hat, als Rohmaterial nicht zu genügen."

U_mag: Wie viel hat das allgemein vorherrschende Bild von Liebe Ihrer Meinung nach überhaupt mit der Realität zu tun?
Berg: Nichts. Kunst ist Kunst, und Schnaps ist Schnaps.

U_mag: Würde es beim Glücklichwerden helfen, wenn alle sich selbst nicht immer so wichtig nehmen würden?
Berg: Das hilft unbedingt und immer in allen Bereichen des Lebens. Hätte Hitler sich nicht so wichtig genommen, hätte er über sich und seine Albernheit lachen müssen. Meinen Sie, er hätte Kriege angezettelt? Meinen Sie, Selbstmordattentäter würden sich in die Luft sprengen, wenn sie innehielten und sich sagten: "Seh' ich nicht ein klein wenig doof aus, mit meinem Zottelbart, und ist die Geschichte vom Paradies nicht ein klitzekleines bisschen geflunkert?"

U_mag: Was glauben Sie: Woran erkennt man die eine große Liebe?
Berg: Wenn man nicht zu sehr mit Kitsch abgefüllt ist, erkennt man den richtigen Menschen daran, dass man sich nicht verstellen muss, sich nicht beim Reden hört, beim künstlichen Lachen. Dass man keine Angst hat, als Rohmaterial nicht zu genügen. Und: Dass man selber für den anderen fühlt. Mit großer Zärtlichkeit.

U_mag: Verachten Sie die Menschen dafür, dass Sie sich so verkitschten Vorstellungen von der Liebe hingeben?
Berg: Nein. Wer bin ich denn, dass ich jemanden für seine Gefühle verachten kann?

U_mag: Zumindest knallen Sie uns mit Ihrem neuen Roman "Der Mann schläft" eine Liebesgeschichte vor die Nase, deren Protagonistin Kitsch mit klaren Worten abtut.
Berg: Mein Buch zeigt eine andere Idee von Liebe als die allgemein und sehr oft von Literaten beschriebene ekstatische. Es ist ein Vorschlag, eine momentane literarische Idee, und hat mit mir als Person nicht viel zu tun.

Zitat: "Sei gesund, fit, gebräunt, kauf dir Wellnessurlaube und Champagner: Das ist Romantik."

U_mag: Ist Routine Gift für die Liebe?
Berg: Unser Leben besteht aus Routine. Ohne Routine würden die meisten von uns verrückt werden. Wer will sich und sein Leben denn täglich neu erfinden? Und vor allem: Wozu, wenn wir doch am Ende sowieso sterben?

U_mag: Sie sind eine erklärte Gegnerin von Romantischem. Warum sollte man auf Romantik besser verzichten?
Berg: Jeder kann machen, was er will. Ich weiß nicht, was Romantik meint. Ich sehe immer beschwipste Paare, die in einem Whirlpool hocken, in dem Rosenblätter verstreut wurden. Diese ganze Romantikkiste halte ich für manipulative Werbeideen. Sei gesund, fit, gebräunt, kauf dir Wellnessurlaube und Champagner: Das ist Romantik. Ich glaube, wenn wir dieses überstrapazierte Wort benutzen wollen, dann würde ich es nur im Zusammenhang mit der Atemlosigkeit verwenden, die die Freude der Ruhe mit einer geliebten Person beinhaltet. Wow, was ein Satz.

U_mag: In "Der Mann schläft" taucht die Aussage, Liebe sei ein Marketinginstrument, ebenfalls auf ...
Berg: Mit der Versprechung von Liebe lässt sich alles gut verkaufen. Mode, Kosmetik, die Sportindustrie und, und, und leben von der Hoffnung Einsamer.

U_mag: Wenn Liebe und Romantik nicht das Wahre sind: Passen denn Liebe und Pragmatismus zusammen?
Berg: Hervorragend. Es ist zum Beispiel pragmatisch, wenn man in einer guten Partnerschaft ist und einen anderen Menschen trifft, auf den man hormonell reagiert, sehr schnell seiner Wege zu gehen.

U_mag: Ist Sex wichtig für die Liebe?
Berg: Sex ist völlig überbewertet.

U_mag: Wie würden Sie am schnörkellosesten in Worte fassen, was Liebe ist?
Berg: Liebe ist das, was bleibt.

U_mag: Fazit: Das mit der Liebe, das ist alles gar nicht so wahnsinnig besonders.
Berg: Es ist besonders! Einen zu finden, der einen erträgt, und einen zu ertragen, ist besonders.

Check-Brief

Name: Sibylle Berg
Berufe: Schriftstellerin, Dramatikerin, Kolumnistin
Geburtsjahr: 1962
Geburtsort: Weimar
Wohnort: Zürich
Familienstand: verheiratet
Lieblingsthema: Männer & Frauen
Aktuelles Buch: "Der Mann schläft"
Lesereise: 18. 10. Frankfurt, 19. 10. Düsseldorf, 20. 10. Köln, 21. 10. München, 25. 10. Leipzig, 26. 10. Erfurt, 27. 10. Bochum, weitere Termine im November