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Donnerstag 02 | 09 | 2010





Foto Sasa Stanisic - DU MAGST ES HIER.
Foto: Juliane Henrich
go ahead | Gesellschaft | Sasa Stanisic

DU MAGST ES HIER.

Jeden Monat berichtet Sasa Stanisic, 31, ("Wie der Soldat das Grammofon repariert") von seinem Kampf mit den Absurditäten des Alltags.

Fürs Jubiläum könnt ihr Sasa Instruktionen aufgeben >>


300 Jahre ist es her, da schlug ein schnurrbärtiger Mann gegen die Tür eines Bauernhofs in der montenegrinischen Stadt Pljevlje, und es war früher Morgen, und wir Stanisics mochten es auch vor 300 Jahren nicht, früh aus dem Strohsack geworfen zu werden - der älteste der drei Brüder, die in dem Haus lebten, war nämlich nicht gerade enthusiastisch, einen türkischen Schnurrbart auf seiner Türschwelle zu sehen, der im Morgengrauen auch noch Steuergelder verlangte. Wäre der Schnurrbart nicht in Begleitung von vier Säbeln gewesen, so hätte der älteste Stanisic ihn an den Spitzen gepackt und mitsamt Turban in den See geworfen, der mit Nebel zugedeckt im Tal leise schnarchte.

Was das für eine Steuer wäre, die einem den Hut vom Kopf nimmt und das Brot vom Teller, rief der erzürnte Bruder, aber statt der Antwort gab es die Säbelspitze an die Brust. Man nahm den Brüdern die Pferde weg und kündigte an, wiederzukommen, mehr zu wollen.

300 Jahre ist es her, da erschlugen drei Brüder in einer kleinen montenegrinischen Stadt den Hund eines türkischen Beys* und stahlen sein Kamel, weil sie ihre Pferde nicht finden konnten. Sie machten sich mit dem, was sie tragen konnten, davon, trugen alles selbst, weil sie sich fürchteten vor dem Kamel. Sie wollten ein Zuhause finden, das allen dreien gleich gefiel, und sie reisten lange, bis sie in den bosnischen Bergen ein Quellwasser fanden, so süß, und eine Erde, zwischen den Fingern so weich, und einen Wald, so voll Wild.

An der Quelle machten sie Stein zu Wand, Holz zu Zaun, das Korn wuchs gut, und sie ehrten den Heiligen Georg, von dem man sagt, er habe einen Drachen getötet. Ihre Kinder mochten es hier, sie mochten den Blick ins Tal, das süße Wasser von Oskoru a, sie hatten vor dem Kamel keine Angst.

Mein Großvater ist in Oskoru a geboren. Aus dieser Quelle hat er getrunken, diese Felder hat er bewirtschaftet. Mein Urgroßvater ist in Oskoru a geboren. Das ist seine Kirsche, das ist sein Grab. Auf dem Grab essen wir heute geräuchertes Fleisch, trinken Multivitaminsaft: meine Großmutter, einige Dorfbewohner, ich. Ich, der hier noch nie war und dem die Familiengeschichte niemals wichtig schien. Bis ich heute Kerzen für die Ahnen angezündet habe. Bis ich auf den Grabsteinen fast ausschließlich den eigenen Nachnamen las. Ich suche nach meinem Gesicht in den Gesichtern der Toten.

Oskoru a wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Fünfzehn Leute leben hier noch, hundert waren es in den Siebzigern. Die Alten starben, ihre Kinder zogen in asphaltierte Orte. Auch das Haus meines Urgroßvaters ist verlassen; man zeigt mir den Kirschbaum, die Zweige laut vor Frucht. Die Gesichter der alten Männer im Dorf sind von einer Farbe, die ich mir vorstelle, wenn ich an einen gerade ausgegrabenen Goldklumpen denke. Ich trinke aus Urgroßvaters Quelle. "Was ist mit dem Kamel geschehen?", frage ich. "Man sieht es manchmal nachts im Nebel", sagt man mir.

Meine Großmutter hat meinen Großvater mit 17 kennengelernt. Er war ihr erster und blieb ihr einziger Mann. Sie besuchte ihn oft in Oskoru a. Im Sommer nahm er sie auf Dorffeste, tanzte mit ihr. "Ich kann mich hier nur an Sommer erinnern", sagt sie, "ich sehe immer Sommer."

Ein alter Mann, ein Großonkel, zeigt mir die Aufzeichnungen zu den drei Brüdern. Dazu ruft er aus: "Machen wir ein Fest! An der Quelle, wo alles begann! Alle Stanisics kommen! Wir sind Ärzte, Bauern, Schriftsteller! Ich weiß, wir gehören nicht alle hierhin. Aber wir alle mögen es hier. Unsere Berge, unser Korn! Den Sommer, seinen Himmel, das traurige, gute Land. Jetzt hast auch du es gesehen. Es bleibt für immer in deinen Augen. Auch wenn du sie schließt."

Von den drei Brüdern gibt es keine Spuren mehr. Ich bin ihre Spur. Das Quellwasser schmeckt nach Legenden, die, ganz egal wie wahr sie sind, einen umhauen. Es schmeckt nach einer Zeit, deren Teil man nie war, die man aber plötzlich in der eigenen Brust wiederfindet.

* Statthalter der Provinz

Jubiläum

TausendSasa wird 30: Nächsten Monat berichtet Sasa Stanisic, 31, ("Wie der Soldat das Grammofon repariert") bereits zum 30. Mal von seinem Kampf mit den Absurditäten des Alltags.

Fürs Jubiläum könnt ihr Sasa Instruktionen aufgeben. Es geht um simple, spezifische Handlungsanweisungen wie "Unterhalte dich mit einem alten Mann über den Krieg."

Schreibt einfach eine E-Mail an uns unter: sasa-umag@bunkverlag.de




02.11.2009






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